Turnabteilung des FC Bayern Abturner für die Aufsteiger

Spektakulärer Abgang: Brian Gladow und seine Teamkollegen - Meister der zweiten Liga, Aufsteiger - müssen sich neue Vereine suchen.

Zu viel Aufwand, zu wenige Mitglieder: Nach 40 Jahren und vier Meistertiteln löst der FC Bayern München eine Abteilung auf, an deren Zukunft er nicht glaubt. Die Aktiven hatten sich gerade erst wieder für die Bundesliga qualifiziert.

Von Andreas Liebmann und Ralf Tögel

Die Stimmung muss prächtig gewesen sein bei der Jahresabschlussfeier am 10. Dezember. Zwei Tage zuvor hatten die Kunstturner des FC Bayern München den Wiederaufstieg in die erste Bundesliga geschafft, in einem dramatischen Finale gegen die Siegerländer KV. Mit einer jungen Riege war der deutsche Mannschaftsmeister der Jahre 1983, 1986, 1987 und 1988 triumphal in die Erstklassigkeit zurückgekehrt. Das sollte noch einmal begossen werden. Nur eine feierliche Ansprache von Uli Hager fehlte noch. Hager leitet die Abteilung seit fast 40 Jahren. Doch ausgerechnet Hager eröffnete dem Plenum nun das Unbegreifliche, etwas, das er lange geheim gehalten hatte: Der FC Bayern München löst seine Turnabteilung auf.

Die Runde stand unter Schock und schwieg - allerdings nicht lange, wie sich Mannschaftsbetreuer Wolfgang Priegl erinnert. "Wir haben angefangen, nach Möglichkeiten zu suchen, wie es weitergehen kann." Hager hatte für 2014 seinen Rückzug angekündigt, Priegl hätte wohl die Nachfolge angetreten. "Wir haben noch am Abend einen Brief an das Präsidium aufgesetzt und darin gebeten, mit uns zu diskutieren, vielleicht über eine Umstrukturierung." Im Januar gab es ein solches Gespräch, Priegl und Mannschaftsführer Jakob Paulicks trafen sich mit dem zuständigen Bayern-Vizepräsidenten Rudolf Schels und dem ehemaligen Finanzvorstand Karl Hopfner. Parallel suchten die Turner Auswege, etwa den Umzug mit der kompletten Mannschaft unter das Dach eines anderen Vereins. Inzwischen aber ist klar: Die Abteilung ist Geschichte. Die Aktiven suchen bereits neue Vereine.

Schels nennt Gründe für diese Entscheidung: Die Turner sind eine kleine Abteilung mit sehr wenigen Mitgliedern, nur etwa 35 stünden auf der Liste. Der Aufwand sei daher "überproportional hoch", erklärt der Vizepräsident. "Ich bin ein großer Befürworter des Amateursports, aber bei den Turnern gibt es überhaupt keine Nachwuchsarbeit." Schels zieht einen Vergleich mit den prosperierenden Basketballern: "Dort gibt es eine Profimannschaft und einen riesigen Unterbau, es wird sehr viel in den Nachwuchs investiert." Bei den Turnern sei dies unmöglich, zumal es an den nötigen Einrichtungen fehle.

Auslöser aber sei der Rückzug von Hager, der "jahrzehntelang gute Arbeit" geleistet habe. Zudem würden die Anforderungen des Deutsche Turnerbunds (DTB) "an Wettkampfturnen ständig steigen", sagt Schels. In der Summe seien das einfach zu viele Hindernisse für den Fortbestand einer "extrem kleinen Mannschaft". Deshalb glaubt Schels, dass "es jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Entscheidung ist". Leicht sei dem Präsidium diese nicht gefallen, das betont der Vizepräsident, aber er, Hopfner und Präsident Uli Hoeneß seien sich einig.

Hager legt wie Schels Wert auf ein versöhnliches Ende. "Der FC Bayern hat vierzig Jahre lang das Kunstturnen in Bayern gefördert", betont er. Künftig sei der südlichste Punkt auf der Turn-Landkarte eben Stuttgart. Er hat ein gewisses Verständnis für den Schritt, man dürfe nicht vergessen, dass die kleineren Abteilungen nicht zur reichen Aktiengesellschaft gehörten, sondern zum gemeinnützigen Verein. Und Schels habe Recht: Die Anforderungen des Turnverbands stiegen ständig, allein die für Ligakämpfe vorgeschriebene Bodenfläche koste 60.000 Euro. Der FC Bayern hat seine Heimwettkämpfe zuletzt an umliegende Vereine verkauft und ließ vor jedem Wettkampf drei Lastwagen voller Geräte vorfahren. Kostenpunkt: 6500 Euro.

