Studie McKinsey sorgt sich um Bayerns Zukunft

Die Umwälzungen, vor denen der Freistaat unter anderem durch die Digitalisierung stehe, seien enorm, meinen die Autoren der Studie.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • McKinsey hat untersucht, wie gut Bayern für gesellschaftliche Umbrüche gewappnet ist.
  • Die Kriterien: Zahl der Patente, Durchlässigkeit des Bildungssystems oder Einkommensverteilung.
  • Das Fazit: Der Freistaat kann mit vielen Regionen nicht mithalten, 40 Prozent der Jobs sind bedroht.
Von Frank Müller

Bayern ist ein Land, in dem man sich auf die eigene Schulter klopft - das weiß jeder, der die Botschaften von Horst Seehofer, Markus Söder und Kollegen verfolgt. "Vorreiter in Deutschland", "Spitzenstellung in Europa": Mit weniger kommt im Freistaat keine Ministerrede aus. Vieles davon ist durch statistische Zahlen objektiv unterlegt. Doch wie gut steht Bayern da, wenn man nicht auf das Erreichte, sondern auf die Zukunft blickt?

Die Unternehmensberater von McKinsey gießen mit einer groß angelegten Studie sehr viel Wasser in den bayerischen Wein. Auf den Feldern, auf die es künftig ankommt, sei Bayern schon jetzt meist nur Mittelmaß. Wenn überhaupt. Die Umwälzungen, vor denen der Freistaat unter anderem durch die Digitalisierung und durch neue Arbeitsformen stehe, seien so groß, dass das Land seine Erfolgsgeschichte quasi neu erfinden müsse, meinen die Autoren der Studie.

Drastische Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

"Bayern 2025 - alte Stärke, neuer Mut", lautet der Titel der knapp 100 Seiten starken Analyse, die McKinsey an diesem Donnerstag veröffentlicht und die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Der Ton, den sie anschlägt, ist ein besorgter. Neue Techniken wie selbstfahrende Autos und Roboter, globale Krisen, Wachstum der Weltbevölkerung und viel mehr Migration - all das verändere die Welt so stark wie nie zuvor, heißt es in der Studie. "Bayern besitzt zwar ausgeprägte Stärken, ist aber auf die sich abzeichnenden Veränderungen noch nicht ausreichend vorbereitet."

Die Autoren Johannes Elsner und Martin Stuchtey ziehen darin viele Parallelen zu den Umwälzungen, wie sie manche Unternehmen gerade erleben, etwa der Energieversorger Eon mit seiner kompletten Neuaufstellung. Bayern stehe "vor den gleichen Herausforderungen wie große Unternehmen", schreiben sie. "Doch wie kann die Neuausrichtung eines ganzen Bundeslandes gelingen?"

Dass die Lage auch dramatisch werden könnte, wird an einer Zahl deutlich: Bis zu 40 Prozent der bayerischen Jobs stünden in den nächsten Jahren "in der Gefährdungszone" - seien also bedroht, wenn sich nichts ändere. Stuchtey sagt sogar: "Wir sind ziemlich sicher, dass 40 bis 50 Prozent der Menschen in den nächsten 20 Jahren in einer anderen Tätigkeit stehen werden als heute."

Wie gut ist Bayern aufgestellt?

Kern der Studie sind vorwiegend wirtschaftliche Analysen: Bayern verfüge über die bekannten herausragenden Wirtschaftsdaten beim Bruttoinlandsprodukt oder der Arbeitslosenquote, schreiben die Autoren anerkennend. "Bei klassischen volkswirtschaftlichen Kennzahlen schneidet der Freistaat hervorragend ab." Doch Stuchtey sagt nüchtern: "Wir haben uns nicht die Frage gestellt, wie gut ist Bayern? Sondern: Wie gut ist Bayern aufgestellt?" Darüber entschieden nämlich ganz andere Kriterien, heißt es in der Studie.

Es sind Indikatoren, die die Beweglichkeit und Reformfreude eines Staats zeigen sollen: Wie viele Patente melden die Einwohner an, wie durchlässig ist das Bildungssystem für untere Schichten, wie gut integriert das System Migranten? Auch das durchschnittliche Internettempo ist für McKinsey ein solcher Zukunftswert, genauso wie die Frage der Einkommensverteilung. "Ein großes Gefälle zwischen den Einkommen von Arm und Reich birgt die Gefahr sozialer Spannungen", heißt es - für McKinsey ein klarer Negativfaktor.

Von wegen Weltspitze

Bei diesem und anderen Kriterien ist Bayern plötzlich nicht mehr in der Weltspitze. Stuchtey und Elsner arbeiten mit viel statistischem Material die jeweilige Position des Freistaats im Wettbewerb der Bundesländer heraus, aber auch innerhalb einer weltweiten Auswahl vergleichbarer Regionen, nämlich Finnland, Israel, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz und Singapur. "Dann ist die Lage Bayerns gar nicht mehr so gut, nicht im nationalen und schon gar nicht im internationalen Vergleich."

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Vergleichsweise gut schneidet der Freistaat bei der Widerstandsfähigkeit seiner Wirtschaft gegen Krisen ab und bei der Patentrate. Besonders schlecht ist er beim Verhältnis von Arm und Reich und bei der Frage nach gleichen Bildungschancen - ausgerechnet bei sozialen Fragen also. Auch der Umgang mit Energie in der Wirtschaft ist durchwachsen.

Wo sich Bayern verbessern kann

Die Unternehmensberater schlagen viele Einzelprojekte vor, wie sich Bayern besser aufstellen könnte. Darunter sind zahlreiche Ideen für regionale Projekte. Stets gehe es darum, klare Ziele zu vereinbaren und diese stringent umzusetzen. Aufgeführt sind etwa eine "smarte Agrarpolitik", bei der das Land mit Spitzentechnik auf regionale, ökologische und tierschutzgerechte Produktion setzen solle. Oder die Schaffung einzelner Modellstädte, die mit Energie und Rohstoffen besonders nachhaltig umgehen.

Aber auch das Bewusstsein im Land nimmt McKinsey überraschend weiß-blau gefärbt in den Blick. "Urbayern" und zugewanderte "Neubayern" müssten zu gemeinsamer "Einheit in Vielfalt" finden und Bayerns Werte in der Globalisierung "offensiv verteidigen". Ziel seien dabei neue Möglichkeiten der Mitsprache für die Bürger und Politiker, die vorangehen: "Die Bürger sollten spüren, dass die Politiker die Veränderungen ernst meinen, Vorbilder sein wollen und konsequent handeln."