Weil eine 17-Jährige aus der Kirche ausgetreten ist, soll sie die katholische Schule in Illertissen verlassen.
Im Internet-Tagebuch des "Kollegs der Schulbrüder" im schwäbischen Illertissen sind allerlei wichtige Termine vermerkt. Zum Beispiel, dass Oliver Kahn mit seiner "Ich schaff's"-Tour dort gastierte und die Lehrer zum Motivationstraining einlud. Oder, dass die Termine für die Besondere Prüfung der zehnten Jahrgangsstufe im September stattfinden werden. Jenes Thema aber, das die Schüler des naturwissenschaftlichen und sprachlichen Gymnasiums zurzeit am meisten bewegt, ist bei dem aktuellen Web-Auftritt komplett ausgespart: Einer 17-jährigen Schülerin aus der zehnten Klasse droht der Schulverweis, weil sie aus der Kirche ausgetreten ist.
Laut Schulvertrag des "Kollegs der Schulbrüder" müsste die 17-jährige Schülerin wegen ihres Kirchenaustritts der Schule verwiesen werden. (© Foto: dpa)
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Die katholische Schule, das einzige Gymnasium im 16.000-Einwohner-Ort, wird vom Schulwerk der Diözese Augsburg betrieben und wirbt damit, man sei bestrebt, "immer den Menschen als Gottes Ebenbild in unseren Schülern zu sehen und sie in ihrer unterschiedlichen Wesensart ernst zu nehmen sowie bei der individuellen Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu fördern." Das Verhalten jener Zehntklässlerin war jedoch individueller als offenbar erlaubt.
Die Eltern schließen nämlich mit dem Träger der Schule einen Schulvertrag ab. Das Papier beinhalte unter anderem, dass katholische oder evangelische Schüler am kirchlichen Leben in der Schule und damit am Religionsunterricht teilzunehmen haben, sagt Ulrich Haaf, der Direktor des Schulwerks der Diözese Augsburg.
Als die Mutter der 17-Jährigen den Schuldirektor in Illertissen darüber informierte, dass ihre Tochter aus der Kirche ausgetreten sei, und darum bat, sie am Ethik-Unterricht, der für konfessionslose oder andersgläubige Schüler angeboten wird, teilnehmen zu lassen, wurde es kompliziert.
Mit dem Kirchenaustritt liege ein Bruch des Schulvertrages vor, dessen Folge nun mal der Schulverweis sei, wurde ihr beschieden. Der Casus wurde nach Augsburg zur Prüfung weitergeleitet und seitdem fallen immer mehr Schüler und Bewohner in Illertissen vom rechten Glauben ab. In den Klassenzimmern wird über Solidaritätsaktionen für die Mitschülerin diskutiert und auch im Kreistag wurde der mögliche Schulverweis hitzig debattiert.
Der Neu-Ulmer Landrat Erich Josef Geßner von der Christlich-Sozialen Union sagt, dass er "praktizierender Katholik" sei und überhaupt kein Verständnis für diese Vorgänge habe: "Ich war selbst am Kolleg in Illertissen, es gab nie ein Problem mit andersgläubigen Schülern."
So habe unter anderem einer der Söhne des Schahs von Persien, welcher bekanntermaßen im islamischen Kulturkreis verankert war, einige Zeit das Gymnasium besucht. "Von meinem Rechtsgefühl her finde ich die unterschiedliche Handhabung nicht in Ordnung", sagt Geßner. Er hofft auf eine Lösung mit Fingerspitzengefühl: "Ich würde mich freuen, wenn die junge Frau an der Schule bleiben dürfte. Wenn man sie jetzt fallen lässt, wird sie niemals zur Kirche zurückkehren."
Auch die Neu-Ulmer Bundestagsabgeordnete von den Grünen, Ekin Deligöz, rät, die Kirche im Dorf zu lassen: "Es zeugt von mangelnder Souveränität der Schulleitung, wenn sie einen solch drakonischen Schritt ins Auge fasst. Es würde die Schülerin, die doch nur eine berechtigte Gewissensentscheidung getroffen habe, sehr hart treffen."
Ulrich Haaf vom Schulwerk sagt, dass man sich die Entscheidung nicht leicht machen werde: "Wir hatten noch nie den Fall eines Kirchenaustritts bei den 40 Schulen, die wir betreuen - höchstens Konfessionswechsel." Er persönlich habe Verständnis für "Irritationen bei jungen Leuten angesichts der Meldungen über die katholische Kirche". Ihm und seinem Pädagogen-Team sei auch bewusst, welchen Einschnitt ein Schulwechsel bedeute.
