Schlagabtausch auf dem Gillamoos "Blöd, blöder, Söder"
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Christian Ude stänkert gegen die CSU, Jürgen Trittin keilt gegen den bayerischen Finanzminister, die Kanzlerin schmeichelt dem Freistaat und FDP-Mann Wolfgang Kubicki outet sich als Liebhaber bayerischer Frauen: Beim politischen Gillamoos im niederbayerischen Abensberg geht es derb zu. Nur ein Besucher vermisst Peer Steinbrück.
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Das traditionelle Politspektakel beim Volksfest Gillamoos im niederbayerischen Abensberg hatte dieses Jahr wieder hochrangige Politiker zu Gast, die nur einen Steinwurf voneinander entfernt zum Schlagabtausch antraten. Für die Union ging Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an den Start, für die SPD Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, der nächstes Jahr das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten anstrebt. Bei den Grünen stieg Fraktionschef Jürgen Trittin in die Bütt, während die FDP Wolfgang Kubicki, den Vorsitzenden der FDP-Fraktion im Landtag von Schleswig-Holstein, schickte. Und bei den Freien Wählern kam nur einer in Frage: Hubert Aiwanger.
12:48 Uhr
Die Politiker haben die Bühnen verlassen, auf dem Gillamoos ist wieder Volksfeststimmung eingekehrt. Die Leute drängen aus den Zelten, vor dem Bratwurststand hat sich eine Schlange gebildet. Ein Verkäufer steht an seinem Stand, an dem er Spielsachen anbietet: "Ich habe gerade einmal zwei Ballons verkauft während Merkels Auftritt", klagt er.
12:29 Uhr
Eine Zuhörerin strahlt über das ganze Gesicht. "Eine so tolle Frau", schwärmt sie. Sie habe sich schon immer gewünscht, Merkel einmal live zu sehen. Gut, die Rede sei jetzt nicht so mitreißend gewesen, aber das sei ja letztendlich egal. "Hauptsache, sie war da!" Ein anderer Zuhörer sagt: "Die bayerische Zünftigkeit feht ihr halt." Doch man müsse Merkel schon bewundern. "Für eine Frau nicht schlecht", sagt er und grinst schelmisch.
12:27 Uhr
Die Bodyguards im Hofbräuzelt haben große Mühe, der Bundeskanzlerin einen Weg nach draußen zu bahnen. Alle wollen möglichst nahe ran an die Frau im lilafarbenen Blazer, mit einigen wechselt sie ein paar Worte, lacht höflich, sichtlich angetan von der Begeisterung um ihre Person. Zum Auszug aus dem Zelt singen die Toten Hosen vom Band: "An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit". Einige JUler in Lederhosen und karierten Hemden tanzen auf den Bänken.
12:24 Uhr
Vor der Bühne gibt Ude nun Interviews über seinen Auftritt, bei dem er auch schwierige Themen wie das Verhältnis der Stadt München zum Land nicht ausgespart hat. "Ich habe hemdsärmlige Vergleiche gebracht", sagt er stolz. Aber unter sein Niveau würde er nie gehen. "Das bleibt CSU-Generalsekretären vorbehalten." Ude grinst. Über Merkel, die wenige Meter weiter gerade die Bühne verlässt, verliert er erneut kein böses Wort. Heftige Angriffe von Ude gegen die Kanzlerin sind an diesem Montagvormittag ausgeblieben. Eine typische Bierzeltrede hatte von dem Hobby-Kabarettisten sowieso niemand erwartet, doch ein bisschen arg ernst ist sie schon ausgefallen.
12:20 Uhr
"Noch nie hat das Bundesverfassungsgericht eine Regierung so oft zurückpfeifen müssen", sagt Trittin. Als Beispiele nennt er die Beteiligung des Parlaments bei der Euro-Krise, Asylbewerber-Hilfe und die Wahlrechtsreform. "Merkel hat die Verfassung so oft gebrochen, eigentlich müsste sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden", so Trittin. Dann beendet auch er seinen Auftritt. Für den Redner gibt es jetzt erst einmal eine Maß alkoholfreies Bier und als Geschenk: eine Sonennblume.
