Stromversorgung Die letzte Reserve

Das Gaskraftwerk in Irsching ist eines der modernsten weltweit. Trotzdem wollen es die Betreiber stilllegen. Der Betrieb lohnt sich nicht.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Bayern wollte die Energiewende mit Gaskraftwerken meistern. Doch sie sind unrentabel und nur für Notfälle von Bedarf

Von Christian Sebald

Das waren Zeiten, als die Staatsregierung kategorisch erklärte, in Bayern könne die Energiewende mit nur vier bis fünf neuen Gaskraftwerken mit jeweils 800 Megawatt Leistung gelingen. Bundesregierung und Bundesnetzagentur bestritten dies vehement. Es folgte ein langer und wüster Streit. Am Ende sagte der Bund zu, dass es einige zusätzliche Anlagen geben werde. Zuvor sollte aber der Bedarf ermittelt werden. Das hat die Bundesnetzagentur nun getan. Ihr Fazit: Für die sichere Stromversorgung nach 2021 nicht nur in Bayern, sondern auch in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz braucht es zusätzliche Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 1200 Megawatt. 1200 Megawatt, das sind nur eineinhalb mal so viel Leistung, wie ein jedes der vier bis fünf Gastkraftwerke haben sollte, das die Staatsregierung ursprünglich allein für Bayern haben wollte.

Die Berechnungen sind ein Rückschlag für die Staatsregierung. Auch wenn er nicht überraschend gekommen sein dürfte. Schließlich hat Wirtschafts- und Energieministerin Ilse Aigner (CSU) schon in ihrem Energiekonzept von 2015 nur noch ganz allgemein davon gesprochen, dass zusätzliche Reserven nötig sein werden, wenn 2022 das letzte Atomkraftwerk in Deutschland abgeschaltet wird. Nun sagt Aigner lapidar: "Nach jahrelangem Ringen sind wir einen Schritt weiter: Die Bundesnetzagentur hat unsere Forderung offiziell bestätigt." So wie Aigner können auch die Netzbetreiber nicht wirklich zufrieden sein. Schließlich kamen sie zuletzt in einem Gutachten auf einen Bedarf an zusätzlichen Anlagen mit 2000 Megawatt Gesamtleistung.

Die Kraftwerke, um die es jetzt geht, sind sogenannte Netzstabilisierungsanlagen. Die Produktion von Strom, um ihn an Verbraucher zu verkaufen, ist nicht ihr Zweck. Sie sollen ihre Turbinen nur anwerfen, wenn ihr Strom als gleichsam letzter Schutz gegen einen Zusammenbruch der Versorgung oder zu ihrer Wiederherstellung nach einem größeren Ausfall benötigt wird. Die Netzbetreiber selbst hatten Sicherheitsbedenken vor allem für die Zeit zwischen der Abschaltung des letzten AKW 2022 bis mindestens 2025 angemeldet. Frühestens 2025 können nämlich die neuen Stromautobahnen in Betrieb genommen werden, die einmal Unmengen von Windstrom aus Norddeutschland in den Süden transportieren und damit die neue sichere Stromversorgung garantieren sollen. Der Bedarf für die Netzstabilisierungsanlagen ist vorerst bis Ende 2025 befristet. Es wird freilich rechtzeitig geprüft, ob sie auch danach noch nötig sind.

Der Grund für die Sicherheitsrisiken im Stromnetz ist der immer höhere Anteil an Wind- und Sonnenstrom. Windräder und Solaranlagen produzieren immer nur dann Strom, wenn ausreichend Wind weht und die Sonne scheint. Ihre Stromproduktion schwankt mit der Windstärke und dem Sonnenschein. Die kleineren und größeren Unregelmäßigkeiten im Leitungsnetz dadurch müssen durch das Hoch- und Herunterfahren anderer Kraftwerke ausgeglichen werden. Dafür existiert ein ausgeklügeltes Sicherheitsnetz mit konventionellen Anlagen, Reservekraftwerken, die nur bei akutem Bedarf zugeschaltet werden, der sogenannten Braunkohleserve und künftig eben auch den neuen Netzstabilisierungsanlagen. Als letztere eignen sich hervorragend Gaskraftwerke, weil sie passgenau eingesetzt werden können.

Allerdings haben Gaskraftwerke einen gravierenden Nachteil. Mit Kosten zwischen sieben bis neun Cent je Kilowattstunde ist ihr Strom sehr teuer. An der Leipziger Strombörse wird die Kilowattstunde Strom mit etwa drei Cent gehandelt. Deshalb sind die vorhandenen bayerischen Gaskraftwerke seit Jahren unrentabel. Das gilt auch für das Kraftwerk in Irsching an der Donau, eines der modernsten weltweit. Erst dieses Frühjahr haben seine Betreiber bekräftigt, dass sie Irsching deshalb stilllegen wollen.

So bleibt offen, wer in die neuen Netzstabilisierungsanlagen investieren soll. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Planungen für neue Gaskraftwerke, etwa in Haiming bei Burghausen, am Atomkraftwerk Gundremmingen oder in Leipheim. Dort haben sich die Stadtwerke Ulm/Neu Ulm (SWU) vor Jahren eine Fläche für ein 1200-Megawatt-Gaskraftwerk gesichert. 900 Millionen Euro wollten sie investieren. Angesichts der Krise der Gaskraftwerke ist es seit langem still um das Projekt.

Auch jetzt geben sich die SWU sehr bedeckt. "Die Bedarfsberechnung der Bundesnetzagentur ist ein wichtiges Signal für Projekte wie in Leipheim", sagt ein Sprecher. Derzeit sei es aber viel zu früh für Aussagen, "wann und unter welchen Randbedingungen das Kraftwerk in Leipheim realisiert werden kann". Aigner bekräftigt derweil, dass es für die neuen Netzstabilisierungsanlagen "einige gute Standorte in Bayern gibt". Man stehe in intensiven Gesprächen und habe Kontakte zu potenziellen Investoren.