Streit um Schulferien Früher in den Sommerurlaub

Streit um die Extrawurst: Pünktlich im August beginnen im Freistaat die Sommerferien. Jedes Jahr. Doch jetzt fordert Niedersachsens Kultusministerin Heiligenstadt auch von Bayern einen flexiblen Ferienbeginn. Das Schulministerium winkt ab, die Begründung ist kurios.

Von Andreas Glas

Von einer bayerischen Extrawurst will Ludwig Unger nichts wissen. Welches Bundesland wann Sommerferien macht, sei doch auf der Kultusministerkonferenz abgesprochen worden. Und zwar "im Konsens", beteuert der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums. Geht es nach Unger, dürfte es also niemanden stören, dass Bayerns Schüler jedes Jahr pünktlich im August in die großen Ferien gehen, während sich die übrige Republik - mit Ausnahme Baden-Württembergs - jedes Jahr an einen neuen Ferienkalender gewöhnen muss.

Mal beginnt der Sommerurlaub im August, mal schon in der dritten Juniwoche. Das ist ungerecht, findet Frauke Heiligenstadt (SPD), Niedersachsens Kultusministerin - und fordert, dass Bayern künftig auf seine Extrawurst verzichte. Was Heiligenstadt genau stört, lässt sich am aktuellen Ferienkalender Niedersachsens ablesen: Weil die Sommerferien mehr als eine Woche später beginnen als im Vorjahr, ist das Schuljahr 2012/13 auf gerade einmal 35 Unterrichtswochen geschrumpft.

Im Vergleich dazu haben Bayerns Schüler fast 38 Wochen Unterricht. Je kürzer das Schuljahr, desto mehr Stress für Schüler und Lehrer, lautet das Argument der niedersächsischen Kultusministerin. Mit anderen Worten: Bayern hat einen Standortvorteil gegenüber den anderen Ländern der Republik. Deshalb fände Heiligenstadt es "begrüßenswert, wenn sich ausnahmslos alle Bundesländer am Rotationsprinzip bei der Ferienregelung beteiligen würden. Es ist kaum nachvollziehbar, warum Bayern und Baden-Württemberg hier seit Jahren ausscheren."

Niedersächsische Wahrscheinlichkeitsrechnung

Dass Frauke Heiligenstadt sich ausgerechnet jetzt zu Wort meldet, hat damit zu tun, dass die Kultusminister gerade über die Sommerferienregelung für die Jahre 2018 bis 2024 beraten. Sie möchte Bayern und Baden-Württemberg dazu bewegen, sich - wie alle übrigen Länder - am Rotationsprinzip zu beteiligen, das einen jährlich wechselnden Ferienbeginn vorsieht. Ihre mathematische Begründung: Wenn statt 14 alle 16 Länder rotieren, trifft der frühe Ferienstart das einzelne Land seltener.

Ludwig Unger hält wenig von den niedersächsischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Er bleibt dabei: "Wenn etwas im Konsens entwickelt worden ist, kann man nicht von Bevorteilung reden. Es gibt keine Notwendigkeit, etwas zu ändern." Außerdem, sagt der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, brauche Niedersachsen doch nur selbst einen fixen Start der Sommerferien beantragen. In Bayern, so Unger, würde sich darüber jedenfalls "keiner beschweren".

Völlig beschwerdefrei würde das Ausscheren weiterer Bundesländer aus der Rotation aber kaum über die Bühne gehen. Schließlich ist die Regelung eingeführt worden, um den Urlaubsverkehr und den Touristenstrom in den Feriengebieten zu entzerren. Würden plötzlich alle Länder im August in die Sommerferien starten, käme es auf Autobahnen, Bahnhöfen und Flughäfen zu noch mehr Urlaubschaos als es im Sommer ohnehin schon gibt. Um dies zu verhindern, müssen laut Niedersachsens Kultusministerium "Kompromisse geschlossen werden, an denen sich alle Bundesländer gleichermaßen beteiligen". Kurzum: Auch Bayern muss sich von der gewohnten und vermeintlich attraktivsten Ferienzeit im August verabschieden.

Bessere Planung oder einfach egal?

Kurios: Während das bayerische Kultusministerium am fixen Ferienbeginn festhält, um Lehrern die Unterrichtsplanung zu erleichtern, haben die Lehrer selbst offenbar kein Problem mit dem Rotationsprinzip. Zwar will der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) die derzeitige Regelung nicht von sich aus ändern. Doch würde der Verband dem Wunsch anderer Bundesländer an einer Rotationsbeteiligung "keine großen Widersprüche entgegensetzen", sagt BLLV-Präsident Klaus Wenzel.

Dass Bayerns Politik auf dem Ferienzeitraum im Spätsommer beharrt, hält Wenzel für nicht mehr zeitgemäß: "Früher hatte das ja damit zu tun, dass die Kinder beim Ernteeinsatz zur Verfügung stehen sollten. In den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat mir das Argument eingeleuchtet, aber jetzt greift es nicht mehr."

Unger sieht das anders. Er hält es für "unbestritten, dass es immer noch landwirtschaftliche Betriebe gibt, in denen auch Kinder und Jugendliche mithelfen." Vor allem aber geht es ihm um den Erhalt des relativ langen Unterrichtszeitraums zwischen Pfingst- und Sommerferien. Würde sich Bayern am bundesweiten Rotationsverfahren beteiligen, könnte dieser Abschnitt auf bis zu zwei Wochen schmelzen - viel zu wenig für einen effektiven Unterricht, findet Unger.

Der BLLV-Präsident kann mit solchen Argumenten wenig anfangen: "In der bayerischen Politik ist ja immer wieder eine gewisse Beharrlichkeit festzustellen. Wenn man es leidenschaftslos diskutiert, kommt man zum Schluss, dass das rollierende Prinzip auch in Bayern durchgeführt werden könnte", sagt Wenzel - und stärkt gewissermaßen die Position der niedersächsischen Kultusministerin in den laufenden Verhandlungen über die künftige Sommerferienregelung. Ein Ergebnis erwartet Frauke Heiligenstadt Anfang 2014.