Somalier findet Zuflucht in Bayern Mogadischu - Nürnberg, eine Odyssee

Wie ein 17-jähriger Junge aus Somalia nach langer und gefährlicher Flucht bei einer evangelischen Kirchengemeinde Zuflucht fand.

Von Ulrike Heidenreich

Als Ahmed 14 Jahre alt war, da hatte er noch ein relativ normales Leben - zumindest für einen Jungen, der im Bürgerkriegsland Somalia aufgewachsen ist: Ahmed lebte mit seiner Mutter und den drei jüngeren Geschwistern in Mogadischu. Sein Vater war ein paar Jahre zuvor von Heckenschützen erschossen worden. Der Junge besuchte die Mittelschule und träumte davon, auf die Universität zu gehen.

Jetzt ist Ahmed 17 Jahre alt und lebt in Nürnberg. In diesen drei Jahren hat er Folgendes erlebt: Gewalt in einem islamistisch-militanten Armeelager in Somalia, Flucht quer durch Afrika, Gefängnis in Libyen, Horrorpassage auf einem überfüllten Flüchtlingsboot nach Italien, Flucht quer durch Europa nach Schweden, Asylantrag, Ausweisung, Absetzen nach Deutschland, Kirchenasyl in Nürnberg - und ständig die Angst, nach Afrika zurückzumüssen. Zu viel für drei Jahre, zu viel für ein junges Leben? "Es geht mir gut, ich bin froh, hier zu sein", sagt Ahmed und versucht ein Lächeln.

Ahmed heißt nicht Ahmed, er hat sich diesen Namen als Pseudonym zugelegt - damit seiner Familie in der Heimat nichts passiert und natürlich als Schutz für sich selbst, vor sich selbst. Manchmal erzählt es sich leichter, wenn die Person, die für das Flüchtlingselend in Afrika und Europa steht, einen fremden Namen trägt.

Der 17-Jährige hat in den vergangenen Wochen eine Art Prominentenstatus unter Flüchtlingskindern erreicht: Zum ersten Mal seit 14 Jahren hat eine evangelische Kirchengemeinde mit ihrer Pfarrersfamilie in Nürnberg Asyl gewährt. Dadurch gelang es Ahmed und seinem Anwalt, eine Überstellungsfrist nach Italien verstreichen zu lassen, er darf nun legal Asyl in Deutschland beantragen. Vielleicht ein Flüchtlingsschicksal mit glücklichem Ende, denn die Chancen für Ahmed stehen gut.

Der 17-Jährige ist dünn, er hat kurz geschnittenes Haar, wirkt ruhig bis verschlossen und sehr, sehr konzentriert. Ahmed spricht gut, fast akzentfrei Deutsch - obwohl er erst vor einem Jahr hier, mitten in Nürnberg, in einem Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, untergekommen ist. Für ihn war das ein Glücksfall und für seine Betreuer von der Wohngruppe "Bahia" wohl auch ein bisschen.

Sie haben so etwas wie traurige Routine darin, traumatisierte Jugendliche, hinter denen eine Odyssee aus Tod, Folter und Angst liegt, aufzubauen. Dietrich Schwarzer, ein Heilerziehungspfleger der Rummelsberger Dienste der Inneren Mission, sagt erleichtert: "Ahmed schafft es verdammt schnell, sich zu öffnen. Ich habe Jungs erlebt, die vier Jahre brauchten, um über ihre Erlebnisse zu berichten. Was man da zu hören kriegt, . . . solche brutalen Filme gibt es in keiner Videothek."

Ahmeds privater Horrorfilm beginnt im Jahr 2008: Drei Männer der al-Shabaab-Milizen stehen vor der Haustür seiner Familie, drängen ihn, sie zu unterstützen. "Da hatte ich Angst um mein Leben. Ich kannte bereits viele Nachbarn und Freunde, die von al-Shabaab gezwungen wurden, für sie in den Krieg zu ziehen und die nie wiederkamen." Auch seine Familie will nicht, dass Ahmed Kindersoldat wird, versteckt ihn.

Eines Nachts dringen bewaffnete Männer ins Haus ein, sperren ihn in eine Zelle ihres Armeelagers. "Jeden Tag wurde ich geschlagen und erniedrigt. Mehrmals in der Nacht kamen Männer in meine Zelle, die mir einen Eimer Wasser über den Kopf schütteten. Diese Zeit war für mich die Hölle, es hat mich seelisch gebrochen. Der Dreck, die ganzen Umstände, der Krieg in Somalia, der nie aufhören will. Ich hatte Angst, verrückt zu werden", erinnert sich Ahmed an diese Zeit. Gerade einmal 14 Jahre alt war er da.

Er hat jetzt fast vier Wochen gebraucht, um seine "Fluchtgeschichte", wie er sie nennt, niederzuschreiben. An einem Tisch in der Wohngruppe - jeder Satz, jede Erinnerung fiel schwer. Die somalischen Wörter hat dann ein Dolmetscher auf Deutsch in Form gebracht, Ahmed hütet dieses Papier sorgfältig und sagt: "Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, über mein Leben zu schreiben."

Verwandte von Ahmed, die schon früher vor dem Krieg nach Äthiopien und in die USA geflüchtet waren, zahlten den al-Shabaab-Milizen Geld für seine Freilassung. "Meine Mutter sagte, es wäre nur ein Frage der Zeit, wann sie wieder kommen. Sie bat mich, aus Somalia zu flüchten", sagt Ahmed. Er verschränkt die Arme, blickt zu Boden, er hat feuchte Augen.

