Todesanzeigen digitalisiert Letzte Meldung aus dem Jenseits

Viele Totenroteln aus dem Kloster St. Emmeram sind mit auffälliger Bildsymbolik umrahmt.

Die Chorfrau Aloysia Schack muss ihrer Todesanzeige zufolge ein harter Brocken gewesen sein. Tausende Roteln aus dem 18. Jahrhundert sind nun in Regensburg digitalisiert worden - und verraten haarsträubende Details über das Leben der Menschen in Zeiten ohne Krankenhäuser und Autos.

Von Hans Kratzer

Was ist die beliebteste Seite in der Tageszeitung? Selbstverständlich jene mit den Todesanzeigen, die den Leser kurz und bündig mit der beängstigenden Endlichkeit des Lebens konfrontieren und ihn zumindest dahin gehend trösten, dass das Schicksal nicht ihn, sondern andere getroffen habe. Die erste Todesanzeige überhaupt wurde 1753 in Ulm gedruckt. Alte Papiere in den Klosterarchiven beweisen aber, dass Todesfälle auch vorher schon aufwendig kommuniziert worden sind.

Mittelalterliche Klöster haben demnach den Tod eines Mitglieds durch Boten an andere Klöster gemeldet, nicht selten über Tausende Kilometer. Dieser Brauch reiche bis ins 8. Jahrhundert zurück, sagt Bernhard Lübbers, der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, der sich intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt hat. Aus diesen Aufzeichnungen lassen sich viele Informationen über den Alltag und die Lebensumstände der Vergangenheit gewinnen, sagt Lübbers. Erstaunlich, dass dieses Schriftgut bislang wenig beachtet wurde.

Das könnte sich aber bald ändern, denn Tausende solcher Todesnachrichten aus dem Regensburger Kloster St. Emmeram sind nun digitalisiert worden, weshalb der Leser auf der Internet-Plattform "Bayerische Landesbibliothek Online" bequem am Schreibtisch nachlesen kann, von welchen Zipperlein die damaligen Menschen geplagt wurden, welchen Leidenschaften sie frönten und wie sie starben.

Dabei fällt auf, dass Nonnen in der frühen Neuzeit für damalige Verhältnisse erstaunlich alt wurden, das heißt, viele übersprangen das 60. Lebensjahr, eine zähe Schwester gab ihren Geist gar erst im 94. Lebensjahr auf.

Wenn damals ein Mönch oder eine Nonne gestorben war, dann wurden benachbarte und verbrüderte Klöster um Fürbitten ersucht. Nichts plagte die Menschen heftiger als die Angst vor der ewigen Verderbnis. Der Bote machte sich also mit einer sogenannten Totenrotel auf den Weg, einem Rundholz (lateinisch rotulus, Rolle), auf dem ein Pergament mit dem Nachruf auf den Verstorbenen aufgerollt war. Nachdem er den Text vorgelesen hatte, ergänzte das jeweilige Kloster die Rotel mit einem weiteren Pergament zu Ehren des Toten. Möglichst viele Gebete sollten dem Verstorbenen die Qual im Fegefeuer verkürzen.

109 Klöster und Stifte in 26 Wochen

Die Rotelboten legten zum Teil riesige Strecken zurück. Ihre Wege führten sie bis weit in den Norden hinauf und tief nach Italien hinunter. Die Routen lassen sich gut nachverfolgen, weil die Boten in den mittelalterlichen Rechnungsbüchern auftauchen, schließlich erhielten sie für ihre Dienste einen Lohn.

Aus den Eintragungen einer Totenrotel von 1499 lässt sich der Weg eines Boten der Zisterzienser von Raitenhaslach genau verfolgen. In einem Zeitraum von fast 26 Wochen hatte er 109 Klöster und Stifte in Bayern, Franken, Hessen, Sachsen, Böhmen, Österreich und Schwaben aufgesucht. Die Todesnachrichten wurden im Klosterarchiv abgelegt. So wuchsen reichhaltige Rotelsammlungen heran, die Zeugnis von der alten Trauerkultur ablegen.

Bedeutende Rotelsammlungen stammen aus dem Kloster Ensdorf (Diözese Regensburg) und aus der Stiftsbibliothek Admont (Steiermark), in deren Roteln aus dem 15. Jahrhundert Hunderte Klöstern verzeichnet sind.