12:16 Uhr
Während Neumeyer noch einige Dankeswort spricht, wischt Merkel sich über die Stirn, offenbar ist auch ihr in ihrem lilafarbenen Blazer heiß. Dann wird gesungen. Die Bayernhymne. Alle im Zelt erheben sich und schmettern mit - außer Merkel. Der Text ist ihr wohl nicht so geläufig. Erst bei der anschließenden Deutschlandhymne kann sie mitsingen. Und dann kündigt Neumeyer eine Hymne extra für Merkel an. "Angie" von den Rolling Stones. Merkel lächelt unsicher, sie wirkt leicht peinlich berührt, während das Zelt euphorisch klatscht. Als die Textzeile "Angie, beautiful" kommt, grinst Merkel. "All your kisses still taste sweet" - Dobrindt klatscht begeistert. "Angie, I still love you baby", Jubelschreie aus dem Publikum.
12:08 Uhr
Um die Bühne, auf der Merkel spricht, drängeln sich die Zuhörer. Viele sind von ihren Plätzen aufgestanden, um einen besseren Blick auf die Bundeskanzlerin zu erhaschen. Merkel bewegt ihre Arme, als würde sie ein Orchester dirigieren, ihre Stimme ist fest und vermittelt durchaus Durchsetzungswillen. Und dann ist Merkel auch schon am Ende angelangt, sie hat deutlich kürzer geredet als Ude. "Ich freue mich, dass ich heute hier dabei sein durfte", sagt sie. Kurz herrscht Verwirrung im Publikum. Was, dass soll es schon gewesen sein? Dann brandet stürmischer Applaus auf.
12:07 Uhr
Im Jungbräu herrscht nach Udes Rede Aufbruchsstimmung. Einige fotografieren noch schnell Ude, der vor der Bühne Hände schüttelt, andere stehen vor dem Zelt und diskutieren über den Auftritt. "Das hat er gut gemacht", sagt ein älterer Herr in Tracht. "Nur der Steinbrück damals, der war noch besser."
12:05 Uhr
Merkel ist deutlich bemüht, die komplizierten Sachverhalte den Niederbayern im Zelt in einfachen Worten zu erklären. "Wenn wir denen, die etwas bewirken, sofort alles abknöpfen, dann werden die außer Landes gehen, dann haben die auch keine Lust mehr", ist ihr Versuch, zu erklären, warum sie gegen Steuererhöhungen ist. Einige Zuhörer blicken jedoch verwirrt.
12:00 Uhr
Eine Stunde redet Ude schon. Es geht nun im Jungbräu um den Mindestlohn, die Bayerische Landesbank und immer wieder um die Fehler der CSU. Ude gestikuliert wild, er hat sich in Rage geredet. "Sie sollten auch darüber nachdenken, ob es nach 55 Jahren der Machtentfaltung und des Machtmissbrauchs in Bayern nicht an der Zeit ist für einen demokratischen Wechsel" ruft er. "Ich denke, dass Bayern es verdient hat, dass es sozialer wird." Dann ist sein Auftritt vorbei. Im Zelt stehen nun die Leute von ihren Plätzen auf und klatschen minutenlang während Ude auf der Bühne einen Schluck Bier nimmt. Von den Abensbergern gibt es als Dankeschön noch eine Turm Weisse, ein spezielles Weißbier. Dann ist der Auftritt der SPD vorbei.
11:57 Uhr
Erst hat Merkel den Bayern geschmeichelt, nun jedoch schimpft sie ein wenig über die Münchner, die den Bau einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen abgelehnt haben. Die Kanzlerin sagt: "Woanders auf der Welt schläft man nicht. Woanders auf der Welt möchte man auch besser leben. Deshalb dürfen wir uns nicht so verschulden, dass wir morgen mit leeren Händen da stehen." Im Rest der Welt, etwa in Asien, würde man bauen und sich anstrengen, aufzuholen. "Und bei uns gibt's schon Theater, wenn mal eine dritte Landebahn oder ein neuer Flughafen gebaut werden soll."