Mit einem älteren Cousin fuhr er mit dem Bus nach Äthiopien, lebte einen Monat bei seinem Onkel in Addis-Abeba, bis dieser zu Schleppern Kontakt aufnahm, die Weiterfahrt organisierte. Es geht in den Sudan, nach Karthum, mit einem Lkw dann quer durch die Sahara Richtung Libyen. "Auf dieser Reise erlebte ich schreckliche Sachen, ich sah viele Leichen von Menschen, die in der Wüste verdurstet waren. Sie lagen am Straßenrand. Erwachsene in unserer Gruppe haben uns die Lebensmittel gewaltsam weggenommen, sodass wir die letzten Tage der Fahrt hungern mussten."

Irgendwie landet der Junge dann in Libyen, in Bengasi. Polizisten nehmen ihn nach ein paar Tagen fest, er wird ins Gefängnis Gafudo gebracht. Was genau Ahmed dort widerfahren ist, kann und will er auch jetzt nicht en detail erzählen - nur so viel: "Ich habe dort abscheuliche Dinge erlebt. Wir wurden wie Sklaven behandelt und waren rassistischen Angriffen ausgesetzt. Wir mussten hungern, ich war krank". Dann ein Massenausbruch aus dem Gefängnis - und Ahmed erlebt zum ersten Mal Positives in Libyen: "Ein Taxifahrer hat mir geholfen, mich im Kofferraum versteckt und zu einem Hotel gefahren."

Dort nimmt Ahmed Kontakt zur Familie auf, der Onkel aus Boston, Amerika, schickt wieder Geld. In der Hafenstadt Silton zahlt der Junge 1000 Dollar und steigt auf ein überfülltes Flüchtlingsboot. Das war am 17. November 2008. "Auf dem Boot . . .", Ahmed ringt um Worte, während er im Besprechungsraum der Wohngruppe Bahia sitzt, "war viel Angst. Wir waren 145 Leute, die Wellen hoch."

Zweieinhalb Tage lang hatte Ahmed Angst, dann landeten sie in Pozallo auf Sizilien. Im Flüchtlingslager in Vittoria werden ihm Fingerabdrücke abgenommen, er ist krank, geschwächt, verzweifelt, friert. Er versteht die italienischen Mitarbeiter im Lager nicht, Dolmetscher gibt es keine. Er wird von anderen Flüchtlingen im Lager bedroht und geschlagen. Bei seiner nächsten Station in Rom wird es nicht besser.

Dann wieder der Kontakt zur Familie, ein bisschen Geld, Ahmed steigt in den Zug und will nach Schweden, weil er hört, dass es Flüchtlingen dort besser geht. Über Papiere und Tickets will er nicht viel reden. Acht Monate lebt er dann in Schweden, doch gemäß der Dublin-II-Verordnung soll er zurück nach Italien abgeschoben werden. Diese Verordnung sieht vor, dass Fluchtgründe von Menschen, die bereits in einem anderen EU-Land waren, nicht weiter geprüft werden. Ahmed setzt sich wieder in den Zug, landet in München, von dort geht es über das Erstaufnahmelager Zirndorf bis nach Nürnberg. Hier lebt er im Haus der Rummelsberger Dienste in einem Zimmer unter dem Dach, schläft unter einer Bob-Marley-Fahne und beginnt eine Ausbildung als Elektrotechniker an der Berufsförderschule. Er spielt Fußball mit elf anderen minderjährigen Flüchtlingen im Haus, kocht am liebsten Spaghetti Bolognese, kommt zur Ruhe, schöpft Hoffnung, stellt einen Antrag auf Asyl.

Im September erfährt sein Anwalt Dominik Bender aus Frankfurt, dass die deutschen Behörden ihn nach Italien abschieben wollen, das Flugticket liegt bereit. Es muss schnell gehen, der Nürnberger Pfarrer Kuno Hauck schaltet sich ein. Er ist Ausländerbeauftragter im Dekanat Nürnberg und unter anderem mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik für seinen Einsatz zur Wahrung der Menschenrechte ausgezeichnet. Ahmed lebt bei ihm und seiner Familie vier Wochen lang im Pfarrhaus der Gemeinde St. Nikolaus und St. Ulrich.

Der Pfarrer sagt: "Unter diesen Umständen würden wir jederzeit wieder einen Flüchtling aufnehmen. Kirchenasyl ist ein Zeichen, dass die Kirche sich wieder aktiv in die Asylpolitik einmischt."

Der Sprecher des bayerischen Innenministeriums sagt: "Kirchenasyl findet keine Anerkennung in unserer Rechtsordnung. Gleichwohl üben die Behörden aufgrund der besonderen Stellung der Kirchen in derartigen Fällen Zurückhaltung."

Der Anwalt sagt: "In Italien herrschen für Flüchtlinge unerträgliche Zustände. Ahmed hat jetzt gute Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen. Er ist dankbar, ergreift jede Chance, integriert sich toll. Er wird der Gesellschaft ganz viel zurückgeben."

Ahmed hat einen Traum: "Ich möchte mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Nürnberg leben, ich habe Sehnsucht nach ihnen. Und irgendwann, wenn mein Land anders ist und Frieden ist, gehen wir zurück nach Somalia. Und ich arbeite dort als Ingenieur - so wie es mein Vater getan hat."