Was tut die Polizei?

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Das Thema Amok ist erst seit dem Jahr 2003 im Einsatz-Leitfaden der Polizei, der Polizeidienstverordnung, explizit geregelt. Seitdem habe sich ein ,,Perspektivwechsel'' vollzogen bei solchen Einsätzen, sagt Landespolizeichef Waldemar Kindler. Wo man früher den Einsatzort umstellt und auf Spezialkräfte gewartet habe, sei mittlerweile "unverzügliches Handeln durch jeden Außendienstbeamten" gefordert, und das werde auch trainiert.

Das "Handlungsunfähigmachen des Täters" habe oberste Priorität, dabei werde auch ein erhöhtes persönliches Risiko eingefordert. "In Ansbach wurde zum ersten Mal in der Praxis umgesetzt, was wir konzipiert haben", lobt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

Im Ernstfall, so sagt Kindler, sei auch die Polizeiführung mittlerweile besser auf Amoksituationen in Schulen eingestellt: In den Einsatzzentralen seien Baupläne der Schulen und Ansprechpartner hinterlegt.

Mehr "vorsorgende Psychologen anstatt nachsorgender Therapeuten" fordert Hermann Benker, der Landesvorsitzende der DPolG. Und er verlangt eine noch stärkere Zusammenarbeit mit den Schulen, schließlich sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder ein Amoklauf ereigne. Derzeit fehle von den Schulen oft das Feedback nach Gesprächen über Sicherheitskonzepte. Technische Hilfsmittel wie Metalldetektoren oder Videoanlagen sieht er kritisch. Wichtiger seien Menschen: "Wo ist der Hausmeister von früher?" Der habe sein Umfeld stets genau im Blick gehabt.

Wie reagiert die Politik?

Innenminister Herrmann wiederholt in Ingolstadt nicht so sehr die alte CSU-Forderung nach dem Verbot von Killerspielen als Lösung gegen zunehmende Gewaltexzesse - da sind die Polizeigewerkschafter überrascht. Er betont stattdessen den Stellenwert der Betreuung der Schüler, insbesondere am Nachmittag. Früher seien die Schüler zur Oma, den Pfadfindern oder in den Fußballverein gegangen.

Heute seien sie oft alleine daheim, kämen in Konsequenz "im wahrsten Wortsinne unerzogen" in die Schule. Um Jugendliche dann vor einem Abdriften zu bewahren, das einzelne letztendlich vielleicht gar in einen Amoklauf treibe, müsse der Staat "einen sinnvollen Nachmittag" garantieren können. Die Regierung sei bei solchen Ganztagsangeboten auf einem guten Weg, sagt Herrmann. Wobei er eingesteht, dass man bislang "merkwürdigerweise" die Grundschulen außer Acht gelassen habe.

Die Folgen für Betroffene?

Verarbeitet hätten viele seiner Kollegen den Amoklauf von Winnenden im März noch nicht, sagt der damals zuständige Einsatzleiter Ralf Michelfelder. Fünf Beamte würden derzeit behandelt. Darunter ein Kriminaltechniker, der ein Klassenzimmer untersuchen musste, in dem ein erschossenes Mädchen lag. Während seiner Arbeit habe das Handy des Mädchens geklingelt. Auf dem Display das Wort: Papa. "Das geht dem Kollegen nicht mehr aus dem Kopf", sagt Michelfelder. Wichtiges Thema für ihn sei deswegen die Suizidprävention.

Und für die Schulen in seinem Bezirk gilt mittlerweile: "Auf die haben wir mittlerweile dasselbe Augenmerk wie auf Banken oder andere hochgefährdete Objekte."

Am Erfurter Gutenberg-Gymnasium haben sie nach den Geschehnissen vor sieben Jahren - ein ehemaliger Schüler erschoss 16 Menschen - befristet einen Psychologen eingestellt, einen Mann, der für die Bundeswehr im Kosovo war. "Der hat ganz gut gepasst", meint Ministerialrat Wilfried Hegen vom Thüringer Schulministerium. Mehr als fünf Millionen Euro habe die Aufarbeitung der Amoktat bislang gekostet, vorbei sei die Arbeit immer noch nicht. Seine Lehre aus dem Amoklauf: Pragmatismus.

Die Schülermitverwaltungen wurden gebeten, mitzuwirken, um ungewöhnliches Verhalten schnell zu melden. Alle Elternsprecher in Thüringen bekommen mittlerweile Notfall-Handys gestellt, damit sie im Ernstfall sofort erreichbar sind.

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(SZ vom 24.9.2009/bica)