Ministerpräsident Seehofer entlässt seinen Büroleiter, weil der in einem Computer der CSU-Zentrale schnüffelte. Jetzt rätseln alle über die Hintergründe der Tat.
Es war ein Sicherheitscheck in der CSU-Parteizentrale, der alles auslöste. Dabei wurde in der vergangenen Woche klar, dass im Februar jemand von außen in den Computer des neuen CSU-Landesgeschäftsführers Bernhard Schwab eingedrungen war. Schnell war auch klar: Dieser Jemand saß in der Staatskanzlei. Dies berichteten mehrere Insider der Süddeutschen Zeitung.
Spion im Haus? Horst Seehofer bei einer Pressekonferenz in der Staatskanzlei. (© dpa)
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Ministerpräsident Horst Seehofer wurde eingeschaltet, auch die Chefbeamtin der Staatskanzlei, Karolina Gernbauer, die dort erst seit einer Woche sitzt. Seehofer ordnete offenbar sofortige Aufklärung an.
Am Samstag soll Gernbauer ihm dann mitgeteilt haben, dass dieser Jemand mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit Markus Zorzi war, Schwabs Vorgänger als CSU-Landesgeschäftsführer und inzwischen zum Büroleiter Seehofers in der Staatskanzlei aufgestiegen.
Der CSU-Chef und Ministerpräsident, der Zorzi sehr schätzt, soll sehr konsterniert gewesen sein, wird aus seinem Umfeld berichtet. Am Dienstag wurde offiziell, dass der Spähangriff Folgen haben wird. In einer dürren Presseerklärung teilte die Staatskanzlei mit: "Der Leiter des Büros des Ministerpräsidenten wurde wegen eines Dienstvergehens von seinen Aufgaben entbunden. Ein Disziplinarverfahren wird eingeleitet."
Am Montagvormittag hatte Amtschefin Gernbauer den verdächtigten Zorzi mit den Vorwürfen konfrontiert, der räumte nach Informationen der SZ alles ein. Seehofer saß da gerade im Parteivorstand. Später fuhr der Ministerpräsident in die Staatskanzlei und saß dort mit Zorzi zusammen. Auch dem Ministerpräsidenten gegenüber räumte er alles ein. Ein Motiv für sein Handeln, so ist zu hören, habe er bislang niemandem gesagt. Nur entschuldigt habe er sich.
Über die Hintergründe von Zorzis Verfehlung rätseln auch die, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Der Mann gilt als "hochkorrekt", als umgänglich und geradlinig. Einige gehen davon aus, er habe offenbar nicht auf das Herrschaftswissen verzichten wollen, das er als Leiter der CSU-Landesleitung gehabt hatte.
Andere berichten, zwischen Schwab und seinem Vorgänger Zorzi habe es seit Jahren immer wieder Spannungen gegeben. Hintergrund kann auch sein, dass Zorzi den Landesgeschäftsführer Schwab, der als einziger verbliebener Stoiber-Mann in der CSU-Zentrale gilt, ausforschen wollte. Auch strafrechtlich kann der Vorfall Konsequenzen haben - dann, wenn Schwab Anzeige gegen Zorzi stellt.
Seehofer entließ Zorzi am Montag umgehend. Als Grund soll er gesagt haben, er könne so ein Vorgehen in der Staatskanzlei, in seinem Umfeld nicht dulden - schon allein deshalb nicht, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, eine Bespitzelung der CSU-Landesleitung gar selbst angeordnet zu haben.
Über so einen Vorwurf war letztendlich der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber gestrauchelt, dem die damalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli vorgeworfen hatte, sein Büroleiter Michael Höhenberger habe ihr Privatleben ausspionieren wollen. Spitzelvorwürfe an die Staatskanzlei können verheerende Wirkung entfalten. Das weiß Seehofer.
