Rüstungsindustrie und Universitäten Kriegsforschung in der Friedensstadt

Im Eurocopter-Werk in Donauwörth sind Facharbeiter mit der Montage des militärischen Transporthubschraubers NH90 beschäftigt

Augsburg, Erlangen oder München: Viele bayerische Hochschulen kooperieren mit der Rüstungsindustrie. Auch das Verteidigungsministerium und die US Army vergeben Aufträge an die Forschungsinstitute. Kritiker bemängeln, diese Bündnisse seien undurchsichtig.

Von Sebastian Krass, Martina Scherf und Mike Szymanski

Panzer, Drohnen, Sprengstoff, Maschinengewehre - die Rüstungsindustrie ist in Bayern schwer im Geschäft. Gut ein Drittel der Branche hat ihren Sitz im Freistaat, etwa 70 Betriebe sind hier ansässig, Konzerne wie Krauss-Maffei oder Mittelständler wie Renk in Augsburg. Für ihre Forschung suchen sie sich Partner an bayerischen Hochschulen. Und nicht nur das Pentagon bezahlt Professoren, wie jetzt bekannt wurde, auch das Bundesverteidigungsministerium ist regelmäßiger Auftraggeber für Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstitute. Genaue Statistiken sind Verschlusssache, wie so oft, wenn es um Militärisches geht.

Der Süddeutschen Zeitung liegen Dokumente vor, die das Ausmaß der Kriegsforschung an bayerischen Hochschulen erkennen lassen. Daraus geht hervor, dass allein das Bundesverteidigungsministerium in den Jahren von 2007 bis 2011 Aufträge im Volumen von knapp 30 Millionen Euro an Bayerns Forschungsinstitute vergeben hat, vor allem in den Bereichen Wehrtechnik, Medizin und Geowissenschaften. Gemessen an den Etats größerer Hochschulen - die TU München hat etwa einen Forschungsetat von 280 Millionen Euro pro Jahr - ist das ein eher kleiner Betrag. Aber Aufträge aus der Wehrbranche finanzieren oft ganze Stellen über Jahre.

Wie Universitäten und Rüstungsindustrie kooperieren

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Es gibt auch Stiftungslehrstühle, die von Rüstungsunternehmen finanziert werden: Der Lehrstuhl für Hubschraubertechnologie an der TU München wird von der EADS-Tochter Eurocopter bezahlt, die Professur für Systemtechnik in sicherheitsgerichteten Anwendungen an der Hochschule Ingolstadt von der EADS-Tochter Cassidian. Die Universitäten in Würzburg, Bayreuth und die LMU München forschen auch im Auftrag der US Army. Mal geht es um Sprengstoffe, mal um künstliche Seide, die zu schusssicheren Westen verarbeitet werden kann.

Standardvorlesung: "Fernraketen in Entwicklungsländern"

Zu den großen Nutznießern zählt erwartungsgemäß die Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München. Sie hat nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums im Zeitraum von 2007 bis 2013 Aufträge im Wert von fast zehn Millionen Euro erhalten. Auch die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ist mit knapp 1,7 Millionen Euro dabei, Chemie und Medizin stehen dabei im Vordergrund.

An der TU München werden Navigationsverfahren, Raketenantriebe und Drohnen erforscht. Eine Standardvorlesung seit Jahren: "Fernraketen in Entwicklungsländern". Die Uni betont allerdings, dass sie keine Knebelverträge abschließt, sondern sich in jedem Fall das Recht auf Patentanmeldung und Veröffentlichung der Forschungsergebnisse vorbehält.

Einer der großen Nutznießer der Rüstungsaufträge ist auch die Fraunhofer-Gesellschaft für angewandte Forschung. Aber auch kleine Fachhochschulen profitieren: In Münchberg, einem Ableger der Hochschule Hof, wird beispielsweise das Färben von Spezial-Garnen erforscht, die für Arbeitskleidung oder Kampfanzüge verwendet werden. 270.000 Euro erhielt das Institut dafür vom Verteidigungsministerium.

Die Technische Hochschule Deggendorf entwickelt im Auftrag einer Fernglasfirma Laserentfernungsmesser. Die Technik sei für Segler interessant oder Golfspieler, erklärt die Hochschule auf Nachfrage. "Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass diese Entwicklungen auch für militärische Zwecke verwendet werden."

Forschungsergebnisse für den "Dual Use"

In Ottobrunn bei München entsteht derzeit der "Bavarian International Campus Aerospace und Security". EADS, Siemens, DLR (deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt), MTU sind daran beteiligt und vier Hochschulen. In Fachmagazinen präsentiert EADS-Cassidian stolz ihr Sagitta-Modell, eine Kampfdrohne, die dort entwickelt wird. Drohnen sind ein Zukunftsmarkt.

Auch die Bundeswehr, im Begriff, sich von der Verteidigungs- zur Interventionsarmee zu wandeln, setzt auf solche unbemannten Flugobjekte. Die Hochschule Ingolstadt bekommt für ihren Forschungsbeitrag zu Sagitta (Stand Januar 2013) 240.000 Euro. Kein großes Projekt, gerade mal vier Prozent des Drittmittel-Volumens. Ein Beitrag zur Kriegsforschung? So will man das nicht sehen. Die Hochschulleitung teilt mit: "Die Forschungsanteile aus Sagitta verstehen wir nicht rein militärisch, sondern unter dem Aspekt des Dual Use, wo ein Einsatz sowohl im Zivilbereich also auch im militärischen Bereich möglich ist." Hauptzweck der Kooperation mit Cassidian sei die Ausbildung von Doktoranden.