Ein Kampf ums Überleben: Fast 20.000 Milchbauern zogen vor die Molkereien, um ihrem Ärger über die Milchpreise Luft zu machen.
Die 35 Kühe im Stall von Ludwig Strohmayer geben ungefähr 22.000 Liter Milch im Monat. Für einen jeden bekommt der Bauer aus Prien am Chiemsee 27 Cent - zehn Cent weniger als vor einem Jahr. "Und alles deutet darauf hin, dass die Preise immer tiefer fallen", sagt Strohmayer. Schon jetzt beträgt sein Einkommensverlust 2200 Euro im Monat. "Wenn's so weitergeht, überleben das viele Höfe nicht", sagt der Bauer. "Das kann's aber nicht sein."
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Erneut protestieren die Milchbauern für einen höheren Milchpreis. (© Foto: ddp)
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Deshalb ist Ludwig Strohmayer am Donnerstag nach der Stallarbeit mit 200 anderen Bauern in einem Fackelzug nach Rosenheim gezogen. Vor der Molkerei Danone haben sie für einen Milchpreis demonstriert, der ihnen ein Auskommen erlaubt.
So wie Strohmayer haben am Donnerstagabend überall in Deutschland die Milchbauern protestiert. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), der die Aktionen organisiert hat, spricht von wenigstens 20.000 Teilnehmern, allein in Bayern fanden Kundgebungen vor mehr als 30 Molkereien statt.
Die Milchbauern kochen vor Wut. In diesen Tagen laufen gerade die Preisverhandlungen zwischen Molkereien und Einzelhandel über Trinkmilch. Und obwohl die Milchkrise den Milchbauern allein in Bayern bereits Einkommensverluste in Milliardenhöhe beschert haben dürfte, will der Einzelhandel Insidern zufolge erneut einen Nachlass von wenigstens zwei bis drei Cent je Liter Trinkmilch herausholen. "Wir sehen dem Spiel nicht länger zu, sagt der BDM-Chef und Allgäuer Milchbauer Romuald Schaber. "Der Streit um die Milch wird sich an Härte drastisch verschärfen."
Längst machen wieder Streikparolen die Runde unter den Milchbauern. Und zwar obwohl der Lieferboykott im Sommer 2008 ein Misserfolg war. Denn er brachte den Bauern weder einen Milchpreis, der ihre Kosten deckt, noch den Einstieg in eine Produktionssteuerung, die der permanenten Überproduktion von Milch entgegenwirkt.
Die Ohnmacht und der Frust, die sich darauf unter den Landwirten verbreiteten, schlagen derzeit in neue Kampfbereitschaft um. "Wir lassen uns nicht lautlos kaputtmachen", sagt BDM-Chef Schaber. "Wenn die Politik unsere Forderung nach einer Mengenregulierung nicht akzeptiert, werden wir in einen neuen Streik gezwungen."
An einen Erfolg der bisherigen Lösungsvorschläge, sei es von Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU), sei es von Gerd Sonnleitner, dem Präsidenten des Bayerischen und des Deutschen Bauernverbands, glauben die meisten Milchbauern jedenfalls nicht. Aigner etwa rät den Verbrauchern, einfach mehr Milch zu trinken und überlegt, den Bauern die jährlichen EU-Prämien früher auszubezahlen, damit sie die Krise überbrücken können.
Das alles befürwortet auch Sonnleitner, dazu forderte er Exportsubventionen und andere Maßnahmen zur Marktstützung. Die hat die EU zwar längst gewährt, allein sie sind ohne Wirkung verpufft. So wie alle Appelle an die Verbraucher und den Handel. Und eine vorgezogene Auszahlung der EU-Prämien empfinden viele Bauern als schlechten Witz. Würde sie ihre Finanznot doch allenfalls vorübergehend lindern.
"Die Wurzel des Übels ist schlicht und einfach die ungezügelte Liberalisierung des Milchmarktes", sagt der Chiemgauer Milchbauer Strohmayer. "Wir sind nicht gegen Marktwirtschaft, aber so wie der Finanzmarkt braucht auch der Milchmarkt Grundregeln." Das wollen sie Ministerin Aigner klarmachen, wenn diese Ende April Politiker, Verbände und Milchwirtschaft zu einen runden Tisch über die Milchkrise zusammenruft. Für Ende April haben die Bauern auch die nächste Demonstrationswelle angekündigt - diesmal überall in Europa.
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(SZ vom 18.04.2009)
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