Reichsparteitagsgelände in Nürnberg Teures Schandmal

Die Zeppelintribüne in Nürnberg gehört zu den größten Relikten des NS-Regimes. Hunderttausende Besucher aus aller Welt werden hier jedes Jahr gezählt.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

"Es geht hier nicht um Aufhübschung": Das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verfällt. Die Stadt sucht nach einem Weg, die monströse Anlage zu erhalten - das könnte geschätzte 70 Millionen Euro kosten.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Theoretisch gibt es drei Möglichkeiten, mit dem architektonischen Erbe der Nationalsozialisten in Nürnberg umzugehen. Mit einer davon, fürchtet Ulrich Maly, wäre der Stadt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit so ziemlich sicher. "Würden wir hier die Abrissbagger anfahren lassen", sagt Nürnbergs Oberbürgermeister, würde man also die bröckelnden Bauten des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes abreißen, dann wäre das eine Story: eine allerdings, mit der sich die Stadt kaum Freunde machen würde. Anders als in den 1960er-Jahren, als Nürnberg tatsächlich an der Zeppelintribüne sprengte. Die NS-Säulen wurden damals vernichtet - Widerstand regte sich kaum dagegen.

Auch gegen eine zweite Möglichkeit hat sich die Stadt entschieden. Im Gegensatz zur ersten finden sich für diese immer wieder Freunde, auch ernstzunehmende: Warum nicht das monströse Erbe einfach einstürzen lassen, fragen diese. Wäre das nicht ein starkes Symbol dafür, wie da eine Epoche abgewirtschaftet hat, moralisch wie architektonisch? Wie sehr sie auf die Wirkung von Kulissen setzte, die vermeintlich 1000 Jahre halten sollten, aber nicht mal die ersten Hundert Jahre überstanden? Wie marode da eine Ideologie war, wie brüchig und sogar: lächerlich?

Gefahr durch einstürzende NS-Bauten

Würde man sich für diese Möglichkeit entscheiden, müsste die Stadt die einstürzenden NS-Bauten einzäunen: Gefahr für Leib und Leben. Das Areal im Süden der Stadt - neben dem Fußballstadion gelegen - würde hinter Barrikaden verschwinden und dann, fürchtet Maly, "womöglich wieder mystifiziert" werden. Das will die Stadt unter allen Umständen vermeiden. Schon heute ist die Rückseite der Tribüne mit Zäunen verrammelt, die Steinstufen vorne werden bislang provisorisch instand gehalten. Aber das Regenwasser sickert dort ein, lange hält der Stein nicht mehr.

Nürnberg hat sich deshalb für eine dritte Möglichkeit entschieden: Sanierung, wobei Maly das Wort möglichst umgeht, es klingt ihm zu sehr nach Restaurierung. "Es geht hier nicht um Aufhübschung", sagt er, "wir werden nicht auf die Suche gehen nach originalgetreuem Sandstein". Es gehe um den Erhalt. Und einen schrittweisen Umbau zum Ort historischen Lernens.

Wie das konkret funktionieren soll, hat die Stadt nun erläutert. Vorläufig will sie drei Millionen Euro investieren, um einen kleinen Teil der Zeppelintribüne - eine Art Musterfläche - und einen Turm der insgesamt 24 Türme aus der Wallanlage exemplarisch zu untersuchen: Wie marode das Mauerwerk dort ist, wie es gestützt werden muss und wie sichergestellt werden kann, dass etwa das Mosaik aus dem sogenannten Goldenen Saal unterhalb der Steinstufen nicht runterfällt. Und wie man etwa die Hinterlassenschaften der Nachkriegszeit, Zeichen alliierter Soldaten, erhalten kann, ohne sie zu beschädigen.

70 Millionen Euro - alleine nicht zu schultern

Im Herbst sollen erste Schadenskartierungen möglich sein, sagt Petra Waldmann, technische Leiterin des Nürnberger Hochbauamtes. Spätestens im Januar hofft die Stadt, eine Summe benennen zu können, was die Instandsetzung des gesamten Areals kosten würde. Bislang war stets von 70 Millionen Euro die Rede, das aber waren grobe Schätzungen. Mit der konkreten Zahl will man dann Land und Bund konfrontieren: "Das muss eine nationale Aufgabe sein", sagt Maly, "wir können das unmöglich alleine schultern."

Selbst wenn aus München und Berlin längst Bereitschaft signalisiert worden ist, die Finanzierung dürfte nicht einfach zu bewerkstelligen sein. Denn die Aufgabe, ein bröckelndes Nazi-Bauwerk zu erhalten, fällt durch alle Finanzierungsraster. Die Gedenkstättenstiftung kommt dafür nicht infrage: Sie kümmert sich um historische Orte der Opfer, nicht um die der Täter.

Allein in Prora, dem monumentalen NS-Urlaubsbau am Strand von Rügen, haben sie in etwa dasselbe Problem. Für den Denkmalschutz wiederum sind formal die Städte selbst zuständig, Nürnberg aber sieht sich völlig überfordert damit. Man wird also wohl um eine Sonderfinanzierung nicht herumkommen. So was aber kann erfahrungsgemäß dauern.

Hunderttausende Besucher, sämtliche Weltsprachen

Siegfried Zelnhefer hofft, dass es nicht zu lange dauert. Der Stadtsprecher verweist auf die Bedeutung der Bauten: Anhand der Zahlen könne man längst von einem "internationalen Ort der Erinnerung" sprechen. 200.000 Besucher wurden 2012 übers Areal geführt, mehr als die Hälfte stammten aus dem Ausland. Nicht berücksichtigt sind diejenigen, die das Gelände auf eigene Faust erkunden. Es dürften ebenfalls Hunderttausende sein. An Werktagen kann man auf der Zeppelintribüne so ziemlich sämtliche Weltsprachen hören. "Schade, dass man nicht rein kann ins Gebäude", sagt ein Lothringer. Er hätte sich gern den Goldenen Saal angeschaut, einen Raum unterhalb der Tribüne, verziert mit goldschimmernden Mosaiken. Im Reiseführer wird der groß beschrieben.

Sollten sich die Pläne der Stadt Nürnberg verwirklichen lassen, würden Besucher auch diesen hallenartigen Raum künftig anschauen können, zumindest durch eine Glaswand hindurch. Und auch das hätte wohl eine entmystifizierende Wirkung: Das Mosaik an der Decke wirkt aus der Nähe betrachtet vor allem billig.