Reaktionen aus dem Geburtsort des Papstes Fast wie ein Verlust in der Familie

2005 stand Marktl am Inn plötzlich im Mittelpunkt des Weltinteresses. Ein Sohn des Ortes war gerade zum Papst gewählt worden. Jetzt tritt Benedikt XVI. zurück - und im Ort ist die Überraschung groß. Viele schwelgen in Erinnerung, doch einige Bewohner quälen jetzt durchaus irdische Sorgen.

Von Sarah Ehrmann, Anna Fischhaber, Thierry Backes und Sebastian Gierke

Drei Stunden nachdem Benedikt der XVI. seinen Rücktritt ankündigt hat, bringt Susanne Barthel eine lilafarbene Orchidee in die Kirche St. Oswald. Sie ist den Tränen nahe. "Ich bin sehr traurig", sagt die Mesnerin. Ein Verlust sei das, fast wie ein Verlust in der Familie. Am 16. April 1927, am Tag seiner Geburt, ist Joseph Ratzinger in dieser Kirche im bayerischen Marktl am Inn getauft worden. Die Orchidee befestigt Barthel zwischen der Benedikt-XVI.-Steinplatte in der Kirchenwand und der Papst-Kerze. Eine solche steht hier, seit Ratzinger zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden ist.

Auf den Straßen seines Geburtsortes ist an diesem Faschingsmontag wenig los. Einheimische trifft man kaum. Die, die zu sehen sind, haben meist einen Fotoapparat umgehängt. Oder ein Mikrophon in der Hand. Es sind Journalisten, die wissen wollen wie es dem Ort mit der Nachricht geht, die die katholische Welt erschüttert hat. Vor der Kirche stehen drei Übertragungswagen vom Bayerischen Rundfunkt.

Im Jahr 2005 war das noch etwas anderes. Der gesamte Ort war in Aufruhr. Auf dem Marktplatz gab es kaum mehr ein Durchkommen, Übertragungswagen der internationalen TV-Stationen verstopften die Straßen des kleinen Ortes. Marktl am Inn im Landkreis Altötting, nur wenige Kilometer von dem berühmten Marienwahlfahrtsort entfernt, 2700 Einwohner, stand plötzlich im Mittelpunkt des Weltinteresses.

Ein Sohn des Ortes war gerade zum Papst gemacht worden. Nach der Wahl Ratzingers war der Rummel gewaltig. Pilger aus aller Welt reisten an, findige Geschäftsleute boten Souvenirs an. Von der Papst-Torte bis zum Papst-Bier. Das päpstliche Geburtshaus ist mittlerweile herausgeputzt worden. Es dient als geistliche Begegnungsstätte, auch ein kleines Museum ist jetzt dort zu finden. Und auch zu himmlischen Ehren kam der Ort. Ein Flugzeug der Lufthansa wurde auf den Namen der kleinen Gemeinde getauft.

"Mein Herz schlägt bayrisch"

Dass Benedikt XVI. ein Bayer ist, das kann man schon an seiner Aussprache hören. Sogar durch sein Italienisch schimmert stets das Idiom seiner Kindheit hindurch. Er hat allerdings nur zwei Jahre in Marktl gelebt. Sein Vater war Polizist, wurde deshalb häufig versetzt. Und so rühmen sich viele Orte in Bayern, die Heimat des Kirchenoberhauptes zu sein. "Mein Herz schlägt bayrisch - in meinem Amt gehöre ich der Welt", so hat der Papst das selbst ausgedrückt.

Für Pfarrer Josef Kaiser ist Ratzinger aber einer aus Marktl. Bei seinem Bayern-Besuch 2006 stattet Benedikt XVI. seiner Taufkirche, St. Oswald, einen Besuch ab. Insgesamt fünf Mal hat der Pfarrer den Papst getroffen. Der Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt habe ihn überrascht, sagt er. Dann überlegt er kurz: "Grundsätzlich habe ich das schon erwartet. Der Papst hat immer gesagt, wenn der gesundheitliche Zustand es nicht mehr zulässt, dann tritt er zurück. Und das macht er eben jetzt."

Zuletzt war Kaiser an Benedikts Geburtstag in Rom. Der Papst habe damals angeschlagen gewirkt, erzählt der Pfarrer. Trotzdem: "Immer, wenn man ihm gegenüber stand, dann habe man seine Bescheidenheit und seine Herzlichkeit gespürt. "Man hat sich sofort aufgehoben und aufgenommen gefühlt. Benedikt ist immer zutiefst menschlich geblieben bis heute."

Für Kaiser ist Ratzinger der erste Papst, der freiwillig zurücktritt. "Das nötigt mir den höchsten Respekt ab." (Die Hintergründe der bisherigen Papstrücktritte finden Sie hier.)