Realschulen in Bayern Der beste Umweg zum Abitur

"Wer will, kann sogar Abitur machen und Medizin studieren": Die Realschule ist beliebt wie nie - Eltern schicken ihre Kinder sogar dann dorthin, wenn die Noten fürs Gymnasium reichen.

Von Tina Baier

Natalie Schorn erinnert sich noch gut an den Augenblick, in dem ihr klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Ihr Sohn Dominik schlug seinen Kopf gegen die Wand und schrie: "Ich schaff' das nicht!" Dominik ging damals in die sechste Klasse eines bayerischen Gymnasiums. "Ich habe gelernt und gelernt und hatte trotzdem schlechte Noten", sagt er heute. Natalie Schorn meldete ihn kurz entschlossen an der Realschule in Marktoberdorf an. "Seitdem ist Dominik wieder er selbst", sagt sie. Dieses Jahr macht er die Mittlere Reife und hat schon eine Lehrstelle als Fernmeldetechniker. "Die Realschule war für uns ideal", sagt seine Mutter.

Immer mehr Eltern sehen das genauso. Mit derzeit 242.700 Schülern ist die Realschule mittlerweile eine der beliebtesten Schularten in Bayern. Vor allem auf dem Land schicken viele Familien ihre Kinder sogar dann dorthin, wenn die Noten im Übertrittszeugnis, das am heutigen Donnerstag an 106.000 Viertklässler verteilt wird, so gut sind, dass sie ohne Weiteres auch das Gymnasium besuchen könnten. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz in Niederbayern: Im Landkreis Rottal-Inn gehen nur 29 Prozent der Viertklässler aufs Gymnasium, obwohl 46 Prozent laut Übertrittszeugnis dazu berechtigt wären. Im Landkreis Straubing-Bogen sind es 30 Prozent, obwohl 50 Prozent nach den Empfehlungen der Grundschule geeignet wären.

"Bei den Eltern hat sich herumgesprochen, dass den Kindern nach dem Besuch der Realschule alle Möglichkeiten offenstehen", sagt Julia Jacob, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Realschullehrerverbands. "Wer will, kann sogar Abitur machen und Medizin studieren." Viele Realschüler wechseln nämlich nach bestandener Mittlerer Reife auf die Fachoberschule (FOS) oder sie machen eine Lehre und gehen dann auf die Berufsoberschule (BOS). Diese sogenannten Beruflichen Oberschulen vergeben in Bayern mittlerweile 42 Prozent der Studienberechtigungen. In München sind es sogar knapp 50 Prozent.

Einen deutlichen Sprung auf der Beliebtheitsskala haben die Realschulen seit der flächendeckenden Einführung der sogenannten FOS 13 im Jahr 2003/2004 gemacht: Schüler der FOS können seither nicht nur das Fachabitur nach der zwölften Klasse machen, sondern ein dreizehntes Jahr dranhängen und dann das allgemeine Abitur ablegen. Seit es diese Möglichkeit gibt, ist die Übertrittsquote auf die Realschule nach Angaben aus dem Kultusministerium von 26 Prozent auf rund 30 Prozent im Schuljahr 2010/2011 angestiegen. Eltern und Schüler scheinen zu schätzen, dass man auf diesem Weg das Abitur wie früher im neunstufigen Gymnasium (G 9) nach neun statt nach acht Jahren machen kann.

Nebenbei fällt auch noch eine der größten Hürden des achtstufigen Gymnasiums (G 8) weg: die zweite Fremdsprache in der sechsten Klasse. Auf der Realschule kommt die zweite Fremdsprache - in der Regel Französisch - erst in der siebten Klasse dazu, so wie früher beim G 9. Wer nicht will, muss zunächst überhaupt kein Französisch lernen und kann dies dann in der elften Klasse der Fachoberschule nachholen. Viele Eltern seien von der im Vergleich zum Gymnasium stärker praxisorientierten Ausbildung auf der Realschule überzeugt, sagt Jacob.

Oft spielten bei der Entscheidung aber auch organisatorische Gründe eine wichtige Rolle. Zum Beispiel die Tatsache, dass es auf der Realschule anders als im G 8 kaum Nachmittagsunterricht gibt. Vor allem auf dem Land ist das für viele Familien der entscheidende Pluspunkt, weil die Transportbedingungen oft so schlecht sind, dass Gymnasiasten am Nachmittag Probleme haben, von der Schule zurück nach Hause zu kommen.

Immer beliebter wird nach Beobachtung von Anton Huber, dem Vorsitzenden des Bayerischen Realschullehrerverbands, auch die Möglichkeit, nach der Mittleren Reife direkt aufs Gymnasium zu wechseln und dort Abitur zu machen. Die meisten Realschüler, die sich für diesen Weg entscheiden, besuchen zunächst eine sogenannte Einführungsklasse, wo sie auf die Anforderungen in der Oberstufe des Gymnasiums vorbereitet werden. Das Kultusministerium baut diesen Weg zurzeit aus: Mittlerweile gibt es bayernweit 92 Einführungsklassen an 78 Gymnasien. Letztes Jahr waren es nur 58 Einführungsklassen an 46 Gymnasien. "Die ehemaligen Realschüler haben dann in der Oberstufe oft bessere Noten als die Gymnasiasten", sagt Huber.

Eines ist jedenfalls sicher: Die Übertrittszeugnisse, die an diesem Donnerstag verteilt werden, sind keine endgültige Entscheidung über den weiteren Bildungsweg eines Kindes. Das beste Beispiel ist Max Wagner. Der heute 28-Jährige ist im Gymnasium durchgefallen und hat auch die Mittlere-Reife-Prüfung auf der Realschule nicht geschafft. "Mein Problem war immer Mathematik", sagt Wagner. Während einer Berufsausbildung in einem Ingenieursbüro verstand er plötzlich, dass "man Mathe lernen kann". Heute studiert Wagner Bauingenieurswesen und arbeitet in einem Ingenieursbüro mit Schwerpunkt Tragwerksplanung. "Das ist genau der Bereich, der am meisten mit Mathematik zu tun hat", sagt er.