Schweinegrippe Keine Bussis! Hände waschen!

"Niemand kann vorhersehen, wie sich das Virus verändert": Wenn die Schweinegrippe um sich greift, drohen in Bayern reihenweise Schulschließungen. Ein Krisenstab soll helfen.

Von Christine Burtscheidt

Zum Start in das neue Schuljahr wird es am 15. September Verhaltensmaßnahmen der ganz besonderen Art geben. Keine Bussis! Nicht Hände schütteln! Finger aus dem Gesicht! Hände waschen! Oder: In den Ärmel niesen! Die Anweisungen sollen zum Schutz gegen die Ausbreitung der Schweinegrippe dienen und werden in Form von Handzetteln an Schüler, Lehrer und Eltern verteilt.

Keine Bussis! Nicht Hände schütteln! Finger aus dem Gesicht! Hände waschen!

(Foto: Foto: ddp)

Ein Krisenstab entwirft sie soeben unter der Leitung von Kultusstaatssekretär Marcel Huber (CSU). Denn die Devise für das nächste Schuljahr lautet: "Wir müssen viel stärker als bisher in die Prävention gehen und hygienisches Verhalten anregen."

Wie alle anderen Bundesländer sollen auch die 5500 Schulen in Bayern von Herbst an besser gegen die Schweinegrippe gewappnet sein. Im vergangenen Schuljahr mussten wegen des H1N1-Erregers neun Schulen in Bayern schließen. Hunderte Jugendliche wurden zudem jahrgangsübergreifend oder klassenweise nach Hause geschickt. Ganz zu schweigen von den Dutzenden infizierten Schülern und Lehrern, die wochenlang unter Quarantäne standen.

Angesichts von inzwischen 1547 registrierten Schweinegrippefällen in Bayern lief das alles noch glimpflich ab. Zumal die Quarantäne meist erst im Juli verhängt wurde, also nach dem offiziellen Notenschluss, so dass die Einschränkungen nicht mehr den regulären Unterricht betrafen. Schlimmstenfalls fielen Wandertage, Exkursionen, Klassenfahrten, Sportfeste oder die Zeugnisvergabe aus - so zum Beispiel für 60 Schüler an einem Würzburger Gymnasium.

Die Situation könnte jedoch schon im Herbst ganz anders aussehen, sollte sich der Erreger der Schweinegrippe mit der allgemeinen Grippewelle ausweiten und durch die Verbindung mit den Erregern der Herbstgrippe mutieren. "Niemand kann vorhersehen, wie sich das Virus verändert", sagt Kultusstaatssekretär Huber. Ihm liegt daran, die Sache mit Besonnenheit anzugehen und nicht unnötig Hysterie zu schüren.

So werden bisher zum Schuljahresbeginn in Bayern weder flächendeckend Schutzimpfungen verordnet; noch müssen Schüler mit Mundschutz in die Mathestunde gehen. Das Kultusministerium konzentriert sich vorerst auf die Vorbeugung und appelliert an Schüler, Lehrer und Eltern, sich so zu verhalten, "dass man keinen Erreger einfängt, aber auch, sollte man infiziert sein, keinen anderen Menschen damit ansteckt".

Das heißt: "Wer sich krank fühlt, bleibt zu Hause", sagt Huber. Man müsse keineswegs warten, bis man alle Symptome der Schweinegrippe wie Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen, Husten und Atemnot aufweise. Sollte sich aber das Virus erheblich ausbreiten, "entscheiden über weitere Maßnahmen die Seuchenmediziner".

Ein Beispiel macht Schule

Im Fall weiterer Infektionen unter Schülern ist auch im nächsten Jahr mit Schulschließungen zu rechnen. Gesundheitsminister Markus Söder will am bisherigen Verfahren festhalten: "Wir entscheiden von Fall zu Fall an Ort und Stelle neu", heißt es in seinem Haus. Schulschließungen darf nicht die Schule, sondern muss das örtliche Gesundheitsamt in Absprache mit dem Schulamt verhängen.

Zu dem radikalen Mittel wurde bislang in Bayern an neun Schulen gegriffen, wenn mindestens zwei Schüler infiziert und auch erkrankt waren wie zum Beispiel am Bayreuther Richard-Wagner-Gymnasium. Das Gymnasium war die erste Schule, die Anfang Juli dichtmachte, nachdem eine 17-jährige Schülerin an der Schweinegrippe erkrankt war.

Das Beispiel machte im wahrsten Sinne des Wortes dann Schule. Ihm folgten acht weitere Gymnasien. Der längste Zwangsurlaub für eine Schule dauerte eine Woche, am Münchner Adolf-Weber-Gymnasium. Die Schüler hatten sich vor allem auf Auslandsfahrten angesteckt - so wie die drei Zwölftklässler vom Werdenfelser Gymnasium, die nach Madrid reisten; oder Gastschüler brachten den Erreger mit wie im Fall der beiden Londoner Austauschschüler am Starnberger Gymnasium.

Genau beobachten

Auslandstrips gehören am Gymnasium zum regulären Programm. Das erklärt, weshalb diese Schulart vor allen anderen von der Grippe heimgesucht wurde. Dennoch sieht das Kultusministerium von einem "Reisebann" in bestimmte Länder wie England oder Spanien ab. "Die Schüler sind zurzeit sieben Wochen in den Ferien und bereisen vielfach fremde Länder, wie sollen wir da den Eltern erklären, dass es fortan bestimmte Ausnahmen gibt, zumal es sich noch dazu um eine globale Infektion handelt?", fragt Staatssekretär Huber. Ein weiterer Grund, weshalb der Erreger an Gymnasien besonders oft auftritt, könnte sein, dass 17- bis 20-Jährige anfälliger für die Schweinegrippe sind als andere Altersgruppen.

Unter Politikern, Eltern und Lehrern herrscht zurzeit Übereinstimmung darüber, dass Schulschließungen von Herbst an nur als letztes Mittel erwogen werden sollen. Einen sorgsamen Umgang damit wünscht sich jedenfalls Kultusstaatssekretär Huber: "Zum Ende des Schuljahres hin war es kein Problem, doch ob es in Zukunft immer das probate Mittel sein wird, muss man erst noch sehen", sagt er. Ähnlich denkt Margit Alfers vom bayerischen Elternverband: "Man sollte schon genau beobachten, ob Schließungen wirklich notwendig sind."

Bedenken hinsichtlich eines zu inflationären Gebrauchs von Schulschließungen äußert ebenso Max Schmidt, der Chef des bayerischen Philologenverbands. Fest steht für den Physiklehrer am Grafinger Gymnasium auch: "Wenn es zu umfangreichen Schulschließungen kommt, werden wir nicht darauf verzichten können, den ausgefallenen Unterricht notfalls in den Ferien nachzuholen."