Recycling-Anlage in Unterfranken Furcht vor der schleichenden Vergiftung

Sie sind in Sorge: Immer wieder protestieren Bewohner von Wonfurt gegen die Recycling-Firma Loacker. 

(Foto: oh)

Ausschlag, Kopf- und Kieferschmerzen: Die Bewohner des unterfränkischen Wonfurt klagen über gesundheitliche Gefahren durch eine Recycling-Anlage. Der bayerische Umweltminister gibt Entwarnung - und bietet trotzdem Bluttests für das ganze Dorf an.

Von Katja Auer und Christian Sebald

Als erstes ist Andrea Werner der Staub aufgefallen und der undefinierbare Geruch. "So was hatte ich noch nie gerochen." Dann bekam sie Hautausschlag, Kieferschmerzen, der Kopf tat ihr weh und abends war sie total erschöpft. Sie ließ sich eine Brille machen, weil sie dachte, das ständige Sitzen vor dem Computer strenge sie so an. Es half nichts. Stattdessen habe der Arzt eine Schwermetallvergiftung diagnostiziert, sagt Andrea Werner, 33. Wo die herkommt, steht für sie fest: Bei der Firma Loacker, die neben dem Betrieb ihrer Eltern im unterfränkischen Wonfurt steht, wo sie im Büro arbeitete, finde sich die Ursache ihrer Erkrankung.

Mit 40 Betriebsstätten und 700 Mitarbeitern in sieben Ländern zählt sich die österreichische Loacker-Recycling-Gruppe zum "Spitzenfeld der europäischen Entsorgungswirtschaft". Vor fünf Jahren erwarb sie die damalige Fichtler Recycling GmbH in Wonfurt (Kreis Haßberge). Knapp 40 Leute arbeiten auf dem weitläufigen Gelände tonnenweise Kabel- und bis Mitte des Jahres auch Elektroschrott auf und gewinnen daraus hochwertige Metalle wie Eisen, Kupfer oder Magnesium. Die Abfälle werden vor der Verarbeitung zumindest teilweise geschreddert. Das ist nicht nur laut. Das staubt - und zwar massiv.

Es ist dieser Staub, den Andrea Werner und viele andere in dem 2000-Einwohner-Ort fürchten. Die Wonfurter sind überzeugt, dass er Schwermetalle wie Blei, Nickel oder Kadmium weit über die Richtwerte hinaus enthält, aber auch Arsen und Dioxine, und dass er sie schleichend vergiftet. Seit einem Jahr fordert die Bürgerinitiative Lebenswertes Wonfurt "Rahmenbedingungen, so dass keine Belastungen entstehen", wie ihr Sprecher Peter Werner, der Ehemann von Andrea Werner, sagt. Demonstriert haben sie, Plakate geklebt, das Frankenlied umgedichtet. Recycling ja, sagt Werner, aber "loackern" nein. Das Verb haben sie erfunden in Wonfurt.

Kostenlose Bluttests vom Gesundheitsministerium

An diesem Donnerstag beschäftigt sich der Landtag mit der Firma Loacker. Die Grünen wollen von Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) wissen, wie es wirklich um die Gesundheit der Menschen dort steht. Schon im April forderte der Grünen-Politiker Christian Magerl einen entsprechenden Bericht an. Nach umfangreichen Analysen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und des Landesamts für Umwelt (LfU) wird der Minister nun Entwarnung geben.

"Nach allen derzeitigen Erkenntnissen führen die rund um das Betriebsgelände gemessenen Immissionen nicht zu gesundheitlichen Gefährdungen", sagt eine Ministeriumssprecherin. "Um besorgten Bürgern noch mehr Klarheit zu verschaffen, bietet das LGL künftig Anwohnern kostenlose Bluttests an." Außerdem fährt Huber Anfang 2013 nach Wonfurt und spricht mit den Bewohnern über deren Sorgen.

Magerl traut der Entwarnung nicht recht. Zwar sagt auch er, dass es "wohl keine akute Gefahr" für die Gesundheit der Wonfurter gebe. Dennoch hätten die Messungen erhöhte Kupfer- und Kadmiumgehalte im Boden rund um die Anlage ergeben. Aber nicht nur das: "Im Schwebstaub sind die Werte von Arsen, Blei, Kadmium oder Molybdän nirgends in Bayern so hoch wie rund um die Wonfurter Unternehmen", sagt Magerl. "Und es ist nicht gerade vertrauensbildend, wenn die Leute lesen, dass sie alleine durch die Luft zwei Drittel der täglich tolerablen Dioxin-Dosis aufnehmen."

Magerl fordert von Huber, dass "er auf die strikte Einhaltung sämtlicher Standards für solche Anlagen und ihre penible Überwachung sorgt". Das verlangt die Bürgerinitiative auch vom Landratsamt. Dort habe man Verständnis für die Sorgen der Bürger, heißt es, deswegen sei auch eine Vielzahl von Messungen durchgeführt worden. Das Ergebnis: Keine Gefährdung.

Loacker sorgt sich ums Image

Gerhard Nettinger, der Deutschland-Beauftragte am österreichischen Loacker-Stammsitz, versteht nicht, "was da so hochgeschaukelt wird". Natürlich, sagt er, die Firma bereite Kupfer auf, also seien gewisse Werte höher als dort, wo keines aufbereitet werde. Auch er zitiert die Gutachten: die Grenzwerte würden längst nicht erreicht. "Sie werden keinen Kabelaufbereiter finden, der so sauber arbeitet", sagt er.

Nettinger fürchtet um das Image der Firma und betont die Anstrengungen, um die Situation zu beruhigen. Man habe die Elektroschrott-Verarbeitung freiwillig aufgegeben. Einige Mitarbeiter seien untersucht worden - alle gesund. Kabelabfälle sollen nur noch in geschlossenen Räumen aufgearbeitet werden. Die Pläne dafür lägen bei den Behörden. Zwei Millionen Euro werde man 2013 investieren.

Den Werners und ihren gut 500 Mitstreitern in der Initiative, zu denen Vertreter aller Parteien zählen, reicht das nicht. Erst kürzlich haben sie Firmenunterlagen angefordert, um herauszufinden, ob Loacker die Grenzwerte auch dann einhält, wenn der Betrieb voll ausgelastet ist. Loacker klagt dagegen. Aus wirtschaftlichen Gründen, sagt Nettinger, er fürchtet die Konkurrenz. "Die Firma hat aus unserer Sicht etwas zu verbergen", sagt Peter Werner. Seine Frau Andrea arbeitet nun von daheim aus. Ein halbes Jahr war sie krank geschrieben, nun gehe es ihr wieder gut. Neben Loacker will sie trotzdem nicht mehr arbeiten: "Da setze ich mich nicht mehr hin."