Schule in Bayern Der aberwitzige Einfluss von Eltern

Eine Schülerin der zweiten Klasse schreibt an die Tafel.

(Foto: dpa)

Vater oder Mutter glauben, sie wüssten am besten über ihr Kind Bescheid. Tun sie aber nicht. Wie sonst kann man sich erklären, dass Schulen immer mehr zu Reparaturbetrieben für erzieherisches Versagen mutieren?

Kommentar von Uwe Ritzer

Den ersten Schultag in Bayern begleiten gewisse Rituale. So beklagen Lehrerverbände jedes Jahr, der Staat stelle viel zu wenig neue Lehrer ein, worauf der jeweilige Kultusminister entgegnet, an Bayerns Schulen habe es nie mehr und besser eingesetztes Personal gegeben. Dieses Pingpong gehört dazu wie die Schultüte zum Erstklässler, ist aber völlig sinn- weil folgenlos. Gewiss, inhaltlich ließe sich vortrefflich streiten. Über den G-8-Murks zum Beispiel, oder den Etikettenschwindel, die Haupt- in Mittelschulen umzutaufen und zu glauben, dass damit alles besser wird. Die schlimmste aller schulpolitischen Irrungen aber ist tabu: Der wachsende Einfluss der Eltern. Zeit für eine Polemik.

Aus blankem Populismus räumt die Politik seit Jahren den Eltern immer mehr Mitsprache ein. Inzwischen haben sie einen geradezu aberwitzigen Einfluss auf den Schulalltag. Das fängt in der Grundschule an. Kuschelig wollen es Väter und Mütter dort für ihre Schätzchen haben, ohne böse Noten, Leistungsdruck und so.

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Also gibt es statt klarer Zeugnisse ausschweifende und verschwurbelte Wortgutachten, in denen aber nix wirklich Kritisches und schon gar keine ehrlich-schlechte Note stehen darf. Weil der/die Kleine sonst depressiv und die Eltern zornig werden. Doppelt schlimm: Viele Migrantenfamilien verstehen das andeutungsreiche Pädagogen-Deutsch nur rudimentär, wenn überhaupt.

Druck kommt trotzdem bald auf, er richtet sich allerdings gegen die Lehrer. Eltern verstehen nämlich keinen Spaß, wenn es um den Übertritt in eine höhere Schule geht und die Lehrkraft das Genie des Sprösslings partout nicht erkennen will. Dann wird in besseren Kreisen auch gerne mal ein Anwalt gegen die letzte Probearbeit oder das Zeugnis bemüht. Vollends aberwitzig ist, dass seit einigen Jahren Eltern das letzte Wort haben, wenn es um die Frage Haupt- (Verzeihung: Mittel-), Realschule oder Gymnasium geht. So beginnen viele Schulversagerkarrieren.

Befürworter dieses Irrsinns argumentieren, Eltern wüssten schließlich am besten über ihr Kind und dessen Fähigkeiten Bescheid. Dabei sind sie längst Teil des Problems. Es sind Eltern, die zu viel Unterrichtsausfall beklagen, dann aber ein paar Tage früher in die Ferien starten wollen, weil die Flüge da noch billiger sind. Es sind auch Eltern, die ihre dicken Kinder vom Sportunterricht befreien (lassen), weil Sport ja nur ein Nebenfach ist. Apropos dicke Kinder: An dem Problem sind nun wirklich einzig und allein die Ernährer schuld.

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Big Band? Chinesisch als Wahlfach? Tiefkühlkost in der Mensa? Vor der Entscheidung für eine Schule wollen es Eltern ganz genau wissen. Und die Gymnasien spielen mit. Die Auswahl treibt inzwischen seltsame Blüten - und zeugt von ungesundem Ehrgeiz.

Eltern machen sich gerne etwas vor. Sie sind subjektiv, was ihr Kind angeht, und das ist prinzipiell auch gut so. Nur sollten sie nicht den Anspruch erheben, nur sie könnten ihren Sprössling richtig einschätzen und nur sie wissen, was gut für ihn ist. Dabei ist bei vielen Vätern und Müttern vor allem die Neigung groß, selbst schlimmste Fratzen und Störenfriede aus der eigenen Nachzucht zu Hochbegabten zu erklären, die sich nur deswegen schlimm aufführen, weil die dummen Lehrer sie nicht genug fördern und fordern.

Nein, mit der quasi angeborenen elterlichen Kompetenz kann es nicht so weit sein. Wie sonst kann man sich erklären, dass unsere Schulen immer mehr zu Reparaturbetrieben für erzieherisches Versagen im Elternhaus mutieren? Verkehrserziehung, Anti-Mobbing-Training, der verantwortungsvolle Umgang mit digitalen Medien, Konfliktlösung ohne Gewalt, Ernährungserziehung - all das gehört nicht zu den Kernkompetenzen von Schulen. Es gehört ins Elternhaus.

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