Nach sieben Wettkampftagen ist die Saison bereits vorüber - schwer, dafür Sponsoren und Publikum zu gewinnen. Mit der Dynamik im Basketball sei das nicht zu vergleichen, das weiß auch Hager: "Herr Schels hat mir schon bei den Finanzberatungen im Juli die Sinnfrage gestellt."

Die Bundesliga-Termine für 2014 stehen noch auf der Homepage der Abteilung, am 22. März hätte die Saison in Cottbus begonnen. Eines versteht Hager nicht so recht: Seit 40 Jahren sei es das Konzept der Bayern-Turner gewesen, eine Art Landes-Auswahl im Süden zu sein, wie Cottbus für Brandenburg oder Stuttgart für Baden-Württemberg. Eine Erstligamannschaft aus eigenem Nachwuchs zu formen, sei ohnehin nicht möglich.

Er vergleicht das mit einem Ruder-Achter, der auch nur funktioniere, indem die besten Ruderer aus verschiedenen Vereinen zusammengezogen würden. "Wenn der Verein aber nun eine Breitensport-Philosophie verfolgt. . .", sagt Hager und zuckt mit den Schultern. Eine weitere Profiabteilung hatte Hoeneß stets ausgeschlossen, die Ressourcen hierfür seien ausgereizt. Hager habe stets mit der Ungewissheit planen müssen, "wollen die noch oder wollen die nicht mehr?", aber er habe immer fair um seinen Etat gekämpft. Dies sei nun eine Niederlage, die schmerze.

Hager hat in fast 40 Jahren gelernt, mit Realitäten umzugehen. Und er hat die Entwicklung lange vorhergesehen: Der Turnverband grabe sich selbst das Wasser ab, sagt er. Indem er die besten Athleten "wie ein Staubsauger" an seine drei deutschen Stützpunkte ziehe, zählten diese nicht mehr zu ihren jeweiligen Landeskadern - damit sinken auch die zugewiesenen Mittel für die Landestrainer. Das sei in Bayern der Fall.

Ein weiteres Problem: Jene Leistungssportklassen, die Hager einst mithilfe des Kultusministeriums eingeführt hatte, seien vor einigen Jahren vom Olympiastützpunkt abgeschafft worden, um Mittel in den Wintersport zu stecken. "Aus diesen Klassen ist ein Marcel Nguyen herausgekommen", sagt Hager, "und ein Lukas Dauser." Turnen hat es schwer in Bayern, als Verein könne man da schon fragen, ob das noch Sinn ergebe.

Genau das hat Rudolf Schels getan. Er erkannte keinen Sinn mehr, auch nicht in dem Vorschlag Wolfgang Priegls, alles umzustrukturieren und auf Nachwuchs zu setzen. Priegl und einige Aktive hatten zuletzt geprüft, ob sie samt Erstliga-Lizenz zum TSV Unterhaching wechseln könnten, der FC Bayern hätte ihnen für diesen Fall eine Starthilfe gegeben. "Das hätte als Überbrückung für ein Jahr gereicht", sagt er - aber was dann? "Es wäre sinnlos gewesen, das Auseinanderbrechen nur ein Jahr hinauszuzögern."

Lukas Dauser hat ein reizvolles Angebot von der TG Saar bekommen, Alexander Maier vom MTV Stuttgart. Genau deshalb hatte Hager die Aktiven nicht früher eingeweiht: "Sie sollten kein verlorenes Jahr haben und mit dem Erfolg leichter einen neuen Verein finden." Falls einem das dennoch nicht gelingen sollte - die Wechselfrist für die erste Liga läuft bereits Ende Januar ab -, werde dieser weiter eine Trainingsvergütung vom FC Bayern erhalten. "Dafür hänge ich mich noch rein", sagt Hager, "es ist nicht so, dass wir zusperren und gehen." Zugesperrt wird trotzdem. Im Sommer wird die Abteilung abgewickelt.