Helga Linse ist auf einem Bauernhof nahe Straubing aufgewachsen. Der Vater erlebte zwei Weltkriege und verlor dabei seinen Glauben an Gott. Davon geprägt, stellte sich seine Tochter von klein auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: "Die Wissenschaft gab mir aber keine befriedigende Antwort."

Anzeige

Vor allem die Erfahrungen auf ihren vielen Reisen überzeugten Helga Linse, dass die materielle Welt nur einen Teil unserer Existenz darstellen könne. Sie sah die Indianer, die sich bei den Seelen der von ihnen getöteten Tiere entschuldigten, sie beobachtete, wie sich die Tibetaner mit Fähnchen gegen böse Geister schützten, um wenige Tage später auf dem rational durchgestylten Flughafen in Frankfurt den maximalen Kontrast zu erleben. Sensible Menschen wie Linse reagieren auf solch extreme Kulturbrüche aufgewühlt.

"Der Verstand will Profit und Kontrolle, die Seele aber will Liebe", sagt Linse. Umso mehr beunruhigt sie, dass die moderne Zivilisation einseitig auf den Verstand fokussiert sei, was all die negativen Folgen vom Ellbogendenken bis hin zur Umweltzerstörung nach sich ziehe. "Wir tragen einen Schatz in uns, aber unsere Kultur unterdrückt ihn", sagt Linse am Ende des Gottesdienstes.

Sie will deshalb mithelfen, eine Balance zwischen geistiger und materieller Welt herzustellen, dafür meditiert, betet und lernt sie jeden Tag. "Hetty prophezeite, dass eines Tages Leute zu mir kommen werden, die in einer Lebenskrise sind." Aber noch ist es nicht so weit, noch steckt sie in einer jahrelangen Ausbildung. Der auf dem weiten Feld der Esoterik häufig mitschwingende Verdacht des schnellen Profits trifft auf Helga Linse gewiss nicht zu.

Die Gottesdienstbesucher umarmen sich, sie wirken beglückt und gestärkt durch das Erlebte. Der Dichter Oskar Maria Graf sagte einmal, dass der Mensch eine unergründliche Fehlleistung der Schöpfung sei, wie ein Blatt im Wind hilflos ausgeliefert den Mächten seiner Herkunft. Helga Linse glaubt das nicht, sie hat nach einem schwierigen Lebensweg zu ihrer Bestimmung gefunden. Vieles, was sie sagt, klingt einleuchtend, etwa wenn sie von der Zerstörungswut des Materialismus spricht, vom Verlust des alten Schamanenwissens.

Aber es gibt eben auch Kritiker wie die Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta, die einen religiösen Verbraucherschutz fordert, um der vagabundierenden Spiritualität Herr zu werden. "Wir schützen die Menschen heute besser vor Gammelfleisch als vor denen, die es auf ihre Psyche abgesehen haben", sagte sie kürzlich in einem Interview.

Frau Linse vertraut trotzdem auf ihre Heilerin Hetty: "Wer heilt, hat recht. Und Hetty heilte sogar Unheilbare." So bleibt Helga Linse in ihrer eigenen Welt - der Welt, die für sie die wahre ist.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Mit Geistern auf Du und Du
  2. Nachricht von den Toten
  3. Sie lesen jetzt Menschen wie Blätter im Wind
Leser empfehlen 

(SZ vom 03.09.2010/feko)