Übergriffe bei Regensburger Domspatzen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals spaltet die früheren Domspatzen

Alexander Probst als Domspatz, er gehört zu den Opfern. Heute spricht er öffentlich für sie, fordert Verantwortung von der Kirche.

(Foto: Privat)
  • Seit vergangenem Jahr arbeitet ein Gremium aus Kirchen- und Opfervertretern den jahrzehntelangen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen auf.
  • Am Dienstag wird der Opferanwalt Ulrich Weber seinen Abschlussbericht vorlegen.
  • Weber hatte 2016 mit einem Zwischenbericht für Entsetzen gesorgt, weil er weit mehr Opfer aufzählte als die internen Aufklärer des Bistums.
Von Andreas Glas

Er ist, wie man so sagt, das Sprachrohr der Opfer: Alexander Probst, 57, Bart, Brille, Glatze. Seit sieben Jahren redet er in Talkshows, seit ein paar Monaten liegt seine Autobiografie in den Buchhandlungen. Auf dem Umschlag ein Foto, das ihn als Bub zeigt, rotes Kleid, weißer Umhang, im Hintergrund der Regensburger Dom. Titel: "Von der Kirche missbraucht". Seit sieben Jahren also kämpft Probst dafür, dass er doch noch so etwas erfährt wie späte Genugtuung. Das Buch, sagt er, "ist mein persönlicher Abschluss" mit der Gewalt und dem Missbrauch, den er Anfang der Siebzigerjahre als Domspatz erlebte. Und wenn Opferanwalt Ulrich Weber an diesem Dienstag seinen Abschlussbericht vorlegt, dann soll der Skandal auch sein offizielles Ende finden, das ist jedenfalls der Wunsch: gemeinsam abschließen zu können. Aber so einfach ist das nicht.

"Es gibt zwei Lager", sagt Probst, und er meint damit nicht mehr die Kirche und die Opfer, die sich feindlich gegenüberstehen. Er meint hunderte früherer Domspatzen, die der Aufarbeitungsprozess der vergangenen Jahre gespalten hat. Da gebe es das Lager derjenigen, "die immer noch auf der Betonkopf-Spur rumlaufen" und der Meinung seien, dass die Zustände beim Knabenchor nicht so dramatisch waren, wie sie jetzt dargestellt würden. Und da seien die anderen, "die nie zufrieden sein werden", weil ihnen die Entschuldigung des Bistums und 5000 bis 20 000 Euro Entschädigung nicht reichten.

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Wenn man so will, dann gehört Alexander Metz, 71, zu ersterem Lager, zu den Betonköpfen. Ein freundlicher Mann, auch er trägt Bart, Brille, Glatze, auch er hat ein Buch über seine Zeit bei den Domspatzen geschrieben. Titel: "Der zerbrochene Engel". Das klingt nach einem, den die Gewalt bei den Domspatzen kaputt gemacht hat. Tatsächlich aber ist der Schutzengel aus Gips gemeint, den Metz immer im Arm hielt, wenn er in den Fünfzigerjahren im Domspatzen-Internat in sein Stockbett kroch - und der zu Bruch ging, als Peter, sein Bettkamerad, sich mit den Beinen von unten gegen seine Matratze stemmte und den Engel aus dem Bett schleuderte. Metz selbst ist nicht zerbrochen an den Prügeln, die er als Domspatz einstecken musste. "Ich habe gelitten", sagt Metz. Doch er sagt auch: "Ich will kein Geld haben. Man kann das nach 50 Jahren nicht mit Geld gutmachen. Das muss ich selber aufarbeiten."

Für Außenstehende mag das irritierend klingen. Da haben Lehrer und Priester zwischen 1945 und den frühen Neunzigern mehrere hundert Buben körperlich misshandelt, Dutzende sexuell missbraucht - und dann kommt einer wie Metz, ein Opfer eigentlich, und sagt: "In den Schulen ist doch bis in die Siebzigerjahre hinein überall geprügelt worden. Das heißt nicht, dass das schön war. Aber die schwarze Pädagogik war damals üblich, das war keine Spezialität der Kirche." Die Lehrer und Priester hätten es "nicht besser gewusst", die seien doch auch "Opfer ihrer Zeit gewesen".

