Traumatisierter Flüchtling in Rosenheim Eine neue Chance für Momo

Die Behörden glaubten ihm nicht, dass seine Eltern tot sind, dass er als Kind auf der Straße lebte. Die Folge: Der Asylantrag von Momo aus Sierra Leone wurde abgelehnt. Doch der Petitionsausschuss des bayerischen Landtags hat sich nun einstimmig dafür ausgesprochen, dass der 18-Jährige bleiben darf.

Von Heiner Effern

Der 18 Jahre alte Mohamed Kamara aus Sierra Leone darf mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland bleiben, obwohl sein Asylantrag rechtsgültig abgelehnt wurde. Der Petitionsausschuss des bayerischen Landtags sprach sich einstimmig dafür aus und verwies den Fall an die Härtefallkommission des bayerischen Innenministeriums.

"99 Prozent der Fälle, die wir weitergeben, werden auch dort befürwortet", sagte der Ausschuss-Vorsitzende Hans Joachim Werner (SPD). Und er machte Mohamed, der selbst in den Landtag gekommen war, auch Mut für die letzte Hürde: die Entscheidung des bayerischen Innenministeriums. Dieses sei bisher den Vorschlägen der Kommission "zu 100 Prozent" gefolgt.

Kommt alles wie erhofft, wird Mohamed in ungefähr einem Jahr zum ersten Mal eine dauerhafte, rechtlich einwandfreie Aufenthaltserlaubnis in Deutschland besitzen.

Die anstehende Abschiebung des 18 Jahre alten Mannes, den nun alle Momo nennen, hatte in seiner neuen Heimat Rosenheim und an seinem Arbeitsplatz im Chiemgau für Entsetzen gesorgt. Mohameds Eltern sind während des Bürgerkriegs in Sierra Leone getötet worden, da war der Bub gerade vier Jahre alt. Er schlug sich auf der Straße durch, immer auf der Suche nach Essen und einem sicheren Platz zum Schlafen. Mit 14 Jahren schaffte er die Flucht auf einem Schiff. Er landete schließlich in München, später in einem Heim in Bad Aibling.

Momentan lebt er alleine in einer Wohnung in Rosenheim und befindet sich im zweiten Lehrjahr als Buchbinder in einem Betrieb in Prien am Chiemsee. In der Berufsschule hat er im Fach Deutsch die Note eins. "Eine einzigartige Integrationsleistung", sagt Ausschuss-Chef Werner.

Mohamed wollte trotz der enormen psychischen Anspannung der letzten Wochen selbst für sich sprechen. "Damit die Gegner sehen, dass ich wirklich hierbleiben will." Und er fügt später noch an: "Ich bin nicht hier zum Spaß." Er wolle nach der Lehre Abitur machen und dann Jura studieren, um als Anwalt Straßenkindern in seiner alten Heimat zu helfen. "Es gibt immer noch so viele davon."

Und dann sagte er noch den einen Satz im Saal 2 des Landtags, der viele Zuhörer frieren ließ. Er habe ja nun eine Therapie begonnen, um bleiben zu können, nur nach jeder Sitzung mit dem Psychiater "muss ich immer so viel kotzen". Durchschlafen könne er schon lange nicht mehr.

Die Erinnerungen, die einen jungen, schwerst traumatisierten Menschen auf diese Weise beuteln, hat er bisher weggesperrt. Der Vertreter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge deutete die lückenhafte Erinnerung von Mohamed an sein Leben in Sierra Leone jedoch nicht als Verdrängung schlimmster Erfahrungen, wie es in der Traumamedizin eine Selbstverständlichkeit ist. Er stufte den damals 15-Jährigen schlicht als Lügner ein.

Das Verwaltungsgericht schloss sich dem nach mündlicher Verhandlung an, ohne ein stichhaltiges Gutachten in Auftrag zu geben. Am 14. Februar 2012 war Mohamed endgültig ein abgelehnter Asylbewerber.

Politiker aller Fraktionen konnten sich im Ausschuss nicht erklären, warum dem 15 Jahre alten Buben nicht geglaubt wurde. Ursula Stahlbusch, die die Hilfe für Momo zuletzt koordiniert und auch die Petition eingereicht hatte, war deshalb trotz aller Freude und Erleichterung auch ein bisschen nachdenklich.

Wie es wohl jungen Flüchtlingen ergehe, die nicht das Glück hatten, auf einen aufmerksamen Fußballtrainer und einen kämpferischen Arbeitgeber zu treffen? "Die wären wohl schon weg", sagt sie. Die hätten nie diese Solidarität gespürt, die in vielen Menschen steckt. Für die wären nie in kürzester Zeit 5000 Unterschriften gesammelt worden. Für die hätte es keine spontanen Adoptionsangebote gegeben oder Hinweise aufs Kirchenasyl.

Momo sagt dazu: "Vielen Dank. Ich musste alles selbst machen, seit ich vier bin. Das ist ein neues Gefühl, das will ich weiterleiten."