Rassismus-Debatte an Rosenheimer Schule Blöde Frage

"Wenn bei Naturvölkern ein Gast die Hausherrin begatten muss, müssen wir das verurteilen?" Ein Ethiklehrer aus Rosenheim hat einer 12. Klasse diese Frage gestellt. Ein Schüler weigerte sich, über die Inuit als "Naturvolk" zu schreiben - und hat damit eine Rassismus-Debatte ausgelöst.

Von Bernd Kastner

Wo endet Gedankenlosigkeit, wo beginnt Rassismus? Diese Frage stellt sich nicht nur bei einem Kalender, der, verteilt von einer Gewerkschaft, bis vor kurzem in bayerischen Polizeibüros hing und wegen seiner umstrittenen Karikaturen eine Diskussion über rassistische Bilder und Sprüche auslöste. Die Frage stellt sich hin und wieder auch im Unterricht, zum Beispiel an der Fachoberschule (FOS) in Rosenheim.

Da hat ein Ethiklehrer in einer Kurzarbeit einer 12. Klasse folgende Frage gestellt, bezogen auf das Hunderte Jahre zurückliegende angebliche Verhalten der Inuit: "Wenn bei Naturvölkern ein Gast die Hausherrin begatten muss, ist das nun a) ein moralisches Gebot und b) müssen wir das absolut verurteilen?"

Verurteilt wurden anschließend nicht die Inuit, sondern die Fragestellung als solche, und zwar zunächst von Schüler Karl Berg (Name geändert). Er weigerte sich nicht nur, die Aufgabe zu bearbeiten, er protestierte auch offen dagegen. Im Dezember 2010 war das, wenige Monate vor seiner Abiturprüfung.

So wurde aus der Kurzarbeit eine langwierige Hausaufgabe, zu bearbeiten von Schule und Kultusministerium: Wie geht eine Gesellschaft um mit Begriffen, die aus einer längst vergangenen Zeit stammen und heute den Verdacht des Rassismus begründen.

Schüler Berg, heute 23 Jahre alt, empörte sich nicht nur über die Fragestellung, sondern auch über die anschließenden Reaktionen von Lehrer und Schulleiter. Er fühlte sich nicht ernst genommen. Dabei ist es ihm sehr ernst, dass ein Begriff wie "Naturvolk" Ausdruck der Überheblichkeit der westlichen Zivilisation über vermeintlich Unzivilisierte sei, und das Wort "begatten" allenfalls zu Tieren passe.

Berg wandte sich nicht nur an den Kultusminister, sondern auch an das "Netzwerk Rassismus an Schulen" (Neras) in Hamburg. Dort nahm man die Ethik-Aufgabe zum Anlass, auf eine grundsätzliche Reflexion überkommener Bilder und Begriffe zu dringen.

Beste Zensuren für seine "Zivilcourage"

Das Kultusministerium in München reagierte mit einer "schulaufsichtlichen Überprüfung". Zunächst stellte der Ministerialbeauftragte dem Schüler Karl Berg beste Zensuren aus für seine "Zivilcourage". "Das ist eine sehr erfreuliche Handlungsweise", lobte ihn der Ober-Lehrer. "Karl Berg hat sich für eine gute Sache eingesetzt." Der Beamte nennt die Fragestellung des Ethik-Lehrers "unglücklich", weil es heutzutage "indigene Völker" heiße, und nicht "Naturvölker". Dem Lehrer täte seine Formulierung ja auch "unendlich leid".

Die Rassismus-Kritiker aus Hamburg gaben sich mit diesem Mea Culpa aber nicht zufrieden. Sie forderten eine gründliche Beschäftigung mit kolonial geprägten Denk- und Sprachstrukturen, die nicht nur in den europäischen Alltag, sondern auch in deutschen Unterricht eingegangen seien.

An einer so gründlichen Reflexion aber hat die bayerische Kultusbürokratie dann doch kein Interesse. Das Ministerium wollte beschwichtigen: Rassismus und Diskriminierung würden "an unseren Schulen in keinster Weise geduldet". Und der FOS-Direktor aus Rosenheim versichert auf SZ-Nachfrage, dass seine Schule viel tue gegen Rassismus. Aber bitteschön, sagt er, diese Reaktion auf so eine unglückliche Fragestellung eines des Rassismus unverdächtigen Lehrers, die sei nun wirklich übertrieben.

Genervt reagierte ob der Nachfragen aus Hamburg irgendwann auch der Ministerialbeauftragte: Es sei ihm, schrieb er zurück, "nicht bekannt, dass ich Ihnen Rechenschaft über meine Arbeit ablegen muss".

Neras hält die abwehrende bayerische Art für "sehr typisch" für die ganze Republik, für eine "tief in unserer Gesellschaft verankerte Nichtwahrnehmung der vielfältigen Formen von Alltagsrassismus". Anders als bei den Polizeikalendern, die auf Anordnung von oben abgehängt wurden, endete der einjährige Nord-Süd-Dialog wie die Kurzarbeit des couragierten Schülers Karl Berg: ohne Lösung.