Steinzeit-Kunst entdeckt Geschlechtsorgane aus Stein

Archäologen haben bei Bamberg erstmals in Deutschland Höhlen-Gravuren aus der Steinzeit entdeckt. Dabei zeigt sich: Auch vor 12.000 Jahren ließen sich Künstler vom weiblichen Körper inspirieren.

Von Hans Kratzer

Wie das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege am gestrigen Mittwoch bestätigt hat, sind in einer Höhle im Landkreis Bamberg Gravuren aus der Steinzeit entdeckt worden. Die Experten des Denkmalamts schätzen das Alter der Einritzungen auf ungefähr 10.000 bis 12.000 Jahre. Es handelt sich um den ersten Fund steinzeitlicher Höhlenkunst in Deutschland überhaupt. Ersten Untersuchungen zufolge sind auf den Höhlenwänden unter anderem schematische Darstellungen von Frauenkörpern zu sehen. Dazu weitere Zeichen und Gravuren, die nach Auskunft des Denkmalamtes bis jetzt nicht zu identifizieren sind.

Bereits 1991 hatten bayerische Höhlenforscher die etwa 80 Meter lange Mäanderhöhle entdeckt. Auf den ersten Blick fallen die eigenartigen Ausformungen an den Wänden auf. Die vielfältigen Gesteinsformationen - manche schauen aus wie Brüste und Penisse - haben sich laut Denkmalamt im Laufe der vergangenen 150 Millionen Jahre infolge der Auflösung von Kalkstein durch eindringendes Wasser gebildet.

Von diesen an Körperteile erinnernden Gesteinsformationen haben sich die damaligen Höhlenbesucher wohl inspirieren lassen und Ritzzeichnungen angebracht. Womöglich sahen die Menschen in der Höhle einen Ort der Lust, in dem sie Fruchtbarkeitsfeste feierten, sagte der Archäologe Bernhard Häck der Wochenzeitung Die Zeit.

Durch einen sehr engen Eingangsbereich und nach Überwindung einer Versturzhalle erreicht man eine kleine "Kapelle" von nur wenigen Metern Ausdehnung. Hinter diesem Raum setzt sich die Höhle mäandrierend nochmals etwa 30 Meter lang fort - daher rührt auch der Name Mäanderhöhle. Der als "Kapelle" bezeichnete Raum befindet sich etwa in der Mitte dieses Systems. An seinen Wänden befinden sich die über Jahrmillionen entstandenen mineralischen Ablagerungen. Darauf brachten die Eiszeitmenschen ihre Gravuren an.

Vergleichbare Höhlen mit Steinzeitzeichnungen gibt es in Südfrankreich und Nordspanien. Die Mäanderhöhle ist in Zentraleuropa die erste bekannte Höhle mit dieser historischen Bedeutung. Ihre wissenschaftliche Erfassung, Erforschung und Bearbeitung ist derzeit noch nicht abgeschlossen. Eine Begehung ist für die Öffentlichkeit deshalb nicht möglich, teilte das Landesamt für Denkmalpflege am gestrigen Mittwoch mit.

Dass die Menschen schon in Urzeiten feine Kulturtechniken beherrschten, zeigt nicht nur der Fund im Landkreis Bamberg. Ein im Vorjahr in Österreich entdecktes Feuersteinwerkzeug, das aus der sogenannten Abensberger Schüssel stammt, beweist, dass der Abensberger Feuerstein bereits vor vierzig- bis hunderttausend Jahren, also zu Zeiten des Neandertalers, zu Werkzeugen verarbeitet und donauabwärts durch die Landschaften der Würmeiszeit transportiert wurde.