Suspended Coffee Kaffee mit Herz

Zwei Tassen Kaffee bezahlen, nur eine trinken: Wer einen "Suspended Coffee" ordert, spendiert einem Bedürftigen ein warmes Getränk. Die Idee aus dem Internet begeistert zehntausende Menschen auf der ganzen Welt - und hat nun erste Nachahmer in Bayern gefunden.

Von Martin Moser

Der alte Mann beugt sich tief über den Tisch, umklammert seine Tasse Kaffee, nippt daran - bloß keinen Tropfen verschütten. Er sieht ein wenig aus wie ein arbeitsloser Hafenarbeiter mit seinen schmutzigen Händen, den grauen Haaren und der zerschlissenen Windjacke. Seine wahre Identität ist nicht bekannt, doch die Geschichte zu dem Foto, auf dem er zu sehen ist, die bewegt weltweit zehntausende Nutzer auf Facebook. Der Mann hat seinen Kaffee nicht selbst bezahlt, ein Unbekannter hat die Rechnung übernommen - im Voraus.

Auch Stefan Wegwart hat das Bild auf Facebook gesehen und war von dem Prinzip des "Suspended Coffee" sofort begeistert. Seit gut zwei Wochen bietet der Wirt der Pilsbar "Blasius reloaded" in Kaufbeuren das Getränk nun selbst an. Eine Dame aus der Nachbarschaft war die erste, die einen Suspended Coffee bei ihm bestellte: Sie legte das Geld für zwei Kaffees auf den Tisch, bekam einen und ging.

Das Konzept an sich ist nicht neu, Gennaro Bussone kennt es noch aus seiner Kindheit. In seiner Trattoria an der Münchner Großmarkthalle verteilt der Neapolitaner schon seit 21 Jahren "Sospesos". "Das ist eigentlich eine alte neapolitanische Idee", sagt er, "und jetzt hängt sich eben jeder dran."

Seinen Ursprung hat der Suspended Coffee tatsächlich in seiner Heimatstadt, in der eine gute Tasse Kaffee zu den Grundnahrungsmitteln zählt. Die Neapolitaner bestellen nach einem Geschäftsabschluss oder einfach so, weil sie gute Laune haben, einen Espresso für sich und einen "Espresso Sospeso" für nicht so betuchte Mitbürger. Mit der Wirtschaftkrise gelangte die Idee nach Bulgarien und Spanien, seither verbreitet sie sich auf der ganzen Welt. Die Website coffeesharing.com führt für Europa bereits 122 Orte auf, an denen es "Suspended Coffee" gibt.

Saskia Rüdiger sucht in Deutschland nach Cafés, die sich dem Prinzip anschließen. "Mein Ziel ist es, die Idee bekannter zu machen", sagt sie. Im Moment stehen auf ihrem Blog 14 Cafés in Hamburg, Berlin oder Bielefeld. Und eben auch Wegwarts Pilsbar aus Kaufbeuren.

Große Kaffee-Ketten wie Starbucks oder Coffee Fellows gehören nicht dazu. Die meisten Cafébetreiber und Gastwirte in Bayern haben bislang noch nichts von der Idee gehört. "Das klingt schon nett", sagt Peter Wörner, ein Vorstand der Münchner Innenstadtwirte. Umsetzen will er sie in seinen drei Cafés aber nicht. "Stellen Sie sich mal vor, ich würde sowas bei mir am Marienplatz einführen", sagt Wörner. "Dann geht es bei den Bestellungen drunter und drüber."

Stefan Wegwart hat für sich eine einfache Lösung zur Abrechnung gefunden. Auf einer Strichliste notiert er, wie viele Kaffees bezahlt und wie viele abgeholt werden. Das System lebt vom gegenseitigen Vertrauen zwischen Spender und Wirt.

"Wichtig ist, alle bezahlten Kaffees auch weiterzugeben", sagt Frank-Ulrich John vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband. Die Frage sei nur, ob sich genügend Abnehmer finden: "Die Hemmschwelle nach so einem Kaffee zu fragen, ist groß." Die Bedürftigen müssten sich outen. Das Konzept dürfte deshalb eher in einer Großstadt wie München funktionieren, schätzt John. Dort gebe es zum einen eine größere Menge potentieller Spender, zum anderen blieben die Abnehmer eher anonym als an kleineren Orten.

In Kaufbeuren scheint sich diese Vermutung zu bestätigen: Bislang hat Wirt Wegwart noch keinen Abnehmer für seinen ersten "Suspended Coffee" gefunden. "Ich denke, es hat sich noch nicht genügend herumgesprochen", sagt er. "Bedürftige müsste es aber eigentlich genügend geben."