11:52 Uhr
Aufbruchstimmung bei der FDP. Kubicki hat am Ende seiner Rede eben erzählt, dass er die bayerische Sprache liebe und zwei bayerische Ex-Freundinnen gehabt habe. Auch auf den Vorschlag für ein unabhängiges Bayern von Wilfried Scharnagl geht er ein: "Stellen Sie sich nur die ganzen Wirtschaftsflüchtlinge hinter der Grenze vor", sagt er. Das gehe nicht. Nach Kubickis Rede weist einer der Organisatoren noch daraufhin, dass die Veranstaltung ja nun der Fischbraterei hinter dem Zelt das Geschäft versaut habe, weil der Durchgang versperrt war. "Da schmeckt es echt lecker." Aber inzwischen sitzen schon wieder nur noch 50 Gäste im Disco-Zelt - und Kubicki gibt schon wieder Fernsehinterviews.
11:50 Uhr
Jürgen Trittin nimmt sich nun die Bundesregierung vor: "Gerade ist Frau Merkel in einem lila Jackett hier am Zelt vorbeigelaufen - aber ein lila Jackett macht noch keine Feministin", sagt Trittin. "Wäre Frau Merkel eine Feministin, hätte sie ihre Familienministerin längst rausschmeißen müssen".
11:49 Uhr
Aiwanger kommt zum Ende. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, die Hemdsärmel hat er längst hochgekrempelt. "Wir Freie Wähler stehen für eine Politik für die kleinen Leute, für die Bürger für euch", ruft er ein ums andere Mal und mit Blick auf die Landtags- und die Bundetsagswahl 2013: "Wir werden den anderen Partreien schon noch die eine oder andere Mass einschenken". Dann wünscht er den 900 Zuhörern noch allles Gute und "kemmst gut nach Hause." Die Musikanten Spreißler, die bis dahin ruhig auf ihren Stühlen gesessen sind, stehen abrupt auf und spielen einen lauten Tusch, die FW-Abgeordneten eilen auf die Bühne und umringen ihren Chef.
11:47 Uhr
Jetzt wettert Merkel gegen die bösen Finanzmärkte. Sie werde sich dafür stark machen, dass "internationale Finanzkrisen nicht immer das einreißen, was Leute mit ihrer eigenen Hände Arbeit aufgebaut haben". Die Älteren hier würden sich noch erinnern, was Krieg, Flucht, Vertreibung und Wiederaufbau zu bedeuten hätten. "Die Älteren hier im Saal", sagt Merkel. Dabei handelt es sich doch um ein Bierzelt. Jetzt geht es bei Merkel darum, warum Europa so wichtig sei für Deutschland: "Für uns ist es selbstverständlich, dass wir sagen können, was wir wollen. Aber wenn Sie überlegen, wieviele von den sieben Milliarden Menschen das können..." Auch den Rest der Welt müsse man von den europäischen Werten überzeugen. Dann spricht sich Merkel für die Unterstützung der Euro-Krisenländer aus: "Auch wir hatten schon schwierige Zeiten, diese Länder haben unsere Solidarität verdient."
11:45 Uhr
Wolfgang Kubicki spricht bei der FDP vor mittlerweile 150 Gästen erst über die großen Bundesthemen. Euro-Krise ("Wir leben in einem gemeinsamen europäischen Haus. Wenn das Dach brennt, können wir im Erdgeschoss nicht sagen: Das geht uns nichts an.") und Energiewende ("Wir sind aus der Atomkraft ausgestiegen, weil die Kanzlerin über Nacht gemerkt hat, dass ein Kernkraftwerk auch kaputt gehen kann."). Danach bekommt die Opposition ihr Fett weg, zunächst die "Schuldenmacher" der SPD: "Man kann auch bei Sozialdemokraten ein kleines Vermögen machen - wenn man vorher ein großes hatte." Dann trifft es die Grünen und deren Spitzenkandidatensuche: "Ich plädiere für Renate Künast. Der Frau steht das Lebensglück so richtig ins Gesicht geschrieben." Am Ende erwähnt er die Piraten, deren Modell er für die bayerische Feuerwehr empfiehlt: "Wenn es brennt, macht man erst einmal eine Umfrage, wie zu löschen ist. Und wenn man fertig ist, braucht man nicht mehr zu löschen."
