Schießerei in Geltendorf Piepsen im Wald

Die Polizei durchsucht den Wald bei Geltendorf.

(Foto: Günther Reger)

Blatt für Blatt: Die Polizei sucht im Geltendorfer Naherholungsgebiet mit Metalldetektoren und großem Einsatz nach einem Waffendepot des getöteten Serienräubers. Allein die Vorbereitung der Aktion dauerte eine Woche.

Von Gerhard Eisenkolb

Der ganze Wald piepst. Von allen Seiten sind diese nervenden hohen Töne zu hören. Mal länger, mal kürzer. Die Geräusche sind bereits wahrzunehmen, bevor zwischen Buchen und Fichten die ersten uniformierte Männer auftauchen. Und das Piepsen erinnert irgendwie an unangenehme Zahnarztbesuche oder Sicherheitskontrollen am Flughafen.

Als sein Metalldetektor einmal besonders lang und laut anschlägt, merkt einer der grünuniformierten Bereitschaftspolizisten zu seinem Nebenmann an: "Wenn du einen Schatz findest, teilen wir." Was eine dünne Erdschicht noch verbirgt und mit einer Schaufel ans Tageslicht befördert wird, ist enttäuschend. Anstelle eines Schatzes wird nur eine verrostete Blechdose ausgegraben.

Am Mittwochvormittag durchkämmt eine Hundertschaft Bereitschaftspolizisten den rund einen Quadratkilometer großen Wald westlich von Geltendorf Mann neben Mann systematisch. Das Gelände reicht von den Bahngleisen im Süden in etwa bis zur Höhe eines Einkaufsmarktes im Norden der Gemeinde. Genau in dessen Mitte liegt der Tatort, an dem zwei Polizisten am 26. mai bei der Kontrolle eines verdächtigen Fahrzeugs mit gefälschtem Bundeswehrkennzeichen und Blaulicht am Dach bei einem minutenlangen Schusswechsel einen 49 Jahre alten Türkenfelder tödlich getroffen hatten.

Die Polizisten haben auch Sprengstoffhunde dabei. Bei ihrer Arbeit werden sie von der Spezialeinheit des Landeskriminalamtes unterstützt, die vor elf Tagen den Tatort aus Furcht vor Sprengfallen stundenlang prüfte, bevor die Spurensicherung der Brucker Kripo ihre Arbeit aufnehmen durfte. Damals war, wie jetzt auch, äußerste Vorsicht geboten, weil der Tote neben sechs Schusswaffen auch handgranatenähnliche Sprengkörper mit sich führte. In seinem innen verdächtig verkabelten Minivan fanden sich Handgranaten sowie Spreng- und Knallkörper.

Nun wird einerseits nach "tatrelevanten Gegenständen" gesucht, wie es im Jargon der Ermittler heißt; andererseits nach Waffen, die der Getötete in Erddepots versteckt haben könnte. Laut Hans-Peter Kammerer, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, gibt es aufgrund von Beweismitteln keinen Zweifel mehr daran, dass es sich bei dem Erschossenen um einen Serienräuber, den sogenannten Waldläufer, handelte.

Der Mann gilt als Waffennarr, dessen auffälliger Wagen im April und Mai fast täglich von Spaziergänger in dem Wald gesehen worden war. Man nimmt an, dass er weitere Straftaten vorbereitet hat. Ebenso wie die beiden Polizisten trug der 49-Jährige bei dem Feuergefecht eine schusssichere Weste, zudem einen Bundeswehrparka und er war mit einer auffälligen Tarnausrüstung ausgestattet. "Walddurchsuchung" wird die neuerliche Polizeiaktion genannt, weil es um größtmögliche Gründlichkeit geht. Deshalb sind die Beamten angehalten, Blatt für Blatt umzudrehen. Der Einsatz soll aber auch sicherstellen, dass von dem Gelände keine Gefahr für Spaziergänger oder Waldarbeiter ausgeht. Allein die Vorbereitungen der Aktion dauerten eine Woche.

In dem Naherholungsgebiet war in den vergangenen Tagen noch mehr los, also sonst. Der Forst mit den Flurnamen "Schönbühl" und "Streichenlaich" zieht immer wieder Tatort-Touristen an, die sich mit Detektoren auf Spurensuche begeben, oder auch neugierige Kinder. Als am Mittwoch zufällig eine Gruppe von Radsportlern vorbeiradelt, erlauben sich die Beamten einen Scherz: Sie rufen laut "Fahrradkontrolle".

Obwohl die Spurensicherung den Tatort wiederholt Zentimeter für Zentimeter abgesucht hatte, findet die Hundertschaft sechs weitere Projektile von der Schießerei, eine Bundeswehr-Munitionskiste und eine Kartusche. Von all dem bekommen die Geltendorfer nichts mit. Dafür wird im Ort berichtet, dass sich seit den tödlichen Schüssen Erleichterung breit macht. Auch für die Tankstelle ist wieder leichter Personal zu finden, seit keine Überfälle mehr zu befürchten sind. Einige Geltendorfer kannten sogar den verdächtigen Wagen und dessen Fahrer, zumindest vom Sehen. Sie stellten keinen Zusammenhang zum Waldläufer her - bis ein Arbeiter die Polizei anrief.