Vor ein paar Jahren, sagt Metz, habe er dem Mathelehrer, der damals so grausam zu ihm war, einen Brief geschrieben. Der Lehrer habe ihn daraufhin zu sich nach Hause eingeladen, ihm seine Geschichte erzählt. Der Lehrer sei im Konzentrationslager gewesen, sei dort "gequält und schikaniert und gedemütigt" worden. "Er hat zu mir gesagt: Das Leben ist so hart. Ich wollte euch auf dieses harte Leben vorbereiten." Dieses Gespräch habe ihm gut getan, sagt Metz, "so kannst du deinen Seelenfrieden finden. Aber doch nicht mit 10 000 oder 20 000 Euro. Ich will keinen Schuldigen, ich will verstehen, wie es zu den Fehlern kam." Und überhaupt: Man könne von einer Institution keine Entschuldigung verlangen für Taten, die ein Einzelner begangen habe. Leider gebe es halt einige Leute, die solche Forderungen "zur Imagepflege nutzen", sagt Metz.

Natürlich wisse er, dass die Kirche "aus lauter Einzeltätern bestehe"

Zu diesen Leuten gehört für Metz offenbar auch Alexander Probst. Natürlich habe es viele Domspatzen gegeben, "denen nichts passiert ist", man muss das unbedingt betonen. Und klar, sagt Probst, eine Watschn sei damals nicht ungewöhnlich gewesen. "Wenn es sich aber um ständige Fälle fortgesetzter und schwerer körperlicher Gewalt handelt, ist das ein Unterschied." Dass es Ehemalige gebe, die sich gegen eine Aufarbeitung stemmen, weil sie selbst nicht betroffen waren oder mit der eigenen Opferrolle nicht zurecht kämen, bezeichnet er als "gesellschaftliche Dummheit". Natürlich wisse er, dass die Kirche "aus lauter Einzeltätern bestehe" und die Lehrer und Priester von heute nicht für die Verbrechen von damals verantwortlich sind. "Aber für mich war es die Institution, die das alles zugelassen hat. Die Verantwortung, dass die Täter zu Täter wurden, hat auch die Kirche zu tragen."

Dass er sich durch Fernsehauftritte und durch sein Buch profilieren wolle, streitet Probst ebenfalls ab. Man müsse die Geschehnisse laut in die Welt brüllen, "man muss das publik machen, auf die Kacke hauen, nur dann funktioniert das." Dass die Opfer nun Geld bekommen, sei "auch keine Entschädigung, sondern eine Anerkennung des Leids".

Immerhin, in einer Sache sind sich Metz und Probst einig

Er wolle "nichts beschönigen", sagt dagegen Alexander Metz, vor allem der sexuelle Missbrauch sei "natürlich schlimm". Aber er fürchtet, dass nun auch jene "kassieren" wollen, die es gar nicht so schlimm getroffen habe - und dadurch die Opferzahlen in die Höhe getrieben werden, die Anwalt Weber an diesem Dienstag präsentiert. Natürlich könne man das nicht ausschließen, sagt auch Alexander Probst. Aber dank "der Fülle an Informationen", die Weber über die Jahre gesammelt habe und mit Hilfe des Anerkennungsgremiums, das jeden Einzelfall auf Plausibilität prüft, gehe er davon aus, dass die Zahlen zu "über 90 Prozent" stimmten.

Immerhin, in einer Sache sind sich Metz und Probst einig: Jeder Betroffene muss seinen eigenen Frieden, seinen persönlichen Abschluss finden. Das sagen die beiden Domspatzen fast wortgleich. Seine Mission als Sprachrohr der Opfer betrachtet Alexander Probst mit Ulrich Webers Abschlussbericht als erfüllt: "Wir haben unsere Arbeit gemacht", sagt Probst, "und damit muss es für uns auch gut sein".

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