11:43 Uhr
Während Angela Merkel die Bayern lobt, nimmt Christian Ude nun Stellung dazu, was er in Bayern ändern wolle, falls es denn mit der Wahl zum nächsten bayerischen Ministerpräsidenten klappen sollte. Eine SPD-Landesregierung würde sich für flächendeckende Kinderbetreuung und Gemeinschaftsschulen einsetzen, sagt Ude. "Wir müssen uns an der Realität der Familie orientieren, nicht am CSU-Leitbild", ruft er. Beschämend sei, dass nirgendwo die Schuldbildung so sehr vom Geldbeutel abhänge wie in Bayern.
11:36 Uhr
"In Bayern zählt die Leistung auch noch was, und darauf können Sie stolz sein", schmeichelt Merkel jetzt den niederbayerischen Zuhörern. Und Bayern sei auch Spitzenreiter bei den Vätermonaten. Jeder dritte frischgebackene Vater in Bayern beziehe Elterngeld. "Wir im Norden hätten das nie gedacht von Bayern, aber Wunder muss man akzeptieren." Und weiter: "Laptop und Lederhose, das ist das, was Bayern stark macht." Merkel kommt gut an im niederbayerischen Bierzelt. Und auch sie scheint sich auf der Bühne im Hofbräuzelt wohl zu fühlen. Sollte sie einen kleinen Kulturschock erlitten haben, lässt sie ihn sich zumindest nicht anmerken.
11:32 Uhr
Nun ist Angela Merkel an der Reihe. "Ich freu mich, dass ich nach zehn Jahren wieder hier sein darf. Ist ja 'ne Leistung, wieder eingeladen zu werden, dann kann es damals nicht so schlimm geweisen sein", beginnt Merkel und erntet ein paar Lacher. Vor zehneinhalb Jahren sei sie auch in Wolfratshausen gewesen, bei Edmund Stoiber zum berühmten Frühstück, sagt Merkel. "Damals war Deutschland noch mit der roten Laterne unterwegs." Heute unter der konservativ-liberalen Regierung sei alles viel besser. Merkel kommt ins Aufzählen, hört gar nicht mehr auf, sich, die CDU und die CSU zu loben. "Schönen Gruß an Horst Seehofer, mit dem habe ich heute morgen noch telefoniert."
11:31 Uhr
Im Jungbräu macht Ude jetzt Werbung für sich selbst - schließlich will er 2013 bayerischer Ministerpräsident werden. "Liebe niederbayerischen Freunde und Freundinnen: Wenn Sie der Meinung sind, dass es den Münchnern zu gut geht, dann sollten Sie sich doch mal fragen: Wie haben die das gemacht? Und wen haben die immer und immer wieder gewählt?" Es sei absurd, dass die Staatsregierung nun den Anwalt der Enterbten und Entrechteten gebe. "Das ist Schmierentheater", ruft Ude.
11:28 Uhr
Zum Start seiner Rede fodert Trittin den Machtwechsel in Bayern. Die CSU regiere nun länger als Fidel Castro in Kuba. Alleine schon, um Horst Seehofer die Trainingsanzüge zu ersparen, die Castro trägt, müsse der Wechsel her. "Wir müssen anfangen, europäisch zu denken", fordert Trittin energisch. Dobrindt bezeichnet er ironisch als "die Inkarnation bayerischer Intelligenz", schlimmer sei nur einer: "Blöd, Blöder, Söder."
11:27 Uhr
Neumeyer ist eifrig bemüht die Stimmung bei der CSU weiter anzuheizen. Keine Plattitüde ist ihm zu schade. "Wer uns wählt, wählt die Stabilitätsunion. Wer die SPD wählt, wählt die Schuldenunion", ruft er. Oder: "Hollande erinnert uns Abensberger im Land des Spargels nur an Sauce Hollandaise."
11:26 Uhr
Dann will Ude, der gerne auf der Insel Mykonos Urlaub macht, noch als "Liebhaber Griechenlands" etwas sagen. Von vielen Missständen habe er sich vor Ort persönlich überzeugt, sagt er. Das Verhalten der dortigen Oberschicht, die kaum Steuern zahle, sei ein Skandal. Aber er höre immer nur "Griechen raus", sagt Ude. Und Ressentiments, Separatismus und Kleinstaaterei von der CSU. "Mehr daneben liegen kann man nicht", ruft er. "Wir müssen in der Finanzkrise gegen Missstände kämpfen, nicht gegen andere Völker."