Für alle 40 kirchlichen Schulen gibt es einen identischen Vertrag, wonach rein rechtlich eigentlich ein Schulverweis erfolgen müsse. "Aber vielleicht werden die Paragraphen ja nicht allen Wechselfällen des Lebens gerecht", orakelt Direktor Haaf. Man werde den Fall Illertissen schnell entscheiden: "Schließlich haben wir hier in Augsburg auch noch andere Probleme."
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(SZ vom 5.5.2010)
OB-Kandidatin Nallinger
Die neueste Antwort
"Weil es ein wesentlicher Unterschied ist, ob man als evangelischer Christ oder Muslim sich in eine katholische Schule begibt und den Vertragskonditionen unterwirft, oder ob man, nachdem man als Katholik in die Schule eingetreten ist, durch den Kirchenaustritt demonstriert, dass einem die ganze Richtung nicht passt.
Wer diesen Unterschied nicht sieht, der hat es sicher auch sonst nicht leicht im Leben."
Ahja. Wem also von vornherein die Richtung des Katholizismus nicht passt, der darf da hinkommen und wer erst nachher meint, dass ihm die Richtung nicht passt, der darf gehen?
Die Schülerin hat ja nicht gesagt, dass sie sich nicht mehr den Vertragskonditionen unterwerfen würde, sie hat lediglich den katholischen Glauben abgelegt. Dass der katholische Glaube aber keine Voraussetzung für den Besuch der Schule zu sein scheint, deuten Sie ja selbst an...
Insofern weiß ich schon Unterschiede zu erkennen, wo es sie gibt und bin auch ansonsten mit der Leichtigkeit meines Lebens ganz zufrieden, was Sie aber ansonsten auch nicht angeht, weshalb ich mir solche unterstellenden Äusserungen verbitte. Aber es ist ja meist so, dass man persönlich wird, wenn man mit Argumenten nciht weiterkommt!
Im Übrigen, dass die Schülerin jetzt auf Grund des immensen öffentlichen Druck hin doch bleiben darf, sollte nicht als zu großes Verdienst für die Schule gesehen werden!
In letzter Zeit ist es für mich recht anstrengend geworden diese Zeitung zu lesen. An sich schätze ich die redaktionelle Arbeit der Süddeutschen Zeitung, aber einseitige Artikel wie diese hier vergraulen mich mehr und mehr.
Ich will jetzt nicht nochmal alles aufrollen, aber insgesamt war das Ganze einfach ein ganz normaler Verwaltungsvorgang. Privatschulen schließen mit den Eltern der Schüler verträge ab, wenn diese gebrochen werden (noch dazu handelt es sich hierbei ja wohl um einen Präzedenzfall) kommt es zu einer Prüfung, in diesem Fall zuständig: Das Schulwerk in Augsburg.
Also ich sehe hier kein Versagen der Kirche oder irgendetwas worüber man sich echauffieren müsste. Es handelte sich hierbei um einen normalen Vorgang der ja auch gut und schnell gelöst wurde.
Bitte hört auf immer gleich blind auf alles was die Kirche betrifft zu schimpfen und berichtet wieder ein bisschen ausgeglichener - dieses Rasenmäher-Schema erwarte ich wohl in der Bildzeitung, aber nicht in der SZ.
Mit freundlichen Grüßen
Ich habe vor 27 Jahren am Kolleg der Schulbrüder Abitur gemacht und diese Schule als sehr weltoffen und tolerant erlebt. Das Kolleg hat mein Weltbild geprägt und ich bin dankbar, dass ich dort gelernt habe Freiheit und Selbstverantwortung zu denken und zu leben.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass am Kolleg heute so viel andere Werte gelebt werden. Der SZ ist anzuraten, vor Ort zu recherchieren - und auch all jenen, die sich anmaßen über das Kolleg zu Urteilen und es in einen Topf zu werfen mit Mixa und all den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche.
Wo bleibt die SZ, die doch sonst so flink ist mit Meldungen aus der Kirche, mit der Nachricht, dass die Schülerin die Schule weiterhin besuchen darf? Diese Entscheidung liegt schon zwei Tage zurück!
Aber man muss halt Prioritäten setzen, nicht wahr?
Vermutlich besteht der Schulvertrag zwischen Eltern und Schule, weil die Schuelerin noch nicht volljaehrig ist. Aber sie ist religionsmuendig. Damit haetten Schule und Eltern einen Vertrag zu Ungunsten eines Dritten abgeschlossen (um auf der Schule bleiben zu koennen, muesste sie ihr Recht auf freie Religionswahl aufgeben), was nach deutschem Recht unmoralisch ist.
Aber Unmoral scheint in der katholischen Kirche nur noch ein geringes Hindernis zu sein. Nicht nur die Stories ueber Trickser-Mixa werden immer gruseliger.
Eigentlich sollte die Schuelerin froh sein, dieser Pharisaeerhaftigkeit zu entkommen.
Paging