SZ-Serie Schauplätze, Folge 28 Der Mann, der nie narrisch wurde

Auf der ganzen Welt wird der Heilige Bruder Konrad aus dem niederbayerischen Ort Parzham verehrt. Im Altöttinger Kapuzinerkloster ist noch heute die Pforte zu sehen, an der er mit stoischer Ruhe seinen Dienst verrichtete

Von Hans Kratzer, Altötting

Eine Figur wie der Bruder Konrad von Parzham wirkt in der heutigen Zeit geradezu paradox. Der 1934 heiliggesprochene Kapuziner war dem Anschein nach gänzlich frei von Wut, Aggression und Arglist. Stattdessen beherzigte er jene Tugenden, die zurzeit in der Politik, im Sport und in der Wirtschaft nichts mehr taugen. Alte Altöttinger bezeichnen den Bruder Konrad heute noch als "den Mann, der nie narrisch wurde". Narrisch ist hier nicht im Sinne von verrückt zu verstehen. Vielmehr hat er sich nach den vorliegenden Zeugnissen nie öffentlich geärgert, er ist nie laut geworden, und er hat alle Unbill dieser Welt still und gelassen erduldet.

Blick durch die alte Pforte, in der Bruder Konrad 40 Jahre lang wirkte

(Foto: Hans Kratzer)

Anlässe, um narrisch zu werden, hätte es für ihn durchaus gegeben, vor allem in seiner Funktion als Pförtner des Kapuzinerklosters St. Anna in Altötting, das seit 1961 seinen Namen trägt. Bruder Fabian, der als heutiger Pförtner in der Nachfolge des Bruders Konrad steht, erzählt gerne eine bezeichnende Geschichte, die exemplarisch für dessen Duldsamkeit steht. Demnach kam eines Tages ein Bettler an die Klosterpforte und bat um ein Essen. Bruder Konrad holte ihm aus der Küche eine Suppe. Der Mann kostete sie, warf ihm aber die Schüssel sogleich vor die Füße. "Die kannst du selber fressen", schimpfte der Bettler. Bruder Konrad klaubte ohne Murren die Scherben auf und sagte: "Gell, du magst sie nicht, ich hol dir eine andere."

Die Schlüssel der Pforte

(Foto: Hans Kratzer)

Bruder Fabian schildert diese Episode in einem ganz ruhigen Ton, der die dahinter steckende moralische Wucht erst recht hervorhebt. Es ist freilich schon mehr als 120 Jahre her, dass der Bruder Konrad gestorben ist, und mehr als 80 Jahre, dass er heiliggesprochen wurde. Auch wenn viele mit seinem Namen nichts mehr anfangen können: Er ist nach wie vor einer der volkstümlichsten Heiligen in Bayern, und weltweit sind Kirchen, Heime, Kindergärten, Schulen, Straßen und Apotheken nach ihm benannt.

Bildnisse des Heiligen werden in einer kleinen Dauerausstellung im Kapuzinerkloster gezeigt.

(Foto: Hans Kratzer)

Das Zentrum seiner Verehrung aber liegt in seinem alten Kloster im Herzen von Altötting, in dem Gedenkräume wie sein Sterbezimmer oder seine ehemalige Pforte öffentlich zugänglich sind. Die karg ausgestattete Pforte, in der er mehr als 40 Jahre gewirkt hat, ist noch originalgetreu erhalten. Einige Meter weiter findet der Besucher die moderne Pforte, die mit Handy und Computer auch heutigen Erfordernissen gerecht wird.

Der Konvent des Kapuzinerklosters besteht aus Bruder Fabian und sechs Mitbrüdern. Auch die Kapuziner leiden unter Nachwuchsmangel. Umso mehr gibt es an der Pforte zu tun. "Es kommen häufig Bedürftige, die wollen etwas zu essen", sagt Bruder Fabian. Sie bekommen dann eine Brotzeit. Andere bestellen Messen, und wieder andere kommen einfach vorbei, um zu reden. Da hat sich seit den Zeiten des Bruders Konrad nicht viel geändert, nur dass der eine noch weitaus größeren Ansturm von Petenten zu bewältigen hatte. Da den Kapuzinern die Betreuung der Wallfahrer oblag, war die Betreuung der Klosterpforte eine arbeitsintensive Aufgabe.

