Sexualkunde Hetero und Homo - fehlt da nicht was?

Zum Christoher Street Day hat es auch in München schwule Ampelmännchen und lesbische Ampelfrauen gegeben.

(Foto: dpa)
  • Die letzte Reform des Aufklärungsunterrichts in den Schulen liegt 14 Jahre zurück.
  • Die Grünen wollen darin mehr Toleranz und Vielfalt gegenüber allen sexuellen Orientierungen und Lebensformen sehen.
Von Anna Günther

Wenn ein Mann und eine Frau sich sehr lieb haben... Wie dieser Satz weitergeht, überlegen sich Eltern spätestens, wenn sich das Geschwisterchen ankündigt oder die Kleinen in der Straßenbahn fragen, wieso die Frau gegenüber so einen komischen Bauch hat. Beliebt ist natürlich auch der Klassiker von Bienchen und Blümchen. Wenn es allerdings um Präzision und den konkreten Akt geht, sehen viele Eltern die Schulen in der Pflicht. Auch eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, dass drei Viertel aller Jugendlichen ihr Wissen über Sexualität aus der Schule haben.

Aber auf welchem Stand sind Lehrpläne und Lehrer in Bayern? Gerade in Zeiten von Smartphones und Youporn haben viele Schüler schon Explizites gesehen, bevor sie das erste Haar unter den Achseln fühlen. Geschlechterrollen sind nicht zuletzt seit dem Outing von Caitlyn Jenner, dem früheren Profisportler Bruce Jenner, als Transfrau in den Klatschspalten und damit bei den Jugendlichen angekommen.

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Ein neuer Lehrplan ist überfällig

Aber geht die Schule darauf ein? Die letzte Reform des Aufklärungsunterrichts liegt 14 Jahre zurück. Homosexualität ist zwar in den Abschlussklassen der Mittel- und Realschule sowie am Gymnasium vorgesehen, aber unterschiedliche Formen von Sexualität fehlen. Derzeit werden die Richtlinien überarbeitet, die neue Version soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

In Bayern ist Familien- und Sexualerziehung im Lehrplan aller Altersstufen und Schularten verankert. Der Aufklärungsunterricht beginnt in der ersten Klasse, was immer wieder Kritik in konservativen Kreisen auslöst. Aufhänger ist dann oft der Grundsatz der Sexualerziehung als gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Schule. Thema sind in den ersten beiden Schuljahren Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter, Mutterschaft und Vaterschaft sowie Aufgaben in der Familie.

Mit Zerstörung der Unschuld habe Sexualerziehung natürlich nichts zu tun, heißt es im Kultusministerium. Es gehe vielmehr um das Kennenlernen des eigenen Körpers. Diese grundlegenden Informationen sollen schon die Kleinsten vor Missbrauch schützen. "Familien- und Sexualerziehung trägt dazu bei, dass die Schüler ihre eigene körperliche und seelische Entwicklung nicht unvorbereitet erleben", heißt es in der aktuellen Version der Richtlinien.

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Lehrer sollen sensibel mit den Kindern umgehen

Buben und Mädchen sollen dadurch Gefahren und unangenehme Berührungen früh genug erkennen und abwehren. Anatomische Details, Schwangerschaft an sich und die Risiken, zu früh sexuell aktiv zu sein, werden erst in den weiterführenden Schulen thematisiert. Auch sind die Lehrer dazu angehalten, möglichst sensibel auf das Alter, den sozialen Hintergrund und die Kultur ihrer Schüler einzugehen.

Um festzustellen, ob auch Themen wie Transsexualität, Intersexualität, moderne Geschlechterrollen überhaupt in den Richtlinien auftauchen und homosexuelle Partnerschaften deutlich früher im Unterricht behandelt werden, haben die Grünen einen Bericht der Staatsregierung gefordert. Das Ministerium wird an diesem Donnerstag im Bildungsausschuss des Landtags Rede und Antwort stehen.

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Nicht nur Regenbogenfamilien sollen thematisiert werden

Hintergrund ist ein Antragspaket "gegen die heterosexuelle Norm", das Claudia Stamm vor etwa fünf Jahren in den Landtag einbrachte. Sie forderte unter anderem, dass auch Regenbogenfamilien mit zwei Müttern oder zwei Vätern in Schulbüchern thematisiert werden und die Schulen Queer-Beauftragte bekommen, die auf den Umgang mit Homosexualität achten sollen. Sei es als Vertrauensperson für schwule Schüler oder auch als Wächter über gelebte Toleranz in den Klassenzimmern. Damals wurden die Forderungen der Grünen von der CSU-Mehrheit im Landtag abgelehnt. Auch mit dem Argument, dass in dieser Hinsicht ohnehin schon einiges getan werde.

Zum aktuellen Grünen-Antrag heißt es im Ministerium: Die Lehrer und auch die Bücher, mit denen sie arbeiten, sollen die Vielfalt an Lebenswirklichkeiten der Menschen im Unterricht abbilden. Lebenswirklichkeit beziehe sich dabei auf die traditionelle Familienform, aber auch auf alle anderen.

Stamm gibt sich damit aber nicht zufrieden und erwartet deutliche Fortschritte in den neuen Richtlinien: "Schwule Sau ist noch immer ein Schimpfwort auf dem Schulhof und die Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen ist nach wie vor enorm hoch. Das kann unsere Gesellschaft nicht verantworten."