Suche nach Schildkröte im Allgäu Lotti zieht den Kopf ein

Die Fische? Umgesiedelt. Der Teich? Trockengelegt. Und "Lotti"? Unauffindbar. Die Schildkröte, die einem Jungen die Achillessehne durchgebissen haben soll, versteckt sich weiter am Oggenrieder Weiher im Allgäu. Helfer durchkämmen das Schilfbett, setzen Köder aus und errichten einen Elektrozaun. Ob sie heute noch fündig werden, ist zumindest ungewiss.

Von Thierry Backes

Vielleicht lebt sie schon seit vielen Jahren unerkannt im Oggenrieder Weiher, vielleicht auch erst seit ein paar Wochen. Sicher ist: "Lotti" ist ein Profi, wenn es ums Tarnen geht. Die Alligatorschildkröte, die am vergangenen Montag einen achtjährigen Jungen im flachen Wasser gebissen und ihm die Achillessehne gleich zweimal durchtrennt haben soll, bleibt unauffindbar.

Seit dem Wochenende ist der kleine Ort Irsee im Ostallgäu Schauplatz eines Sommerlochspektakels. Unzählige Journalisten sind in die Marktgemeinde eingefallen, um nach einer Schildkröte zu fahnden, von der immer noch keiner sicher weiß, ob sie überhaupt existiert. Bürgermeister Andreas Lieb hat eine Belohnung von 1000 Euro auf die Ergreifung des Tieres ausgelobt, man hat das Wasser aus dem Weiher ausgelassen und hunderte Fische (laut Abendzeitung Spiegelkarpfen, Graskarpfen, Rotfedern) umgesiedelt.

Ein 15 Mann starkes Team der Freiwilligen Feuerwehr von Irsee hat den sumpfigen Untergrund mittlerweile Quadratmeter für Quadratmeter abgesucht. Am Montag haben sich die Suchtrupps speziell dem Schilfgürtel gewidmet, in Ufernähe haben sie das hohe Grad abgemäht - mit dem Ziel, bis zum Abend einen Elektrozaun um den Weiher zu errichten. Außerdem werde man zwei Lebendfallen aufbauen und Fleischköder aussetzen, sagt Bürgermeister Lieb, der wegen der Schildkröte seinen Urlaub verschoben hat. Für Dienstag werden Zoologen aus München erwartet. "Dann wird das Gelände großräumig abgesperrt und wenn Ruhe herrscht, dann wird sie rauskommen."

Die Schildkröte, die auch verantwortlich sein könnte für den wundersamen Rückgang der Entenpopulation am Oggenrieder Weiher: "Wir hatten mal 13 Enten hier", sagt er, "heute gibt es nur noch eine."

Er gibt sich dennoch optimistisch und plant, seiner Familie bis Mittwoch in den Urlaub nachzureisen. Andere reagieren angespannt, wenn man sie auf das fremde Tier im heimischen Gewässer anspricht. "Wir hoffen, dass wir die Schildkröte bis heute Abend gefunden haben", sagt Feuerwehrkommandant Thomas Reuter. "Dann wäre der ganze Spuk vorbei." Ob ihm und seiner Mannschaft das gelingt, ist allerdings nicht so sicher wie man angesichts des überschaubaren Weihers meinen könnte.

Bei dem Tier, nach dem gesucht wird, handelt es sich wohl um eine sogenannte Geierschildkröte aus der Familie der Alligatorschildkröten - und die ist "von der Natur bestens ausgerüstet, sich im Schlamm zu verstecken", sagt der Leiter der Reptilienauffangstation in München, Markus Baur. "Es kann gut sein, dass Sie einen halben Meter an dem Tier vorbeilaufen, ohne es zu erkennen. Die Geierschildkröte ist quasi die Inkarnation von Tarnung. Und je mehr Radau es jetzt um den Weiher gibt, je mehr Menschen durch den Schlamm waten, desto mehr wird Lotti den Kopf einziehen."

"Bitte tun Sie der Schildkröte nichts"

Baur hat die Fotos von den Verletzungen des Jungen aus Bonn gesehen und glaubt, dass sie tatsächlich von einer im Weiher ausgesetzten Geierschildkröte stammen könnten. "Das Bissbild passt ziemlich genau. Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Verletzungen nicht anders entstanden sind."

Der Knabe selbst sorgt sich derweil um die Schildkröte, die ihm die Sommerferien ein wenig vermasselt hat. Laut Bild hat der Achtjährige dem Bürgermeister von Irsee einen Brief geschrieben: "Bitte tun Sie der Schildkröte nichts. Sie soll in einen Zoo."

Eine Geierschildkröte kann laut Baur bis zu 100 Kilogramm schwer werden und bis zu einem Meter lang. Sie gilt als die größte Süßwasserschildkröte der Welt und lebt eigentlich im Süden der Vereinigten Staaten, fühlt sich offensichtlich aber auch in einem mitteleuropäischen Weiher wohl. In freier Wildbahn ernährt sie sich unter anderem von Fischen, Fröschen und Schlangen. Ihre Haltung ist in Deutschland seit 1999 verboten. Die Geierschildkröte heißt übrigens so, weil sie über einen hakigen Oberkiefer verfügt, der stark an den Schnabel eines Geiers erinnert.

"Lotti" reiht sich ein in eine lange Tradition von Sommerloch-Tieren. Vor acht Jahren gab es am bayerischen Eichsee eine Schnappschildkröte, die nach dem Biss in den Finger eines Jugendlichen "Schnappi" getauft wurde. Vor zwei Jahren sorgte wochenlang - ebenfalls in Bayern - die Jagd auf die Kuh "Yvonne" für bundesweites Aufsehen. Das Tier hatte sich in einen Wald abgesetzt.

Und manchen ist auch noch der Kaiman "Sammy" in Erinnerung, der seinem Besitzer vor 19 Jahren an einem Baggersee bei Dormagen entfleucht war und danach aufwändig gesucht werden musste.

Mit Material von dpa und AFP.