Das alte Besucherbuch aus den Zeiten des Heiligen

(Foto: Hans Kratzer)

Der Autor Erhard Karl schrieb einmal, dieses bescheidene Amt habe seinen besonderen Wert darin gehabt, dass es die "schwierigste Klosterpforte in ganz Bayern" war. Bis zu 200 Mal läutete täglich die Glocke wegen eines Begehrs, sei es ein Teller Suppe, ein Bier oder ein Stück Brot. Nach alten Aufzeichnungen wurden wöchentlich 70 bis 80 Laibe Schwarzbrot verschenkt. Dazu wurden jährlich 38 000 Liter Bier in Krügen an die Pforte geschleppt. Die Pforte war quasi Dreh- und Angelpunkt zwischen Innen- und Außenwelt.

Bruder Fabian steht in der Nachfolge von Bruder Konrad.

(Foto: Hans Kratzer)

Der 1818 in Parzham im Rottal als Johann Birndorfer geborene Bruder Konrad wurde schnell zu einer Institution. Der 1750 erbaute Bauernhof seiner Eltern, der den schönen Namen Venus-Hof trägt, existiert heute noch und dient als Wallfahrts- und Gedenkstätte. Statt den Hof zu übernehmen, trat Birndorfer 1849 in das Kapuzinerkloster St. Anna in Altötting ein. Dort versah er von 1852 bis zum Tod am 21. April 1894 das Amt des Pförtners. In der Klosterkirche, die 1953 in Bruder-Konrad-Kirche umbenannt wurde, fand er auch seine letzte Ruhestätte. Sein heiligmäßiger Ruf eilte dem Bruder Konrad schon früh voraus.

Bereits in Parzham raunten die Bauern: "Wenn der kein Heiliger wird, wird es niemand!" Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., rühmte Bruder Konrad 1934 in einer Predigt: "Er war die erhabene Ruhe eines reinen Gewissens, ein Meer des Friedens." Pacelli förderte auch dessen Erhebung "zur Ehre der Altäre". Die Heiligsprechung erfolgte am 20. Mai 1934, wobei ein "advocatus diaboli" (Anwalt des Teufels) vorher durchaus nach Sünden, Fehlern und Versäumnissen gesucht hatte, allerdings mit mäßigem Erfolg. Sein Leben sei zu wenig heldenhaft gewesen, trug er vor, Bruder Konrad habe keine Verfolgungen erlitten. Der "advocatus" warf ihm beim Seligsprechungsverfahren überdies vor, er habe an einem heißen Sonntag einer bayerischen Magd auf ihr Verlangen hin zwei Krüge Bier gereicht. Wer eine Weibsperson berauscht mache, der könne wohl kein Heiliger sein, lautete der Vorwurf.

Kardinal Faulhaber zerstreute wiederum in seinem Gutachten diese Bedenken mit dem Hinweis, "es könne unmöglich eine bayerische Magd gewesen sein, denn eine solche werde von zwei Krügen Bier nicht betrunken", und demzufolge stimme die Berichterstattung nicht.

So kam es, dass bis heute Tausende Gläubige die Silberfigur des Heiligen in der Gnadenkapelle aufsuchen, ebenso seine sterblichen Überreste und seine Räumlichkeiten im Kloster. Am Bruder-Konrad-Brunnen, dessen Wasser über eine Reliquie des Heiligen fließt, benetzen sich viele Wallfahrer Gesicht und Augen. Im Jahr 2018 dürfte sich die Verehrung weiter intensivieren, steht es doch im Zeichen des 200. Geburtstags von Bruder Konrad. Die Klosterkirche St. Konrad wird aus diesem Grund gerade renoviert. Am 21. April, dem Geburtstag, wird dort ein großes Pontifikalamt gefeiert, überdies werden im Jahreslauf drei Ausstellungen in Altötting das Leben des Bruders Konrad beleuchten.