Situation an bayerischen Kliniken Verdi warnt vor dramatischem Personalmangel

Eine Grafik zeigt, was beim Personalcheck an bayerischen Kliniken herauskam.

(Foto: Statistisches Bundesamt)

Gehetzte Pfleger, enormer Arbeitsdruck und kaum Freizeit: Die Situation für das Personal in bayerischen Kliniken ist laut einer Verdi-Studie verheerend. Quer durch alle Beschäftigtengruppen müssten etwa 21.000 Arbeitsplätze besetzt werden - das merkten auch die Patienten.

Von Dietrich Mittler

In Bayerns Krankenhäusern herrscht ein dramatischer Personalmangel. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle bundesweite Studie der Gewerkschaft Verdi, die auf den Angaben von Klinikmitarbeitern beruht. "Für Patienten hat die Personalknappheit deutliche Folgen, besonders ältere Menschen leiden darunter", lautet das Resümee der Blitzumfrage, die erst am Dienstag im Freistaat in 41 von rund 370 Häusern stattfand. Insbesondere in der Pflege führt der akute Personalmangel offenbar zu belastenden Situationen.

Von den auf Intensivstationen befragten Fachkräften gaben zum Beispiel nur 55,3 Prozent an, dass die Körperpflege der Patienten sichergestellt sei. Auch bei der Eingabe von Nahrung gibt es offenbar Mängel. Nach den Hochrechnungen von Verdi fehlen in Bayerns Kliniken allein im Pflegebereich 10.000 Stellen. "Wer schon einmal als Patient oder als Angehöriger im Krankenhaus erlebt hat, wie gehetzt das Personal arbeiten muss, kann leicht nachvollziehen, dass beispielsweise in einem Bereich mit fünf Stellen eine sechste Kraft fehlt", teilte Verdi am Mittwoch mit.

Insgesamt, so die Hochrechnung der Gewerkschaft, müssten in Bayerns Krankenhäusern quer durch alle Beschäftigtengruppen sogar 21.000 Arbeitsplätze besetzt werden, um die anfallende Arbeit "in der notwendigen Qualität machen zu können". Dass der Arbeitsdruck von den betroffenen Mitarbeitern in der Pflege besonders hoch eingeschätzt wird, ist für Dominik Schirmer, bei Verdi Bayern für den Sozial- und Gesundheitsbereich zuständig, nicht verwunderlich. "In der Zeit des schärfsten Personalabbaus zwischen 1997 und 2007 wurden in Bayern 5500 Stellen in der Pflege abgebaut - und das bei steigenden Patientenzahlen", sagte Schirmer.

Im Berufsalltag der Pflegenden führt das nach Aussage von Verdi häufig zu Stress-Situationen, die bis in die Freizeit hineinreichen. Nur zu oft bekämen Krankenschwestern und -pfleger von ihrer Station einen Anruf mit der Botschaft 'Bei uns ist jemand ausgefallen, du musst reinkommen'.

Wenn Freizeit unkalkulierbar wird

"Freizeit ist da überhaupt nicht mehr kalkulierbar", sagte Schirmer. Eine vernünftige Personalplanung, die solche Ausfälle einkalkuliere, finde schon lange nicht mehr statt. "Die personelle Unterdeckung ist in den Häusern de facto schon Planzustand", kritisierte er.

Um diese Fehlentwicklung zu korrigieren, müsse dringend wieder die 1996 vom damaligen Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer abgeschaffte gesetzlich geregelte Personalbemessung eingeführt werden. Ohne die Vorgaben des Gesetzgebers werde der Personaleinsatz in den Krankenhäusern "freihändig und nach Gutdünken" vorgenommen, sagte Schirmer.

Sogar "extrem besorgniserregend" ist aus Sicht von Verdi indes, dass Auszubildende die Lücken füllenmüssten, die durch den herrschenden Personalmangel aufgerissen werden. "Eine ordentliche Ausbildung ist da nicht mehr gewährleistet", kritisierte Schirmer.

Siegfried Hasenbein, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), will die neue Verdi-Studie nicht kommentieren - dazu fehle ihm Hintergrundwissen über die Methodik, mit der Verdi bei diese Umfrage vorgegangen sei. Offenbar sei hier aber der subjektive Eindruck der Mitarbeiter abgefragt worden, und der könne bisweilen vom tatsächlichen Stellenplan deutlich abweichen.

"Richtig ist aber, dass es in den Krankenhäusern zu wenig Stellen gibt, da die Einrichtungen zum Sparen gezwungen werden", sagte Hasenbein. Und da werde in erster Linie beim Personal eingespart. Nicht immer aber stecke der Einsparungsdruck hinter der Personalknappheit: "Selbst wenn Häuser Leute einstellen wollen, finden sie aufgrund des Fachkräftemangels niemanden", sagte Hasenbein. Die Krankenhausgesellschaft weise ja schon seit langem darauf hin, dass die Personalsituation in den Häusern "sehr angespannt" ist.

Es mangelt an Fachkräften

Schuld an dieser Entwicklung ist nach Aussage von Verdi aber auch die bayerische Staatsregierung. Die habe am Ende der Ära Edmund Stoiber 2003 die Zuschüsse für Baumaßnahmen an Krankenhäusern drastisch beschnitten. "In Folge dessen werden von den Kliniken Betriebsmittel zweckentfremdet, die eigentlich von den Krankenkassen zum Unterhalt der Kliniken für Personal, medizinische Gebrauchsgüter und Verpflegung zur Verfügung gestellt wurden", sagte Verdi-Fachbereichsleiter Dominik Schirmer.

Im bayerischen Gesundheitsministerium will man solche Vorwürfe nicht hören. "Wir haben die Zuschüsse doch jetzt erst wieder erhöht auf 500 Millionen Euro", sagte eine Sprecherin. Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) sieht derzeit mit Blick auf ganz Deutschland andere in der Pflicht: "Es kann nicht sein, dass Bayern die Investitionskosten für den Erhalt der bayerischen Krankenhäuser erhöht, der Bund sich aber bei den Betriebskosten nicht noch mehr bewegt", sagte er.