Rehau Gelebte Altersweisheit

Die Torte zu Eugen Gomringers 93. Geburtstag zeigt sein Gedicht "Avenidas". Ihn freut's sichtlich.

(Foto: Nora Gomringer)

Eugen Gomringer sieht Entscheid zu Gedicht gelassen entgegen

Von Olaf Przybilla, Rehau

Man glaubt es beinahe zu hören, das kindliche Kichern des Geburtstagskindes Eugen Gomringer, der am Wochenende 93 Jahre alt geworden ist und sich dabei ein besonderes Stück Kuchen genehmigt hat. Im Bild festgehalten hat diesen Moment Nora-Eugenie Gomringer, die Tochter des Lyrikers. Man sieht ihren Vater, den Begründer der Konkreten Poesie, wie er zuhause im oberfränkischen Rehau von einer Art Gedicht-Geburtstagstorte kostet. Verziert ist sie mit Eugen Gomringers Text "Avenidas", und so freundlich man den Urheber des Gedichtes lachen sieht, so bedroht, könnte man sagen, ist dieses Stück Lyrik in der Gegenwart. Auf Betreiben von Studenten will die Berliner Alice Salomon Hochschule in diesen Tagen entscheiden, ob der Text von einer Außenwand der Hochschule entfernt werden muss. Klingt zum Kichern. Ist aber ernst.

Die Hochschule hatte Gomringer einen Poetik-Preis verliehen, seit der Zeit steht "Avenidas", ein Kerngedicht der Konkreten Poesie, in großen Lettern auf der Wand. 1953 auf Spanisch geschrieben, beschreibt es eine Straßenszene auf den Ramblas in Barcelona: "Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer." Auf besagter Wand stand der Text schon etliche Jahre, bis eigenen Angaben zufolge "Studierende die vorlesungsfreie Zeit genutzt" haben, um festzustellen, er reproduziere "eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind". Mit einem Wort: Sexismus. Geht es nach einem Teil der Studenten, so soll der Text nicht auf der Wand stehen bleiben. Das Gedicht könnte überstrichen, durch ein anderes ersetzt oder mit Kommentierungen ergänzt werden.

Nach ausgefeiltem Abstimmungsprozedere erwartet Nora Gomringer "quasi stündlich" die Entscheidung der Hochschule. Das alles gehe ihr arg "an die Nerven", sagt die Bachmann-Preisträgerin. Der Blutdruck ihres Vaters dagegen scheine "nicht im Geringsten erhöht" zu sein. Spießertum ist seine Sache eben nicht. Das überlässt der 93-jährige Wahl-Oberfranke gerne anderen. Wenn's sein muss, auch einer Hochschule in Berlin.