Satire-Angriff auf die Zugspitze Das ist ja der Gipfel

Sie sind bewaffnet mit Bohrer und Meißel, steigen auf Deutschlands höchsten Berg - und klauen angeblich ein Stück vom Gipfel: Mit einem Bekenner-Video sorgen einige Österreicher gerade für Aufruhr. Aber haben sie tatsächlich die Zugspitze um einen Meter kürzer gesägt? Eine Ermittlung.

Von Heiner Effern

Bayern, man kann das so sagen, war in Aufruhr. Ach was Bayern, ganz Deutschland. Es ist eine Frage der Ehre. Darf man sich als Staat um einen Meter kürzer machen lassen? Oder auch nur um einige Zentimeter? Macht sich hier wer lustig über das Trauma einer Alpennation, die keinen einzigen Dreitausender-Gipfel vorweisen kann? Demütigt hier ein Berg-Nachbar den anderen?

Vier Rebellen aus Österreich, die sich selbst "die Ösis" nennen, haben am Donnerstagnachmittag ein Bekennervideo auf dem Internetkanal YouTube veröffentlicht. Dort sieht der Betrachter, wie sie am Gipfel der Zugspitze einen Stein stehlen. Oder auch nicht. Jedenfalls ist das Video so geschnitten, dass es so aussieht, als hätten die drei Männer und eine Frau einen Brocken am Gipfel herausgemeißelt. Die vier fliehen mit der Beute in die Seilbahn auf die österreichische Seite hinunter. Und sind abgetaucht. Ihr Video endet mit der dramatischen Ansage: Die Zugspitze, der höchste Berg Deutschlands, sei nicht mehr 2962 Meter hoch. Sondern nur noch 2961 Meter.

Zur Beruhigung der Volksseele zuerst eine quasi-amtliche Mitteilung der Bayerischen Zugspitzbahn (BZB): Aufgrund einer sofortigen Überprüfung wurde festgestellt, dass es sich bei dem entführten Stein nicht um die höchste Stelle handelt. Die Zugspitze sei, so sagt es ein Sprecher, weiterhin 2962 Meter hoch.

Das überrascht nun wirklich nicht: Der Stein auf dem Video ist ja nie und nimmer einen Meter hoch. Allerdings habe man tatsächlich Spuren in Gipfelnähe gefunden, die darauf hindeuteten, dass "wirklich was rausgehauen" wurde. Im Übrigen, sagt der Mann, sei man bei der BZB traurig, dass ein Naturdenkmal wie die Zugspitze für so einen makabren Scherz nachhaltig zerstört worden sei. "Der Stein", sagt der Sprecher im vollen Bewusstsein der Tragweite dieser nachhaltigen Zerstörung, "sei für immer weg". Allerdings sei die Zugspitzbahn gar nicht die Geschädigte. "Der Stein gehört nicht uns, jetzt ja sowieso nimmer."

Wem gehört der Brocken?

Der kleine Brocken gehört dem Freistaat. Die Bayerischen Staatsforsten, die das Gelände verwalten, haben den materiellen Schaden schnell geschätzt. Der Verlust "wird uns nicht in den Ruin treiben", sagte ein Sprecher. Im Moment bewerte man gerade den wie auch immer gearteten immateriellen Schaden. Eine Besprechung mit den Hausjuristen habe ergeben, dass "eine ganze Reihe von Gesetzen" verletzt worden sein könnte. Den Schritt zur Polizei wolle man aber noch abwarten, da man irgendwie nicht sicher sei, ob der Diebstahl nicht doch ein fingierter sei.

Eine Anzeige brauchte es aber gar nicht, die Polizei ermittelte am Freitagvormittag bereits aus eigenem Antrieb. "Geschädigte sind wir ja alle", sagte Thomas Rappensberger, Chef der Alpinpolizei in Garmisch-Partenkirchen. Die Kontrolle der Webcam am Gipfel habe ergeben, dass zum Tatzeitpunkt eine unbekannte Gruppe auf der Zugspitze zugange gewesen sei. Er deutet aber als Ermittler mit Gespür an, dass die Affäre sein Wochenende womöglich nicht ruinieren werde: "Wir werden nicht alle Ressourcen aufwenden, um die Täter zu finden." Aber nichts machen, das könne die Polizei auch nicht bei solch einer Sachlage.

Die Spur führt ins Nachbarland

Womöglich wusste der Alpinpolizist da auch schon, dass die Spur der vier Täter nach Wien führt. Die gestohlene Zugspitzen-Spitze werde auf der dortigen Modellbaumesse zur Schau gestellt, hieß es in einer Ankündigung der Entführer, die am Donnerstagabend bei der Süddeutschen Zeitung einging. Am Freitagnachmittag kam dann von der Messegesellschaft Wien die offizielle Auflösung: Sie habe das Video zu Werbezwecken in Auftrag gegeben, sagte Pressesprecher Oliver-John Perry. Und natürlich habe niemand den höchsten Meter des Nachbarlandes niedergemeißelt.

Das Team der engagierten Agentur habe sich irgendeinen Stein aus einem Geröllfeld gesucht, sagte der Messesprecher. Den habe es zum Gipfel mitgenommen und dann darauf herumsägt und gemeißelt. Vergangenes Jahr übrigens, sagt Oliver-John Perry, hätte die Agentur ein Legomännchen beim Weltraumsprung begleitet. Das Video sei acht Millionen Mal geklickt worden. Und für die Bayern, die verzweifeln an der spaßfreien Ernsthaftigkeit ihrer Landsleute, hat er einen Trost. "Es wäre umgekehrt genauso, wenn einer ein Spitzerl vom Großglockner abschlagen würde."