Von Heiner Effern

Beim Prozess vor dem Landgericht Traunstein äußerte Richter Karl Niedermeier einen neuen Verdacht: Möglicherweise wurde die Halle ohne eine genehmigte Statik errichtet.

Am linken Arm führt ihn seine Frau, mit dem rechten Arm stützt er sich auf eine Krücke. 25 Jahre lang leitete Helmut J., 87, schwarzer Anzug, weißes Haar, das Stadtbauamt von Bad Reichenhall. Auch während des Baus der Eis- und Schwimmhalle.

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Im Zeugenstuhl weist er jede Mitschuld am Einsturz von sich. Er glaube, dass es eine geprüfte Statik für das Dach der Eishalle gegeben habe. Das Projekt, "eine vorbildliche Konstruktion, sehr modern damals", sei gut gelaufen, sagt er. "Wir haben gesagt: Wir bauen für die Ewigkeit."

Seine Unterschrift unter dem Schlussabnahmeschein des Baus, der sich ausdrücklich auch auf die Standsicherheit der Halle bezieht, sei deshalb "mehr eine Formalität nach Vorarbeit" gewesen. Zweifel, ob auf der städtischen Baustelle alles rechtmäßig ablaufe, seien ihm nie gekommen, beteuert J.: "Ich habe mich auf meine Mitarbeiter verlassen."

Damit reiht sich der frühere Stadtbaurat in die immer größer werdende Gruppe ein, die sich in den 35 Jahren von der Planung bis zum Einsturz der Eislaufhalle offenbar auf andere verlassen hat.

Eislaufhalle möglicherweise ein Schwarzbau?

Am 2. Januar 2006 stürzte das Gebäude nach tagelangen Schneefällen ein. Das Landgericht Traunstein versucht in einem Strafprozess derzeit herauszufinden, wer am Tod von 15 Menschen und den schweren Verletzungen von sechs weiteren Besuchern der Halle schuld war.

Angeklagt sind der Statiker Walter G., 67, der Architekt Rolf R., 63, und der Bauingenieur Rüdiger S., 54, der im Jahr 2003 ein Gutachten über den Zustand der Halle erarbeitet hatte. Das Verfahren gegen Horst P.,71, den damals zuständigen Hochbauamtschef von Bad Reichenhall, wurde aus Gesundheitsgründen verschoben.

Ebenfalls abwesend ist am zweiten Verhandlungstag ein Großteil der Medien. Keine einzige Fernsehkamera ist vor dem Gerichtssaal zu sehen. Nur noch eine Handvoll Fotografen sind gekommen. Dagegen sorgt das Gericht gleich zu Beginn für Aufsehen. In einem sogenannten rechtlichen Hinweis erklärt Richter Karl Niedermeier, dass die Kammer die Eislaufhalle möglicherweise für einen Schwarzbau halte.

Die schriftlich festgelegte Bedingung aus dem Baubescheid, nicht ohne die Vorlage der geprüften Statik mit den Arbeiten zu beginnen, sei missachtet worden. Die Baugenehmigung sei "nicht wirksam". Damit rückt die Verantwortung der Stadt für den Halleneinsturz stärker in den Vordergrund als es von der Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage formuliert worden ist.

"Man baut also drauflos"

Dies ist umso bedeutender, da am zweiten Tag vorwiegend Zeugen geladen sind, die zur Bauzeit der Halle in der Stadtverwaltung beschäftigt waren. Wie der frühere Stadtbaurat sieht sich auch der Leiter der Verwaltungsabteilung im Baureferat nicht in der Verantwortung. Er habe lediglich die Bedingungen für die Baugenehmigung gesammelt und in einem Entwurf zusammengefasst.

Detailwissen fehlt auch einem ehemaligen Angestellten in der Abteilung Bauaufsicht, dessen Chef bereits verstorben ist. Doch eines weiß er noch: Mit dem Bau sei ohne Vorliegen der geprüften Statik für das Eishallendach begonnen worden. Die Teilstatiken für spätere Bauabschnitte seien "im Lauf der Zeit nachgereicht" worden.

"Man baut also drauf los, und irgendwann wird die Statik dann da sein?", hakt Richter Niedermeier nach. Es habe halt immer wieder Änderungen gegeben, das sei während eines Baus durchaus üblich, sagt der Zeuge.

An die Abläufe in ihrer Behörde können sich die Pensionisten noch gut erinnern - allerdings in widersprüchlicher Weise: Die beiden Angestellten bestätigen, dass die Rollen als Bauaufsicht und Bauherr zusammengelegt worden seien. Dem widerspricht indes der damalige Amtschef.

Dass die geprüfte Statik des Eishallendachs bis heute unauffindbar ist, können alle drei nicht verstehen. "Ich kann mich nicht an einen einzigen Fall erinnern, in dem Akten erfolglos gesucht wurden", sagt der ehemalige Bauamtsleiter J. Dass die Unterlagen 1974 und 1976 von seiner Behörde vermisst worden seien, wisse er nicht. "Das höre ich zum ersten Mal. Das ist alles hinter meinem Rücken abgelaufen."

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(SZ vom 05.02.2008)