Stadtentwicklung Wie das Leben aus Bayerns Innenstädten verschwindet

Der Einzelhandel in Innenstädten steht unter Druck: In Traunreut gibt es in einer Ladenpassage in der Stadt unübersehbar Leerstand.

(Foto: Maximilian Gerl)

Viele Kommunen wollen Einzelhändler im Zentrum halten, damit Ortskerne lebendig bleiben. Gleichzeitig bauen sie oft Fachmarktzentren draußen auf der grünen Wiese. Eine Fahrt von Traunstein nach Bad Reichenhall.

Von Maximilian Gerl

Nach zehn Metern bleibt Christian Klotz stehen. Eine unsichtbare Grenze, auf der anderen Seite der Tod. Zwei verstaubte Schaufenster, dahinter war früher ein Friseursalon. Jetzt ist da nichts. Ein paar Meter weiter das gleiche Bild, nur größer: Das ehemalige Juhasz-Kaufhaus steht seit Langem leer. Der Eingang ist verrammelt. Drinnen wartet eine Leiter auf einen Handwerker, der nie kommt. Vier Stockwerke zählt das Gebäude, etwa 5000 Quadratmeter Verkaufsfläche, sagt Klotz. "Stattdessen baut man 5000 Quadratmeter vor der Stadt. Diese Entwicklung hat man überall in Bayern, das ist tödlich."

Der Einzelhandel in bayerischen Innenstädten steht unter wirtschaftlichem Druck. Und damit auch die Rathäuser: Fast alle Gemeinden beschäftigen sich mit der Frage, wie sie die Geschäfte im Ortskern halten können, die Bäcker und Metzger, Apotheken und Drogerien, Boutiquen und Schuhläden. Dass solche Geschäfte bleiben müssen, damit die Stadt aktiv und lebenswert bleibt, darüber herrscht Einigkeit. Warum der Einzelhandel unter Druck steht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen sagen, es liege an der Demografie. Die anderen behaupten, die Menschen kauften nur noch im Internet ein. Klotz sagt: "Blödsinn. Das liegt fast immer an politischen Fehlern."

Ingolstadt will das Silicon Valley Deutschlands werden

Gründer und Start-ups sollen in der boomenden Stadt mit regionalen Partnern die Mobilität von morgen entwickeln. Von Maximilian Gerl mehr ...

Klotz, 70 Jahre alt, hat sich einen Blick fürs Sterben angewöhnt. Dafür, wie gesund eine Stadt ist - und welche Symptome zeigen, dass es ihr nicht so gut geht, wie es scheint. Klotz war für die CSU Stadtrat in Bad Reichenhall. Heute macht er Stadtmarketing. Gemeinden können ihn buchen, er besucht sie dann und gibt Tipps, wie sie ihren Einzelhandel stärken können. 1000 Städte in Europa hat er so nach eigenen Angaben beraten. Klotz trägt eine Kappe mit dem Schriftzug "Rebellz forever", für immer Rebellen. Passt. Klotz beschreibt sich als "überzeugten Schwarzen" und wütenden Optimisten. Er ist wütend auf Politiker, die blind Entscheidungen treffen - und auf das Ergebnis ihrer Entscheidungen: Fachmarktzentren auf der grünen Wiese. Draußen vor der Stadt, wo niemand wohnt und alle mit dem Auto hinfahren müssen.

Klotz zeigt ein Beispiel für seinen Grimm, ein Fachmarktzentrum im Süden Traunsteins. Dort hat sich eine bunte Mischung an Geschäften angesiedelt. Immer wieder stoppt Klotz sein Auto für ein Urteil. Baumarkt und Gartencenter gut, Modeladen und Drogerie schlecht, "so was gehört in die Innenstadt". Dabei scheint es der gut zu gehen, siehe Maxplatz hinterm Rathaus: viele Läden, breites Angebot. Menschen flanieren. "Super", sagt Klotz. Dann geht er zehn Meter in eine Seitenstraße, die Marienstraße. Hier, wo das Kaufhaus leer steht, beginnt für Klotz das Sterben. Vereinfacht geht seine Formel so: Weil die Fachmärkte draußen groß und günstig bauen können, bieten sie viel Auswahl bei vergleichsweise niedrigen Kosten. In Kombination mit kostenlosen Parkplätzen führt das zu einer Abwanderung der Kundschaft - und zu toten Innenstädten.

Man muss dazu sagen: Für Leerstand kann es auch andere Gründe geben als Fachmarktzentren. Gerade bei alten Gebäuden scheuen Investoren oft die hohen Umbaukosten. Traunstein jedenfalls geht es wirtschaftlich gut, die Stadt hat ein großes Einzugsgebiet mit vielen Pendlern. Mehr als 2500 Gewerbe sind gemeldet, rund 500 Fachgeschäfte und Warenhäuser. Das Herz des Chiemgaus schlägt. Klotz sieht die örtlichen Fachmarktzentren dennoch kritisch, ein Herz kennt Belastungsgrenzen.

Dieser Mann fährt täglich 140 Kilometer zur Arbeit

Johann Lenz pendelt jeden Tag vom östlichen Ende Niederbayerns zum BMW-Werk nach Dingolfing und zurück. Zusammengerechnet saß er bereits eineinhalb Jahre im Bus. Von Theresa Krinninger mehr ...

Deshalb fährt Klotz weiter ins benachbarte Traunreut. Auf dem Rathausplatz ist wenig los, trotz Sonnenschein. Rundherum gibt es Banken, ein paar Modeläden, einen Imbiss. Zu wenig, was die Leute anlocke, findet Klotz. In der angrenzenden Kantstraße steht ein großes Kaufhaus, das City-Haus. Im Dezember macht es zu. Rechnet sich nicht mehr. Dahinter beginnt eine Ladenpassage. Nach vorne Geschäfte, hinten Leerstand, seit Jahren schon.