Der zweite Büroleiter seit Sommer 2009
Zorzi wurde erst einmal beurlaubt. Er wird vermutlich wieder in das Sozialministerium zurückkehren, von wo er einst kam. Seinen Job als Büroleiter übernimmt erst einmal Hubert Bittlmayer, der ihn auch innehatte, bevor Zorzi von der CSU-Zentrale in die Staatskanzlei wechselte. Zorzi ist studierter Jurist und war von 2004 an Landesgeschäftsführer der CSU. Seit dem 1.Dezember 2009 war der 44-Jährige Leiter des Büros von Seehofer. Seehofer kennt Zorzi auch aus der Zeit, als sich beide noch um Sozialpolitik kümmerten - Zorzi als Referent im bayerischen Sozialministerium, Seehofer als Bundesgesundheitsminister.
Der Leiter seines Büros ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für den Ministerpräsidenten: Er hat die gesamte Terminplanung unter sich, er verschafft Zugang zum Ministerpräsidenten oder kann ihn verhindern.Seehofer hat kein rechtes Glück mit seinen Büroleitern. Seinen ersten, Gerhard Reichel, der schon seinem Vorgänger gedient hatte, entließ er erst im Sommer 2009 - angeblich wegen "chaotischer Terminplanung".
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(SZ vom 10.03.2010/woja)
OB-Kandidatin Nallinger
Die neueste Antwort
Zitat: Der Mann gilt als "hochkorrekt", als umgänglich und geradlinig.
Ja eben! So Jemand ist für die CSU doch brandgefährlich!
Ich habe und werde Seehofer bzw. seine Partei nie wählen. Aber eines gefällt mir: Klasse Reflex von Chef. Mit Signalwirkung für alle anderen. Zorzi ist mir wurscht. Vermutlich alte Parteischule. Der fällt weich genug.
"Er (Zorzi) wird vermutlich wieder in das Sozialministerium zurückkehren, von wo er einst kam."
Es wäre auch völlig unvorstellbar, dass man sich nach so einer Verfehlung außerhalb des Staats-/Parteiapparates wiederfindet und sich womöglich einen Job auf dem Arbeitsmarkt suchen muss. Die CSU ist also doch eine soziale Partei.
Eigenartig, dass der Beitrag hinter den Kenntnisstand Ihrer eigenen Redaktion zurückfällt. Die SZ selbst hatte doch im Juni letzten Jahres einen sehr luziden Artikel über das in der CSU lange bekannte systematische Spitzeltum des Söder-Geschöpfes Zorzis in der CSU-Landesleitung publiziert (Söder, Guttenberg und der Intrigantenstadel).
In dem Beitrag wurde von Guttenberg und seinem Strategiechef Brandenstein beschrieben, wie Zorzi in der Landesleitung weiterhin für seinen Ex-Chef Söder intrigierte. Guttenberg sprach in Ihrem Blatt von vertraulichen Papieren, die sofort den Weg nach außen fanden. Wurden die Anwürfe von Söder und Zorzi je dementiert?
Die Einsicht, dass Zorzi ein systematischer Spitzel und Intrigant im Dienste Söders war, kann daher eigentlich nicht als sehr origineller Befund bewertet werden. Seehofer hat daher ja auch die gesamte Zentrale von Söderinanern gesäubert und Zorzi unter seine Kontrolle geholt. Das Gelaber vom "hochanständigen Beamten" Zorzi wird in der CSU und wohl auch in der Parteizentrale nicht erst nach dem ertappen auf frischer tat schallendes Gelächter auslösen.
Für Söder stellt es sicher eine Katastrophe dar, dass er seinen skrupellosesten Zuarbeiter mit Machtwissen verliert.
Hat er richtig gemacht. Wer diesem hinterhältigen und unaufrichtigen Seehofer zuarbeitet muss entweder masochistisch sein oder die selben Charaktereigenschaften aufweisen. Seehofers Führungsstil ist vielleicht dem von Gordon Brown ähnlich, wobei Brown ein Rumpelstilzchen sein soll und Seehofer wohl eher hinterum kaltblütig abserviert. So einen Eindruck gewinnt man zumindest aus seinem öffentlichen Verhalten (Doppelmoral).
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