Streit um Steigerwald Naturschutzgebiet soll "schleunigst wieder weg"

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Kurz vor Ende seiner Amtszeit hat Landrat Günther Denzler die uralten Buchenwälder im Steigerwald zum Naturschutzgebiet erklärt. Nun setzt Horst Seehofer Denzlers Nachfolger unter Druck: Der Beschluss soll annuliert werden. Für den Bund Naturschutz ist das reine Willkür.

Von Christian Sebald

Der Streit um den Naturschutz im fränkischen Steigerwald gerät völlig aus den Fugen. Es ist gerade einen Monat her, dass der damalige Bamberger Landrat Günther Denzler (CSU) in den uralten Buchenwäldern dort das bis dato größte Waldschutzgebiet in Bayern ausgewiesen hat, sieht man von den Nationalparken in Berchtesgaden und im Bayerischen Wald ab.

Nun macht Ministerpräsident Horst Seehofer Druck, dass Denzlers Nachfolger Johann Kalb (ebenfalls CSU) das Schutzgebiet schleunigst annulliert. Der Bund Naturschutz (BN) spricht von einem einzigartigen Willkürakt, der juristisch ohne Beispiel sei, und begreift ihn als Kampfansage. "So etwas hat es in der Geschichte des Naturschutzes noch nicht gegeben", sagt BN-Chef Hubert Weiger. "Wir werden das Schutzgebiet mit allen juristischen Mitteln verteidigen." Angeblich gibt es auch Überlegungen für ein Volksbegehren.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein bizarrer Zank in Franken, ist ein heftiger Grundsatzstreit um die Frage, wie es die Staatsregierung mit dem Naturschutz hält. Denn es geht nicht nur um die wüste Auseinandersetzung um einen Buchen-Nationalpark und ein Buchen-Weltnaturerbe, die seit Jahren im Steigerwald tobt. Bayern ist das einzige Bundesland, das sich den Forderungen der Bundesregierung nach mehr und vor allem einem deutlich besseren Naturschutz in seinen Staatswäldern hartnäckig verweigert.

Nur die Staatsregierung verweigert sich

Die Bundesregierung hat bereits 2007 beschlossen, dass zehn Prozent der Staatswälder unter strengen Schutz gestellt werden sollen, damit sie wieder die Urwälder von einst werden können. Seither weist ein Bundesland nach dem anderen einen Nationalpark aus, derzeit Rheinland-Pfalz und das Saarland im Hunsrück. Nur die Staatsregierung verweigert sich kategorisch. Forstminister Helmut Brunner (CSU) hat dem Bund nicht einmal Daten über die Wälder in Bayern herausgegeben, die strikt geschützt sind.

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Geschweige denn, dass er Wälder genannt hat, die schützenswert sind. Dabei erfüllt Bayern das Zehn-Prozent-Ziel des Bundes nicht einmal im Ansatz. Laut Experten stehen lediglich 2,5 Prozent der 770 000 Hektar Staatswald hier unter Naturschutz. Und das obwohl Seehofer 2007 als damaliger Bundesagrarminister keinerlei Kritik an dem Beschluss der Bundesregierung geäußert hat, geschweige denn sein Veto eingelegt hat.

Dabei ist der Freistaat im Besitz etlicher uralter Wälder, die es nach Einschätzung von Experten längst verdienten, Nationalparke oder Weltnaturerbe zu werden. Allen voran der Steigerwald rund um den Markt Ebrach mit seiner vormaligen Zisterzienser-Abtei, die heute die größte Jugendstrafanstalt Bayerns ist. Hier wachsen 300-jährige Buchen mit knorrigen Stämmen so hoch in den Himmel, dass man kaum ihre Kronen sieht. Hier herrscht auch schier unermesslicher Artenreichtum.

Sogar der Eremit kommt hier vor, ein braun-schwarzer Großkäfer, der lange als ausgestorben galt in Bayern und nur in völlig intakten Buchenwäldern lebt. Umweltverbände, aber auch viele Einheimische und Kommunalpolitiker fordern seit Langem ein Naturschutzgebiet und ein Weltnaturerbe rund um Ebrach.

"Unser Steigerwald"

So sehr die einen beides ersehnen, so sehr bekämpfen das die anderen. Allen voran der Innenstaatssekretär und unterfränkische CSU-Vorsitzende Gerhard Eck und sein Anti-Nationalpark-Verein "Unser Steigerwald". In ihm sind vor allem Bauern, Waldarbeiter, Sägewerker und Förster organisiert. Sie befürchten lauter Nachteile, wenn der Wald unter Naturschutz gestellt wird - bis dahin, dass dann angeblich Wege gesperrt werden und Spazierengehen verboten ist.

Eck und seine Unterstützer treten bisweilen militant und sehr lautstark auf. Aber auch Forstminister Brunner macht ungewöhnlich heftig Front gegen mehr Naturschutz im Steigerwald. Und Umweltminister Marcel Huber (CSU) und Ministerpräsident Seehofer versichern den Gegnern stets, dass im Steigerwald nichts gegen ihren Willen passiert.

Der frühere Bamberger Landrat Denzler ließ sich davon nicht beeindrucken. Er war von Anbeginn an einer der glühendsten Verfechter eines Nationalparks und Weltnaturerbes. Und er war fest entschlossen, beides voranzubringen. Zumal Bevölkerung und Kommunalpolitiker in seiner Region stets mehr Naturschutz im Steigerwald befürwortet haben. Also wies Denzler am 16. April, kurz bevor er nach 18 Jahren als Landrat aus dem Amt schied, bei Ebrach das 775 Hektar große Schutzgebiet "der Hohe Buchene Wald" aus.

Seehofer soll stets über Denzlers Absichten informiert gewesen sein

Eck und Co. sind seither erst recht verärgert. "Das Ding ist rechtlich nicht zu halten", schimpft der Innenstaatssekretär unablässig. "Das muss schleunigst wieder weg." Experten sehen das anders. "Das Schutzgebiet ist völlig korrekt ausgewiesen worden", sagt ein unabhängiger Fachmann. "Das kann man nicht einfach wieder annullieren, nur weil man gegen Naturschutz ist."

Zumal Denzler vorab auch das Agrarministerium und das Umweltministerium befragt hat. Dabei hätte die Staatsregierung dem Landrat nachweisen können, dass die Ausweisung juristisch nicht korrekt sei. Doch das hat weder das Agrarministerium, noch das Umweltministerium getan. Aber das ist es nicht alleine. Auch Seehofer soll stets über Denzlers Absichten informiert gewesen sein - und zu keinem Zeitpunkt interveniert haben.

Zumindest so lange, bis Eck begonnen hat, die Landtagsfraktion gegen das Naturschutzgebiet zu mobilisieren. Schon vergangene Woche soll es dort zu lautstarkem Unmut über Denzler gekommen sein. Als der Streit dann in dieser Woche Thema im Kabinett wurde, senkte Seehofer den Daumen. In dürren Worten forderte er Huber auf, dafür zu sorgen, dass das Schutzgebiet kassiert wird.

Huber hat nun den unangenehmen Job, Seehofers Aufforderung an Denzlers Nachfolger Kalb zu überbringen. Denn abgesehen davon, dass Experten die Annullierung juristisch weiter für ziemlich aussichtslos halten, kann nur einer das förmliche Verfahren hierfür in Gang setzen: der neue Bamberger Landrat. Kalb selbst ist in der Sache nicht zu sprechen. Dem Vernehmen nach will der 54-Jährige, der ebenfalls Jurist ist, aber nur auf direkte Anweisung aus München handeln.