Renovierungsbedarf Schlechte Aussichten für den Augsburger Perlachturm

Vom Perlachturm kann man an manchen Tagen die Berge sehen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Wahrzeichen aus dem 10. Jahrhundert ist so marode, dass es für mindestens drei Jahre geschlossen bleiben muss.

Von Christian Rost

Die Augsburger und ihre Gäste können die Berge nicht mehr sehen. Jedenfalls nicht mehr so dramatisch schön, wie das bei Föhn vom 70 Meter hohen Perlachturm aus bisher möglich war. Das Bauwerk, das mit dem Rathaus als eines der imposantesten Renaissance-Ensembles nördlich der Alpen gilt, ist dermaßen marode, dass es für Besucher geschlossen werden muss. Ein Generalsanierung des im Jahr 989 errichteten Turms, der damals allerdings deutlich kleiner war, stand ohnehin an. Weil die Treppe hinauf zum Aussichtspunkt unter den Glocken möglicherweise die Besucherlast nicht mehr trägt, wie ein von der Stadt beauftragtes Ingenieur-Büro in einem Gutachten warnt, bleibt der Perlachturm nun für mindestens drei Jahre gesperrt.

Der Turm ist ein Wahrzeichen Augsburgs, das nicht nur stumm in der historischen Altstadt herumsteht, sondern von Einheimischen wie Gästen gerne erklommen wird und auch sonst noch einiges zu bieten hat. Im vorigen Jahr stiegen etwa 35 500 Besucher die 260 Stufen zur Aussichtsplattform hinauf. Es gibt sogar einen eigenen Wettbewerb, den Perlachlauf, bei dem es gilt, möglichst schnell den Turm zu besteigen. Der Rekord in dieser Disziplin liegt bei 47,28 Sekunden. Wenn an klaren Tagen der Blick frei ist auf die Alpen, kann man die begeisterten Rufe der Ausgucker noch in ein paar hundert Metern Entfernung hören.

1028 Jahre

ist der Perlachturm alt. Der ehemalige Wachturm ist dringend sanierungsbedürftig. Im Zweiten Weltkrieg standen auf dem Turm Flakgeschütze, weshalb ihn die britische Royal Air Force gezielt bombardierte. Das oberste Geschoss brannte komplett aus. Beim Wiederaufbau, der bis 1950 dauerte, wurde eine Treppe aus Stahlbeton eingezogen, der seine Lebensdauer mittlerweile überschritten hat. Der Beton bröckelt, die Stahlträger rosten, weshalb die Konstruktion erneuert werden muss.

Der Turm entstand im 10. Jahrhundert zunächst als 30 Meter hoher Wachturm, als ein städtischer Campanile also, um nach Feuer und Eindringlingen Ausschau zu halten. 1526 wurde er auf 63 Meter aufgestockt und erhielt bald darauf ein Uhrwerk und eine Glocke, die alle 15 Minuten schlug und den Augsburgern so die Zeit vorgab. Seine endgültige Höhe mit 70 Metern erreichte er 1614, als ihm nach den Plänen des damaligen Stadtbaumeisters Elias Holl ein Oktogon mit zehn dorischen Säulen und eine Kuppel mit Laterne und Zwiebelhaube aufgesetzt wurden. Die Spitze des Perlachturms ziert eine Wetterfahne, die viele Augsburger für die Cisa halten, eine griechische Halbgöttin, die Männer mit ihre Schönheit verzaubern konnte.

Vorbild für die Figur sei offensichtlich, wie Bernd Wißner in seinem Buch "Augsburg entdecken" vermerkte, das Sternbild Kassiopeia, das ebenfalls wegen seiner Schönheit gerühmt wurde. Die Umgestaltung des Turms im Stil der Renaissance war im Zuge des Neubaus des benachbarten Rathauses erfolgt, in dem nach wie vor die hohen Herren (und Damen) der Stadt zu ihren Sitzungen zusammenkommen und die im Stadtrat vertretenen Fraktionen ihre Büros unterhalten. Der Sitz des Oberbürgermeisters und Teile der Verwaltung sind einen Steinwurf entfernt in einem moderneren Gebäude untergebracht.

Wie der Perlachturm zu seinem Namen kam, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Waren es einst die Vorführungen wilder Bären auf dem Platz vor dem Wachturm? "Per" soll im Althochdeutschen für Bär gestanden haben und "lach" für Fest. Oder ist er nach dem Lateinischen "perlego" benannt, was durchlesen bedeutet? Schließlich wurden auf dem Platz in früheren Zeiten städtische Verlautbarungen verkündet. Es existiert noch eine dritte Theorie. Demnach hat in römischer Zeit eine Legion eine Schlacht genau dort verloren, wo heute der Turm in den Himmel ragt. Und "perdita legio" steht für "untergegangene Legion. Welche Version nun zutrifft, weiß man nicht.

Mozart erklingt vier Mal täglich

Jedenfalls ist der Perlachturm kein Kirchturm, oder allenfalls ein bisschen, weil an ihn die Kirche St. Peter angebaut ist. Sie ist Süddeutschlands ältester Ziegelbau - und weltberühmt. Die Darstellung der Maria als Knotenlöserin suchen Wallfahrer aus aller Herren Länder auf und hoffen, dass damit ihre Probleme genauso gelöst werden wie die Knoten auf dem Marienbild. Während sie auf das Wunder warten, können sie sich das Glockenspiel vom Turm nebenan anhören. Jeden Tag vier Mal erklingen Volkslieder oder Stücke von Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Vater Leopold aus Augsburg stammte.

Etwas martialisch, aber für Kinder ein unheimlicher Spaß ist ein Ereignis, das jeweils um den 29. September, dem Michaelstag, am Perlachturm begangen wird. Am untersten Fenster erscheint dann das "Turamichele". Der Turm-Michel ist ein mechanisches Figurenspiel, bei dem der Erzengel Michael zu jeder vollen Stunde im Takt der Glockenschläge auf den Teufelsdrachen einsticht. Hunderte begeisterte Kinder zählen die Stiche lauthals auf dem Vorplatz mit.

Das "Turamichele"-Fest wird es auch in den nächsten Jahren geben, auf die Besichtigung des Turmes und auf das Glockenspiel werden die Augsburger aber auf unbestimmte Zeit verzichten müssen. Im Inneren des Bauwerks werden die brüchigen und rostigen Stahlbetontreppen herausgesägt und ersetzt. Deswegen wird laut Baureferent Gerd Merkle 2019 die Spitze des Turms heruntergehoben, um mit einem Kran die Treppenteile heraus- beziehungsweise hineinheben zu können. Immerhin der Kranführer hat dann noch den sagenhaften Blick auf die Alpen.

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