Schule auf dem Ergometer Das strampelnde Klassenzimmer

Bei einem Pilotprojekt an einem Aschaffenburger Gymnasium radeln Fünftklässler während des Unterrichts. Lernt es sich besser auf dem Heimtrainer?

Interview von Karsten Fehr, Aschaffenburg

Radfahren, während der Lehrer erklärt, wie man einen mathematischen Term auflöst oder welche Botschaft Jesus im Evangelium verkündet? Was dubios klingt, ist für elf Schüler der Klasse 5 a des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Aschaffenburg seit Kurzem Schulalltag. Dem Leiter des Fachbereichs Sport, Tobias Bauer, hat die Idee eines Wiener Sportwissenschaftlers aus dem Jahr 2007 so gut gefallen, dass er das Projekt "Ergometerklasse" nach Unterfranken geholt hat. Fünf Heimtrainer stehen jetzt im Klassenzimmer der 5 a, auf denen die Schüler einmal täglich bis zu 40 Minuten durch den Unterrichtsstoff radeln.

SZ: Herr Bauer, Ihre Schüler sitzen während des Unterrichts auf einem ergometrischen Fahrrad und treten in die Pedale. Haben Sie das Klassenzimmer mit einem Fitnessstudio verwechselt?

Tobias Bauer: Nein, habe ich nicht. Die Schüler sollen in einem sehr moderaten Tempo fahren, sodass sich ihr Puls nur geringfügig auf etwa 100 Schläge pro Minute erhöht. Es geht schlicht um eine Bewegung, nicht um eine Kraftausdauer-Einheit im Fitnessstudio und schon gar nicht um ein Wettrennen. Freilich kann es vorkommen, dass ein Schüler hin und wieder schneller in die Pedalen tritt, weil er gerade motiviert ist. Dann muss der Lehrer vorne halt ein bisschen ausbremsen.

Aber mal im Ernst: Was versprechen Sie sich davon?

Bewegung fördert das Herz-Kreislauf-System und sorgt dafür, dass mehr Blut und damit auch mehr Sauerstoff ins Gehirn gelangt. Dies soll letztlich die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit der Schüler verbessern. Wir versprechen nicht das Blaue vom Himmel. Aber die Studien aus Wien, wo das Konzept herstammt, haben gezeigt, dass Bewegung nicht nur im Sportunterricht und in den Pausen notwendig ist - sondern eben auch und gerade im Klassenzimmer.

Zumal man beim bloßen Rumsitzen leicht auf dumme Gedanken kommen kann.

Richtig. Das ständige Sitzen im Unterricht ist nicht nur an sich suboptimal. Es führt auch dazu, dass die Schüler sich mit Dingen beschäftigen, die sie vom Unterricht ablenken. Man kippelt zum Beispiel mit dem Stuhl oder spielt mit dem Bleistift oder dem Zirkel.

Das kennt man ja aus seiner eigenen Schulzeit nur allzu gut.

Sehen Sie! Wenn die Kinder aber auf einem Ergometer sitzen und radeln, haben Sie erst einmal genug zu tun.

Bewegtes Lernen: Sechs Schüler radeln jeweils im Wechsel auf einem Ergometer mit Schreibpult.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Wie fand Ihr Chef die Idee?

Die Skepsis war groß. Bei meinem Chef, aber auch bei den Lehrern und Eltern. Ich musste einige Nackenschläge hinnehmen und wurde teilweise sogar belächelt.

Wieso das?

Die Argumente reichten von "die Schüler fangen doch an zu schwitzen" über "die Fahrräder sind viel zu laut" bis hin zu der Frage, wie es denn bitte möglich sei, auf einem Ergometer vernünftig lesen und schreiben zu können.

Die Zweifel sind nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Absolut nicht. Wenn man sich aber näher mit dem Thema beschäftigt, merkt man, dass all das unbegründet ist. Das Fahrradfahren lenkt überhaupt nicht vom Unterricht ab. Die Ergometer sind fast geräuschlos, man hört maximal ein leises Brummen. Damit die Schüler lesen und schreiben können, haben wir von einem Schreiner Pult-Aufsätze anfertigen lassen und diese auf die Fahrräder montiert. Das funktioniert tatsächlich richtig gut. Natürlich ist das Schriftbild ein paar Prozentpunkte weniger schön, aber das ist nicht dramatisch.

Die "Ergometerklasse" läuft seit sechs Wochen. Haben sich die Schüler verbessert?

Es wäre nicht seriös, zu behaupten, dass man schon irgendwelche Erfolge sieht. Wir befinden uns in der Anfangsphase. Die Schüler sind sehr motiviert, ihnen macht das Radeln einen Riesenspaß. Auch die Lehrer, die anfangs skeptisch waren, sind überrascht, wie gut das Projekt inzwischen läuft. Aber ob es letztlich dazu führt, dass die Schüler sich besser konzentrieren oder gar bessere Noten schreiben, das muss man erst noch abwarten.