Prozess gegen Gustl Mollath Ärztin glaubte an psychische Störung - ohne Untersuchung

Gustl Mollath (links) mit seinem Verteidiger Gerhard Strate beim Wiederaufnahmeverfahren.

(Foto: dpa)

Sie hat eine Diagnose gestellt, ohne Gustl Mollath gesehen zu haben: Am vierten Verhandlungstag verteidigt eine Ärztin ihr Vorgehen vor dem Landgericht Regensburg. Ein Freund Mollaths muss seine widersprüchliche Aussage beschwören.

  • Am vierten Tag des Wiederaufnahmeverfahrens gegen Gustl Mollath sagt eine Psychiaterin aus, die vor zehn Jahren eine Stellungnahme abgegeben hat - ohne mit Mollath gesprochen zu haben.
  • Ein ehemaliger Freund des Ehepaares belastet Mollaths Exfrau schwer, er bezichtigt sie eines Komplotts.
  • Dem Staatsanwalt fallen Widersprüche in der Aussage auf - der Zahnarzt wird als erster Zeuge vereidigt.

Ärztin berichtet von Treffen mit Exfrau

Vor dem Landgericht Regensburg verteidigt eine Ärztin am Donnerstag ihre psychiatrische Diagnose, die sie vor mehr als zehn Jahren abgab. Ohne mit Mollath selbst gesprochen zu haben. Die Medizinerin aus dem Bezirkskrankenhaus Erlangen schildert ein Treffen mit der damaligen Ehefrau Mollaths im Jahr 2001 oder 2002. "Beim Kaffee erzählte sie mir, dass sie mit ihrem Ehemann nicht mehr zurechtkomme und eine Wesensveränderung bei ihm wahrgenommen habe", erläuterte die 54-Jährige. Dieses Verhalten habe sie oft bei ihren Patienten in der Klinik erlebt. "Ich hatte den Eindruck, dass eine psychiatrische Störung vorliegen könnte."

Weiter habe die Ehefrau geschildert, dass Gustl Mollath nach einem wirtschaftlichen Misserfolg in einer eigenen Welt lebe und die Zimmer durchgehend abgedunkelt sein mussten, erklärte die Zeugin. Auch von körperlichen Übergriffen habe Petra M. berichtet.

Zeugin verteidigt ihr Vorgehen

Im September 2003 hatte die Ärztin dann nach einer zweiten Konsultation eine ärztliche Stellungnahme über den Zustand des Mannes angefertigt. Darin heißt es, dass bei Mollath "mit großer Wahrscheinlichkeit eine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung vorliegt und eine Fremdgefährdung zu erwarten ist". Die Medizinerin schlägt darin auch eine psychiatrisch nervenärztliche Untersuchung vor. "Frau Mollath wollte dieses Schreiben als Verstärkung für ihre Rechtsanwältin haben."

Später wurde diese Stellungnahme im Strafverfahren gegen Mollath eingebracht und führte zu dessen Zwangsbegutachtung im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Mit Mollath selbst habe sie nicht gesprochen, sagte die Ärztin. Diese Stellungnahme über eine dritte Person sei nur üblich, wenn Gefahr im Verzug sei, betonte sie. "Wenn ich nichts gemacht hätte und sie wäre ums Leben gekommen, wie wäre man dann an mich herangetreten?" Mollaths Anwalt Gerhard Strate beeindruckt dieses Argument nicht. Er hält der Zeugin unter anderem vor, dass sie sich auf die Angaben einer einzigen Person verlassen habe und die Aussagen Petra M.s zudem nicht überprüft worden seien.

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Zuvor hat ein ehemaliger Freund des Ehepaares über ein mutmaßliches Komplott der Exfrau des Angeklagten berichtet. Der Zahnarzt aus dem niedersächsischen Bad Pyrmont schilderte vor Gericht ein Telefonat mit Petra M. Darin habe sie im Mai 2002 gesagt: "Wenn Gustl mich oder meine Bank anzeigt, mache ich ihn fertig. Der ist doch irre. Ich lasse ihn auf seinen Geisteszustand überprüfen. Dann hänge ich ihm etwas an." Von Schlägen ihres Ehemannes, Bissen oder blauen Flecken habe sie nichts berichtet, sagte der 66-jährige Edward B.

Edward B. muss als erster Zeuge einen Eid leisten

Der Zahnarzt hat diese Geschichte schon oft erzählt, in der Presse, im Fernsehen, vor dem Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags. So bohrende und akribische Fragen wie jetzt vor dem Landgericht Regensburg musste er sich aber wohl noch nie gefallen lassen - seiner Aussage kommt in dem Verfahren eine zentrale Bedeutung zu.

Bei der Befragung stieß Staatsanwalt Wolfhard Meindl auf Widersprüche. Er wollte wissen, ob B. seine Aussage auswendig gelernt habe. Also ob er sich tatsächlich den Inhalt des Telefongesprächs gemerkt habe oder nur ein Wortprotokoll wiedergebe. Meindl fielen Unterschiede zu B.s Aussagen bei einer Vernehmung im Januar 2013 auf. Auch Richterin Elke Escher hat Zweifel daran, dass sich der Zeuge über Jahre hinweg alles so detailliert merken konnte. Schließlich kam es zu einer Szene, die sich nur noch selten in Prozessen ereignet: Edward B. wurde als Zeuge vereidigt. Er musste die rechte Hand heben und bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, schwören, dass er "nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen" habe.

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Vor der Vereidigung hat Gustl Mollath versucht, B.s Glaubwürdigkeit zu untermauern. Mollath schätze ihn als guten Freund, dem er sich anvertrauen wollte, doch er habe B. bei seinem Besuch an Christi Himmelfahrt 2004 nicht mit seinen Problemen belasten wollen, heißt es auf der Homepage der Mittelbayerischen Zeitung.

Zeuge wusste von Petra M.s Geldgeschäften

In seiner Aussage hat der Zahnarzt erzählt, dass er erst acht Jahre nach dem Telefonat mit Mollaths Exfrau von der Unterbringung seines ehemaligen Freundes in der Psychiatrie erfahren habe. "Da habe ich den Eindruck gewonnen, in was für eine Hölle er geraten ist." Auf die Frage des Gerichts, wieso er sich damals nicht sofort mit Mollath in Verbindung gesetzt habe, räumt er ein: "Jeder normale Mensch hätte das getan. (...) Ich hätte anrufen müssen. Diesen Vorwurf muss ich mir machen lassen."

Der Zeuge erzählte von seinem ersten Treffen mit dem Ehepaar Mollath 1985 bei einem privaten Autorennen in Italien: "Es herrschte eine große Harmonie zwischen den beiden." Das Ehepaar sei zu den Rennen mit einem kleinen Bus gefahren, der als Wohnmobil und Werkstatt benutzt wurde. Später seien die Mollaths sogar gemeinsam Rennen gefahren.

Der Zahnarzt wusste nach eigenen Angaben auch von der beruflichen Tätigkeit der Ehefrau: "Gustl erzählte mir, dass er mit den Geldgeschäften nicht einverstanden war. Darüber entstand dann eine gewisse Disharmonie."