Interview: K. Stroh, B. Kruse, A. Ramelsberger

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer über seine neue Rolle, seine Peitsche - und die Erinnerungen an Berlin. Mit Video.

Am Mittwoch ist Horst Seehofer genau 100 Tage im Amt. Er hat den Bayern das wohlige Gefühl vermittelt, dass er es schon richten wird. Wenn man auch nicht recht weiß wie. Die Bayern mögen ihn, auch wenn sie nicht so recht wissen warum. Video: Flo Falterer

Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer: "Man ist jetzt halt Manager in der Krise. Dinge, die man sich nicht aussuchen kann, muss man annehmen und aufarbeiten." (© Foto: AP)

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SZ: Bisher, Herr Seehofer, gab es in Bayern nur eine Patrona Bavariae. Gibt es mit Ihnen jetzt einen Patronus?

Horst Seehofer: Wie kommen Sie darauf?

SZ: Sie haben es geschafft, den Leuten das Gefühl zu geben, dass Sie über allem stehen. Dass man nur dem großen Horst vertrauen muss, und dann wird alles gut. Und dass Sie ohne Alternative sind.

Seehofer: Wenn Sie den Patronus Bavariae so beschreiben, schmeichelt das sicherlich. Im Ernst: Ich glaube, dass ich im Moment durchaus hilfreich bin - so viel Selbstbewusstsein darf man haben. Ich will die Erneuerung des Landes und der Partei massiv vorantreiben.

Dazu gehören auch neue Gesichter - so dass wir in überschaubarer Zeit mindestens ein Dutzend Frauen und Männer haben, die für jedes Amt im Staat und in der Partei in Frage kommen. Ich organisiere damit auch ein Stück weit meine eigene Nachfolge.

SZ: Sind Sie stolz auf sich?

Seehofer: Das war nicht immer so - aber im Moment bin ich schon zufrieden.

SZ: Warum?

Seehofer: Gemessen an all dem, was ich bisher in meinem beruflichen Leben gemacht habe, stehe ich jetzt vor einer ganz besonderen Herausforderung: eine Partei nach zwei schweren Wahlniederlagen übernehmen und eine Koalitionsregierung bilden, was wir über 40 Jahre hinweg in Bayern gar nicht kannten. Seit meinem Amtsantritt gab es wenig Wohlfühlthemen. Ich habe die ersten 100 Tage überlebt, aber in der Zeit wenig gelebt.

SZ: Vor einem Jahr, als Ihr Vorgänger Erwin Huber 100 Tage im Amt war, haben Sie ihm eine "glatte 2 plus" als Note gegeben. Welche verdienen Sie heute?

Seehofer: Eine 3 plus.

SZ: Was machen Sie schlechter als Huber damals?

Seehofer: Der Vergleich ist schwierig, denn damals standen wir in den Umfragen noch besser da.

SZ: Machen Sie Ihre Selbsteinschätzung nur von Umfragen abhängig?

Seehofer: Nein, vor allem von inhaltlichen Faktoren: Wie haben wir den Politikstil verändert, welche Erneuerung haben wir angestoßen? Da haben wir in diesen 100 Tagen mehr verändert als in vielen Jahren zuvor. Niemand wird uns vorhalten können, dass wir Defizite nicht konsequent begradigen - bei eher kleinen Dingen wie dem Nichtraucherschutz oder so großen wie der Bildungspolitik.

SZ: Ob Huber die Note 1 bekomme, hänge von den Wahlergebnissen ab, haben Sie damals gesagt. Er hat es nicht geschafft. Wie schaffen Sie die 1?

Seehofer: Welche Note ich im Jahreszeugnis habe, kann man Ende September nach der Europa- und der Bundestagswahl beantworten.

SZ: Noch wichtiger für Ihr Jahreszeugnis wird sein, ob Sie die Landesbank sanieren können.

Seehofer: Das ist in der Tat eine schwierige Aufgabe. Aber: Ich habe bisher niemanden gefunden, der einen anderen Vorschlag hatte als das, was wir getan haben: sie mit zehn Milliarden Euro zu stützen. Das gibt uns ein Höchstmaß an Sicherheit, aber versprechen können wir nichts.

SZ: Die CSU erhoffte sich von Ihnen Glanz und Ruhm. Nun müssen Sie ständig schlechte Nachrichten verkünden. Sie sind nun die Kassandra aus der Staatskanzlei. Wie gehen Sie damit um?

Seehofer: Man ist jetzt halt Manager in der Krise. Dinge, die man sich nicht aussuchen kann, muss man annehmen und aufarbeiten. Da hilft keine Flucht, kein Bagatellisieren. Ich habe sehr früh darauf hingewiesen, dass wir die schwerste Krise nach dem Krieg erleben werden. Nicht weil ich Kassandra bin, sondern weil ich realistisch die Lage beschreiben möchte.

Und politisch haben wir hier in München wie auch in Berlin durchaus den Takt mit angegeben. Wir waren das erste Bundesland mit einem Investitionsbeschleunigungsprogramm. Wir haben als Einzige zum ersten Konjunkturpaket des Bundes erklärt, dass es nicht ausreichen wird - und haben leider sehr schnell recht bekommen. Und wir haben schließlich das zweite Investitionsprogramm des Bundes sehr geprägt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Seehofer an Berlin vermisst und warum er keine Peitsche braucht.

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