SZ-Kuckuck im Winterquartier Käpt'n Kucks letzte Etappe

Käpt'n Kuck ist auf seiner letzten Etappe ins Winterquartier.

(Foto: LBV)

So richtig weg wollte der SZ-Kuckuck nicht aus dem Süden des Tschad - kein Wunder, denn er hat sich wochenlang an fetten Schmetterlingsraupen schadlos gehalten. Jetzt aber hat er anscheinend doch den Flug in sein Winterquartier im Kongo angetreten.

Von Christian Sebald

Na also, er fliegt doch. Wochenlang hat Käpt'n Kuck keinerlei Anstalten gemacht, die letzte Etappe in sein Überwinterungsgebiet in der Demokratischen Republik Kongo unter die Flügel zu nehmen. Markus Erlwein und die anderen Experten im Vogelschutzbund LBV mutmaßten schon, dass der SZ-Kuckuck womöglich in den "Plaines d'indonation des Bahr Aouk et Salamat" überwintern wird. Mitte August war Käpt'n Kuck in dem riesigen Vogelschutzgebiet im Südosten des Tschad angekommen. Dort gibt es nicht nur eine üppige Vegetation. Sondern auch viele fette Schmetterlingsraupen. Käpt'n Kuck hat sich dort so wohl gefühlt, dass er keinerlei Anstalten machte, auch noch die 1300 Kilometer lange Flugstrecke über den Äquator bis in den Kongo hinein anzutreten, wo die bayerischen Kuckucke für gewöhnlich überwintern.

Käpt'n Kuck gibt Rätsel auf

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Nun also doch. Am Wochenende hat der winzige Satelliten-Sender auf Käpt'n Kucks Rücken Flugdaten aus dem Grenzgebiet zwischen dem Tschad und der Republik Zentralafrika in die LBV-Zentrale im mittelfränkischen Hilpoltstein übermittelt. "Käpt'n Kuck hält sich jetzt ungefähr 300 Kilometer südlich der Plaines auf", sagt LBV-Mann Erlwein. "Das ist zu weit für einen kurzen Ausflug. Jetzt ist es endlich so weit. Käpt'n Kuck hat sich zur letzten Etappe aufgemacht." Schon bald wird der SZ-Kuckuck in den Regenwäldern im Kongo ankommen, wo er die Wintermonate verbringen wird.

So gute Nachrichten gibt es längst nicht von allen Kuckucken in dem LBV-Forschungsprojekt. Franz zum Beispiel, der sich wochenlang in Südfrankreich nahe Narbonne aufgehalten hat, ist seit einiger Zeit verschollen. Auch Markus, der einer Kontrollgruppe aus Kuckucken aus Weißrussland angehörte, hat schon seit Wochen keine Signale mehr abgesetzt. Die letzten, welche von ihm in Hilpoltstein ankamen, stammten aus Ägypten. "Natürlich kommt es immer mal wieder vor, dass unsere Kuckucke einige Zeit nichts von sich hören lassen", sagt Erlwein. "Aber wenn eine Pause so lange andauert, ist ihnen in aller Regel etwas passiert. Franz und Markus sind ziemlich sicher tot."

Vogeljagd rund um das Mittelmeer

Natürlich wird man nie erfahren, was mit den beiden LBV-Kuckucken passiert ist. Gut möglich, dass sie - so wie Zigtausende Zugvögel jedes Jahr im Herbst und im Frühjahr - von Vogeljägern erwischt worden sind. Die Vogeljagd ist rund ums Mittelmeer nach wie vor fest etabliert - auch wenn sie verboten und eine Straftat ist. In Südfrankreich und in Italien, aber auch auf Malta und Zypern gibt es nach wie vor viele Gegenden, in denen die Bauern und andere Landleute den herbstlichen Vogeljagden regelrecht entgegenfiebern.

Die Kuckucke gehen es locker an

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Besonders brutal ist die Vogeljagd aber in Ägypten. Das hat der Naturfilmer Jens-Uwe Heins, der für den BR arbeitet, aufgedeckt. Entlang der ägyptischen Mittelmeergrenze dokumentierte er schon vor zwei Jahren kilometerlange Fangnetze, die zwischen 3,5 Meter hohen, in den Sand gerammten Stäben aufgespannt waren. "Das war der Wahnsinn, wir wollten es erst nicht glauben", sagt Heins, "wir sind die ganze Küste abgefahren und überall waren Netze aufgespannt - alles in allem auf einer Länge von 700 Kilometern." Die Netze sind deshalb so tückisch, weil die Zugvögel, geschwächt von der anstrengenden Überquerung des Mittelmeers, sie als Rastplatz anfliegen und sich dann heillos in ihnen verfangen. Die Vogeljäger brauchen sie nur noch einzusammeln und in ihre rohen Holzkäfige zu stecken.

Mit riesigen Fangnetzen, die sich bis zu 700 Kilometer entlang der Mittelmeerküste erstrecken, wird in Ägypten Jagd auf Zugvögel gemacht.

(Foto: Holger Schulz)

"Das war schlimm, richtig schlimm", sagt Heins, "egal ob Fitisse, Steinschmätzer, Wendehälse, Pirole, Nachtigallen oder andere bei uns strenggeschützte Vogelarten, in Ägypten landen sie alle auf den Vogelmärkten und werden dort als Leckerbissen verkauft." Im Dutzend holen die Händler an ihren Ständen die Vögel aus den Käfigen, durchtrennen ihnen mit raschen Messerschnitten die Kehlen und werfen sie auf einen Haufen zu anderen Vogelleichen. Ein paar Jungs rupfen die kleinen Kadaver im Akkord, andere zerteilen die nackten Körper. "Ein Stück Chilischote rein, ein paar Gewürze, und schon landet der Vogel in einer Styroporpackung, fertig aufbereitet fürs Einfrieren oder frisch für irgendein Restaurant", sagt Heins. "Das ist ein Geschäft in ganz großem Maßstab."

Kuckucke als Delikatesse

Und das Geschäft mit den Zugvögeln wächst offenbar weiter. Erst im September war der Naturfilmer wieder in Ägypten. "Wir sind dort nicht nur auf sehr viel mehr Fangnetze gestoßen als vor zwei Jahren", sagt Heins. "Inzwischen sind sie auch landeinwärts gestaffelt, oft stehen drei Netze hintereinander." Aber nicht nur das, auf den Vogelmärkten wurden dieses Mal besonders viele Kuckucke angeboten. Zusammen mit allen möglichen anderen Zugvögeln saßen sie traurig und zerzaust in den Käfigen. Dabei ist so ein Kuckuck kein fetter Braten, bei einem Gesamtgewicht von 120 Gramm dürfte er keine 60 Gramm Fleisch haben.

Käpt'n Kuck ist derweil in Sicherheit. Das Grenzgebiet zwischen Tschad und der Republik Zentralafrika, in dem sich der SZ-Kuckuck derzeit aufhält, ist nicht nur sehr dünn besiedelt. Die wenigen Einwohner dort gehen auch nicht auf Vogeljagd, zumindest hat der LBV-Mann Erlwein noch nichts davon gehört. Die Region ist auch sehr waldreich, so dass der SZ-Kuckuck immer gute Deckung hat. "Außerdem ist Käpt'n Kuck sehr gewitzt", sagt Erlwein. "Wir haben kaum einen anderen Kuckuck in unserem Forschungsprojekt, der sich so zuverlässig meldet."