Rechtsextremismus Neue Anschrift: www.nazi.net

Die rechtsextreme Szene strukturiert sich neu: Das Internet macht Parteistrukturen überflüssig, die NPD verliert Anhänger. Doch das rechte Gedankengut verbreitet sich auf neuen Wegen weiter.

Von Katja Riedel

Der Bestseller unter den Babystramplern ist rosa, darauf prangt, im College-Stil, eine 88: Keine schlichte Ziffer, sondern eine Weltanschauung; ein Code, den versteht, wer sich in der rechtsextremen Szene auskennt. Die 88 steht für den achten Buchstaben des Alphabets, für "HH" - für den verbotenen Hitlergruß, den die Eltern kommunizieren möchten. Sie beziehen Szenekleidung, rechte Musik und weitere Devotionalien von einer der rechten Versandplattformen, von denen Jugendschützer 2008 allein in Bayern 19 verschiedene gefunden haben.

Der 88er-Strampler steht auch für einen Wandel - die Szene strukturiert sich neu, auch in Bayern. Rechte Gesinnung lässt sich kaum noch an äußeren Merkmalen wie Springerstiefeln oder Glatzen festmachen, sondern deutet normale Erscheinungen der Jugendkultur für die eigenen Zwecke um. Als sogenannte "Autonome Nationalisten" treten manche Rechte mit Palästinensertüchern und schwarzer Kleidung äußerlich auf wie Linke. Andere nutzen Markenkleidung, um Zeichen zu setzen. Aus braun ist - äußerlich - bunt geworden.

Glaubt man dem jüngsten bayerischen Verfassungsschutzbericht, scheint es, als würde die Rechte immer schwächer. Die in Bayern ohnehin wenig verankerte NPD hat bei der letzten Bundestagswahl gerade einmal 111.662 Erststimmen (1,7Prozent) bekommen und liegt damit knapp über dem Bundesschnitt von 1,1 Prozent.

Aufgrund parteiinterner Streitereien und des Todes der Schlüsselfigur Jürgen Rieger hat sie weiter verloren. Rieger war nicht nur Finanzier, sondern organisierte auch im fränkischen Wunsiedel das größte europäische Rechtsextremen-Treffen am Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess.

Die Partei wird immer unwichtiger

Nachdem vor zwei Jahren zahlreiche NPD-Mitglieder die Partei verlassen haben, sind diese neu organisiert - in zwei überregionalen und einem regionalen Netzwerk: Das "Freie Netz Süd", der "Freie Widerstand Süddeutschland" und das "Nationale Bündnis Niederbayern" bedienen sich als Kameradschaften jener Ersatzstrukturen, die das Internet ermöglicht. Die Partei als Kommunikationsplattform wird immer unwichtiger.

Der Verfassungsschutzbericht und die Einschätzung der Gewaltbereitschaft beruhen wesentlich auf angezeigten Straftaten. Diese sind in den vergangenen Jahren gesunken. 2007 waren es offiziell noch 82, 2009 53 Vorfälle. Martin Windisch, Projektleiter der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus, rechnet aber mit einer hohen Dunkelziffer.

Opfer rechter Gewalt würden vor allem Migranten und Linke - zwei Gruppen, die Straftaten nur ungern bei der Polizei anzeigten. Dass die Zahlen linksextremer Gewalttaten dagegen ansteigen, liege auch an dem Fokus, den die Sicherheitsbehörden diesem Thema zuteil werden ließen.

Die Akzeptanz rechtsextremer Ansichten und Aussagen nehme hingegen in der Gesellschaft deutlich zu. Windischs Kollegin Simone Richter hat einen neuen Typus ausgemacht: die Großfamilie, die sich einen ökologischen Anstrich gibt, unauffällig lebt, aber extreme Ansichten vertritt und ihre Kinder in diesem Dunstkreis, der von neonazistischem, tief konservativem Gedankengut geprägt ist, sozialisieren.

Darüber können sie sich im Internet austauschen. Der Nazi 2.0 trifft sich in speziellen Foren wie thiazi.net oder Altermedia. Er stellt Videos in normale Soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube. In knapp 80 Prozent der speziell rechtsextremen Netzwerke, die meist auf ausländischen Servern laufen, werden auch unzulässige Inhalte verbreitet, haben die Kontrolleure von Jugendschutz.net herausgefunden.