Schöllnstein in Niederbayern 71 Einwohner, 90 Flüchtlinge

"Die Situation ist wie auf der Insel Lampedusa": In dem niederbayerischen Dorf Schöllnstein leben 71 Einheimische - und 90 Flüchtlinge. Beiden Seiten fällt es schwer, sich mit ihrer Situation zu arrangieren.

Von Ulrike Heidenreich

In diesem Ort leben 71 Dorfbewohner. In diesem Ort leben etwa 90 Flüchtlinge. 71 plus 90? 71 gegen 90? Der Pfarrer sagt: "Wir sind völlig überfordert. Die Situation ist wie auf der Insel Lampedusa." Die Dorfeinwohnerin sagt: "Hier geht es nicht mehr darum, ob man für oder gegen Asylbewerber ist. Das Verhältnis stimmt einfach nicht." Der Bürgermeister sagt: "Die Schwarzen grüßen immer recht fleißig. Aber wir verstehen sie nicht." Der Flüchtling aus Somalia sagt: "We go crazy, wir werden verrückt. Hier ist nichts."

Schöllnstein in Niederbayern, zwischen Donau und Bayerischem Wald. Es ist ein schönes Dorf. Unten am Mühlbach schlängelt sich der Ohetal-Radweg entlang. In der Mitte das Kriegerdenkmal, sorgfältig bepflanzt. Oben, über den paar Häusern dieses Ortes, thront ein wahres Schmuckstück, die Barockkirche Maria Heimsuchung der Expositur Schöllnstein. Ein weiter Blick bis zu den Bergen, alle aus dem Dorf haben bei der Renovierung mitgeholfen. Hier würde man gerne einmal Urlaub machen.

Es gibt keinen Bus, keine Schule, kein Arzt, kein Geschäft. Die Straße, die sich durch Hügel und Wald von Iggensbach bis in den Weiler Schöllnstein vorarbeitet, kommt ohne Mittelstreifen aus. So wenige Autos fahren hier entlang.

Alle paar Tage kommt ein Kleinbus, manchmal auch nur ein Taxi, und spuckt dunkelhaarige, oft dunkelhäutige Menschen oben auf dem Berg aus. Dort, wo früher einmal eine Wirtschaft mit Kegelbahn und Ferienwohnungen war und Anfang der neunziger Jahre Spätaussiedler aus dem Osten untergebracht wurden, ist jetzt wieder richtig etwas los. Oder auch nichts - ganz wie man es nimmt. In der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber bringt die Regierung von Niederbayern seit einigen Monaten Flüchtlinge aus aller Welt unter. Hier oben auf dem Berg müssen sie jetzt irgendwie klarkommen - und die Schöllnsteiner mit ihnen.

Pfarrer Anton Pius Vollath erzählt, dass alle im Dorf völlig überrascht gewesen seien, als die ersten Flüchtlinge in dem Heim, das lange leer stand, ankamen. Das war Anfang Juli, es waren sieben Asylbewerber aus dem Verteillager Zirndorf, die erst einmal vor verschlossenen Türen standen. Die Heimleitung war noch nicht eingetroffen. Die Leute aus dem Dorf versorgten die Asylsuchenden mit Getränken. "Vom christlichen Standpunkt her sagen wir natürlich, wir nehmen euch auf", sagt der Pfarrer. Man installierte einen Fernseher, sammelte Fahrräder, damit die Leute aus fernen Ländern ein bisschen mobil würden.

Ende Juli sollten dann 50 Asylsuchende aus der völlig maroden Unterkunft in Landshut nach Schöllnstein umquartiert werden. Sie weigerten sich. "Bad, bad place, called Bayerischer Wald", diktierte einer den Journalisten in den Block, als der Bus ohne sie abfuhr. In den Heimen hatte sich die isolierte Lage Schöllnsteins also schnell herumgesprochen.

Wenig später wies die Regierung von Niederbayern andere Flüchtlinge ein, erst waren es 20, dann 60, irgendwann 100, momentan sind es etwa 90. "Keiner weiß, wie viele noch kommen, alle im Dorf schauen mit Sorge nach Libyen und Tunesien", sagt Anton Pius Vollath. In dieser Situation der Unsicherheit fragten den Pfarrer manche: Leben bei uns jetzt auch Extremisten? Sind doch alle Moslems dort oben im Heim.