Sonderermittler Thomas Pfister Herr Überall

Der Strafverteidiger Thomas Pfister soll die Missbrauchsfälle in Ettal aufklären - nicht sein erster ungewöhnlicher Auftrag: Er vertrat schon einen Bischof, die Mafia und Michael Jacksons Konzertveranstalter.

Von Heiner Effern

In der Kanzlei von Thomas Pfister steht auf dem Schreibtisch ein Foto seiner Tochter. Wenn er erklärt, warum er als Sonderermittler im Kloster Ettal seine Gefühle manchmal nicht bremsen kann, dann dreht er einfach den Bilderrahmen zum Besucher hin um. "Deswegen", sagt er und deutet auf das lachende Kind. So glücklich sollten Buben und Mädchen aussehen, sagt er. Gewalt gegen Kinder sei ihm in jeder Form ein Gräuel.

Doch seit dem 25. Februar beschäftigt sich der Münchner Strafverteidiger mit nichts anderem mehr. Mit weit mehr als 100 Opfern sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt hat er gesprochen. Und nachts zu kurz und schlecht geschlafen, wie er sagt.

Die Rolle des externen Ermittlers trug ihm das Ordinariat des Bistums München an, in den Erklärungen für die Medien ist als Auftraggeber das Kloster Ettal genannt. Dort bezog er unmittelbar nach seinem Engagement ein Büro und diente als Ansprechpartner für all jene, die sich nicht direkt an Vertreter der Kirche wenden wollten.

Dass ihn die Schilderungen der früheren Internatsschüler auch persönlich belasten, zeigte ein kleiner Wutausbruch auf der Pressekonferenz, als er die erschütternden Ergebnisse seiner Recherchen in einem Zwischenbericht vorgetragen hatte. Der kommissarische Schulleiter Wolf Rall relativierte anschließend jüngste Misshandlungen von Schülern an dem Klostergymnasium. Die Kopfnüsse eines Paters seien eher spaßhaft gewesen, sagte der Schulleiter. Pfister stieg die Zornesröte ins Gesicht, mehrmals wies er den Ettaler Schulleiter scharf zurecht und bezichtigte ihn offen, die Unwahrheit zu sagen.

"Fehlende Distanz"

Einem erfahrenen Strafverteidiger wie Pfister war natürlich klar, dass er sich bei einem solchen Auftrag auch Feinde machen kann. Alt-Ettaler bezeichnen ihn in geschlossenen Internetforen als "Inquisitor" und unterstellen ihm fehlende Distanz zu den Opfern. Manche überlegen sogar, ob man rechtlich gegen ihn vorgehen könne.

Ärger kommt aber auch von einer ganz anderen Seite, denn Rechtsanwalt Pfister hat auch schon den umstrittenen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller vertreten - ausgerechnet in einer Missbrauchsangelegenheit. Die Familie eines Opfers warf ihm mehrmals im Fernsehen vor, sich in einem Streit um Therapien auf der Seite der Täter engagiert zu haben. "Die einen werfen mir vor, zu heftig gegen die Kirche zu ermitteln, die anderen, dass ich zu sehr auf ihrer Seite stehe", sagt Pfister. Diese Mischung spreche eher für als gegen ihn.

Mit dem öffentlichen Interesse an seiner Arbeit kann Thomas Pfister umgehen, er trat schon in spektakulären Fällen als Verteidiger auf. An seiner Bürowand hängt eine Widmung von Michael Jackson, der seinen inhaftierten Konzertveranstalter Marcel Avram in Stadelheim besuchen durfte. Avrams Anwalt: Pfister. Er verteidigte in Kempten italienische Straftäter, die angeblich zur Mafia gehörten.

Auch "Dr. Kimble", wie er in der Computerszene genannt wurde, gehörte zu seinen Kunden. Der frühere Hacker, mit bürgerlichem Namen Kim Schmitz, wurde wegen Insiderhandels zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Und auch in einem der letzten großen Strafprozesse in Oberbayern, in der Verhandlung über den Eishalleneinsturz von Bad Reichenhall, war Pfister dabei. Er erreichte für seinen Mandanten, einem am Rande beteiligten Architekten, einen Freispruch.

Lautstarke Vorwärtsverteidigung

"Natürlich ist mir klar, dass mich die Eltern der gestorbenen Kinder in diesem Moment hassen", sagt Pfister. Dass er vor Gericht bei den Schilderungen der Eltern, wie sie zum letzten Mal ihre Kinder lebend sahen, selbst schwer schlucken musste, das ließ er sich nicht anmerken. Das Theatralische gehört für einen wie Pfister auch zu seinem Beruf.

Wenn es nötig ist, betreibt er lautstarke Vorwärtsverteidigung, im Reichenhall-Prozess bedrängte er einen offenbar lavierenden und möglicherweise lügenden Zeugen so sehr, dass die Richter pikiert dreinschauten und sich seine Anwaltskollegen zumindest hinter vorgehaltener Hand irritiert äußerten. Poltern gehört für den Münchner Rechtsanwalt zum Geschäft, ebenso wie die Präsenz in der Öffentlichkeit. Pfister ist im Gerichtssaal und auch davor immer für einen flotten Spruch gut, und er liest den Spruch und seinen Namen am nächsten Tag auch mit Vergnügen in der Zeitung.

Solche Spielchen musste er in der Causa Ettal nicht bemühen, die Journalisten riefen wohl mindestens so häufig auf seinem Handy an wie die Missbrauchsopfer. Bei aller Empörung über die Missbraucher und Misshandler im Kloster Ettal ging manchmal unter, dass Pfister in seinem Bericht durchaus unterschieden hat zwischen dem "Kloster von gestern und dem von heute". Auch das gehört für ihn zum Job.