Scharia statt Bürgerliches Gesetzbuch Um Gottes Willen

Auch im Freistaat sprechen Imame Recht, aber gibt es eine muslimische "Schattenjustiz"? Die Regierung zumindest ist beunruhigt. Imame wie der Münchner Abu Adam bestreiten dagegen, dass sie dem Staat mit ihren Schiedssprüchen Konkurrenz machen. Sie sprechen von einer "Geisterdebatte".

Von Frederik Obermaier und Ronen Steinke

Der Mann, der angeblich den deutschen Rechtsstaat gefährdet, spricht mit Münchner Zungenschlag, sagt zur Begrüßung ein weiches "Grüß Gott" und kommt im Laufe des Gesprächs noch mehrfach auf dieses Thema zurück. Allah sei Dank, so Allah will - immer wieder streut Abu Adam Gott in seine Sätze.

Der 42-Jährige ist Imam, ein muslimischer Gelehrter, er betreut die Gemeinde der Münchner Darul-Quran-Moschee. Dort lehrt er eine strenge, der Verfassungsschutz vermutet: eine scharfe Auslegung des Korans. Glaubt man Berichten des Bayerischen Rundfunks und des Spiegel, so weiß Abu Adam sein Ansehen unter den Gläubigen auch in Macht umzumünzen, in die Macht eines Richters, dessen Gerichtssaal die Moschee ist und dessen Gesetz die Scharia, die religiöse Rechtsgrundlage des Islam.

Solche Berichte haben Politiker jüngst aufgeschreckt: Als der rheinland-pfälzische Justizminister Jochen Hartloff (SPD) vor einem Monat in dieser Zeitung erklärte, er sehe durchaus Positives darin, wenn Männer wie Abu Adam sich als Friedensrichter anbieten, ertönten Aufschreie, als würden "demnächst Steinigungen auf dem Domplatz in Mainz exekutiert", wie die Zeit formulierte.

Nicht nur der Münchner Bürgermeister, Hep Monatzeder (Grüne), hat seither Experten einberufen, um sich genauer unterrichten zu lassen; Näheres zu seinen Gästen möchte sein Büro aber noch nicht verraten. Auch Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU), eine der schärfsten Kritikerinnen des Kollegen Hartloff, hat das Thema aufgegriffen. Sie hat eine dauerhafte Arbeitsgruppe eingerichtet, um Licht in jene "Schattenjustiz" zu bringen, die sie im Freistaat keinesfalls dulden möchte - und für die sie Abu Adam als vermeintliches Paradebeispiel nennt. Es sind Vorwürfe, die der Imam nicht auf sich sitzen lassen will. "Ich habe es satt", tobt er. "Das ist Provokation." Ohne Grund werde ein Konflikt herbeigeredet, der in der Realität nicht existiere.

Muslimische Friedensrichter seien "Schlüsselfiguren einer islamischen Paralleljustiz, die das deutsche Rechtssystem zunehmend aushebelt", schreibt der langjährige Fernsehjournalist Joachim Wagner in seinem jüngst erschienenen Buch "Richter ohne Gesetz". Wagner schildert Beispiele vor allem aus Berlin und Nordrhein-Westfalen, er beschreibt Fälle von Messerstechern, Betrügern und Frauenschlägern, deren Opfer gleich ein weiteres Mal zu Opfern gemacht werden, wenn Scharia-Richter die "Ehre" des Clans wiederherstellen. Die Stadt München erwähnt Wagner nur ein Mal, ohne einen konkreten Fall zu nennen.

Hört man sich in Bayerns Moscheegemeinden um, ist der Tenor ähnlich. Das Phänomen "Scharia-Gerichte" sei bekannt, heißt es dort - aus den Medien. "In Bayern habe ich davon noch nichts gehört", sagt etwa der Penzberger Imam Benjamin Idriz. In vielen Moscheen werde Streit geschlichtet - jedoch nur im Sinne einer Beratung, "zum Beispiel, wenn ein Ehepaar nicht mehr ganz glücklich ist und wissen will, wie sie ihre Beziehung retten können".

Mit einem Strafgericht, das etwa nach einem Diebstahl der Koransure 5, Vers 38, folgt - "Dem Dieb und der Diebin schneidet ihr die Hände ab als Vergeltung für das, was sie begangen haben" - habe das nichts zu tun. Von einer "Geisterdebatte" über Scharia-Gerichte spricht auch der Erlanger Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe - und er ist selbst einer von drei Köpfen der Arbeitsgruppe im bayerischen Justizministerium. "Gegenwärtig haben wir keine Anhaltspunkte, dass es so etwas in Bayern überhaupt gibt."

Justizministerin Merk beharrt darauf, dass es das Problem gibt - Belege für die Existenz islamischer Friedensrichter hat sie aber nicht. Das müsse sie auch nicht, sagt sie im Interview: "Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, investigativ durch das Land zu gehen und zu recherchieren, wo in Bayern es bereits eine solche Schattenjustiz gibt." Ihre Beamten verweisen lediglich auf einen Spiegel-Artikel vom August 2011. Unter dem Titel "Allahs Richter" zitiert das Magazin dort - Abu Adam. Er empfinde es als seine religiöse Pflicht, Streit zwischen Gläubigen zu schlichten, wird der Geistliche zitiert. "So weit stimmt das auch", sagt der 42-Jährige ein halbes Jahr später. Im Übrigen aber sei er falsch verstanden worden.

So habe er nie gesagt, dass er seinen Leuten abrate, zur Polizei zu gehen, und auch nicht, dass er lieber selbst ein Urteil fälle, das gerechter sei als das des Staates. "Ich bin ein Imam und Familientherapeut, aber kein Polizist oder Richter." Zwischen den deutschen Gesetzen und dem Koran sehe er keinen Widerspruch - und von Angelegenheiten, die in die Zuständigkeit von Polizei und Staatsanwaltschaft fallen, lasse er die Finger.

Die Fälle, bei denen Gläubige bei ihm Rat suchten, seien eher privater Natur. Zuletzt sei es etwa darum gegangen, ob eine Familie dieses Jahr nach Thailand in den Urlaub fliegen solle oder woandershin. "Und ich glaube nicht, dass solche Fälle die deutschen Richter interessieren." Der Bayerische Rundfunk zog in der Sendung "Kontrovers" dennoch den Schluss, dass Abu Adam in seiner Moschee in der Münchner Isarvorstadt ein "Scharia-Gericht" abhalte.