Proteste gegen Bistums-Reform Warum die Augsburger mit ihrem Bischof fremdeln

Tausende Katholiken demonstrieren in Augsburg gegen die geplante Reform des Bistums. Bischof Zdarsa und die schwäbischen Katholiken können scheinbar nicht miteinander. Das liegt auch an dessen ostdeutscher Herkunft.

Von Stefan Mayr und Matthias Drobinski

Es ist, als hätten sie das Buch eigens für diese Zeit geschrieben. Bero und Renate von Fraunberg leben in Seeshaupt am Starnberger See, im östlichen Zipfel des Bistums Augsburg. "Die Kirchen im Dorf" heißt ihr Buch, und es handelt von den Gotteshäusern, die noch mitten im Leben stehen, mit ihren Geschichten, ihrer Kunst, steingewordene Unterbrechungen des Alltags. Als sie die Bilder und Texte zusammentrugen, wussten sie nicht, wie aktuell ihr Werk einmal sein würde, sagt Renate von Fraunberg. Dass sie einmal bedroht sein würden, die Kirchen im Dorf.

Katholiken stehen Transparenten auf dem Domplatz von Augsburg. Im Rahmen einer Kundgebung demonstrieren sie gegen die geplante Pastoralreform des Bistums Augsburg.

(Foto: dpa)

Vor einer Woche haben sich 2500 Katholiken in Augsburg versammelt und gegen die Reformpläne von Bischof Konrad Zdarsa demonstriert - auf Anordnung der Bistumsleitung blieb der Dom gesperrt für sie. Die Demonstranten, kreuzbrave Katholiken, hat das empört: Die Lokalzeitungen zwischen Bodensee, Ammersee und Donau sind voller Leserbriefe, die meisten kritisieren die Verriegelung als neuen Tiefpunkt der Krise, in der das Bistum steckt.

Es geht um mehr als um die Debatte, wie die katholische Kirche sich darauf einstellt, dass es in zwanzig Jahren weniger Gläubige, vor allem weniger Priester geben wird. In ganz Deutschland werden die Gemeindestrukturen nicht so bleiben können, wie sie sind. Die Art und Weise aber, wie diese Reformen geplant und umgesetzt werden und welchen Zorn sie hervorrufen, ist ein weiteres Zeichen für die zunehmende Entfremdung von Kirchenleitung und Gläubigen, von Hirten und Herde.

Die Demo auf dem Domplatz fand just am zweiten Jahrestag des Rücktrittsgesuchs von Zdarsas Vorgänger Walter Mixa statt, der nach einer Prügel- und Lügenaffäre sein Amt abgegeben hatte. Sein Nachfolger wurde durchaus herzlich begrüßt. Die 1,4 Millionen Katholiken im Bistum Augsburg vertrauten dem bescheiden auftretenden Mann, sie hofften, er werde die gespaltene Diözese wieder einen. Inzwischen wünscht sich mancher Leserbrief-Schreiber und Demonstrant Mixa zurück. Ein Augsburger Kirchenfrieden ist nicht in Sicht.

Auslöser der Unruhe ist die "Bistumsreform 2025", mit der Konrad Zdarsa auf den Priestermangel reagieren will. Dabei will der 67-Jährige - verkürzt gesagt - zahlreiche Pfarreien zusammenlegen, die jetzigen Pfarrgemeinderäte durch weniger unabhängige Pastoralräte ersetzen und Wortgottesfeiern von Laien für Laien an Wochenenden verbieten. "Das widerspricht dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils", sagt der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Gottfried Metzger, der mit einem Dutzend weiterer älterer Herrschaften die 120 Kilometer von Wertach im Oberallgäu zur Demonstration nach Augsburg gefahren ist. "Papst Johannes XXIII. wollte damals die Fenster der Kirche öffnen", heißt es in einem Leserbrief, "und Bischof Zdarsa verriegelt 50 Jahre später die Türen. Was für ein Symbol!"

Viele Gläubige werfen dem Bischof vor, seine Reform über alle Köpfe hinweg angeordnet zu haben. Auch das höchste Laiengremium des Bistums, der Diözesanrat geht auf Distanz zu Zdarsa. Der Vorsitzende Helmut Mangold schreibt von "Rückmeldungen sowohl von Gläubigen als auch von leitenden Priestern", die sich Sorgen machten "um die Glaubensweitergabe in ihren Pfarrgemeinden" und "großen Schaden für die Pfarrseelsorge befürchten". Hinter vorgehaltener Hand werden die Diözesanräte noch deutlicher. Ratlos berichten sie von Kommunikationsproblemen mit dem Bischof: "Er gibt Antworten, die keine Antworten sind", sagt ein Ratsmitglied, "man findet keine gemeinsame sprachliche Ebene." Der Bischof denke zwar, er habe alle Fragen beantwortet, "aber die Gläubigen verstehen ihn nicht".

Eine zusätzliche Kluft zwischen Hirte und Herde entsteht durch die Herkunft des Bischofs: Zdarsa wuchs in der DDR auf und war zuletzt Bischof in Görlitz. Er kam von der kleinsten Diözese Deutschlands mit 30 000 Katholiken in die zweitgrößte Bayerns, geprägt vom bedrängten Minderheitskatholizismus der DDR in ein Gebiet, wo die Kirche zum gesellschaftlichen Leben gehört wie Feuerwehr und Sportverein. Die Repräsentanten dieses Mehrheitskatholizismus sind selbstbewusst und sehr sensibel, wenn einer sie bevormunden will. Sie wollen, dass ihre Kirche im Dorf bleibt, dass sie nicht ins nächste oder übernächste zum Sonntagsgottesdienst fahren müssen.

Zdarsas Reform ignoriert das aber. Verkürzt gesagt: Dem Bischof geht die Eucharistie, den Leuten in Schwaben der heimische Kirchturm über alles. Zdarsa hat die Wortgottesfeiern von Laien für Laien verboten, die einen Sonntagsgottesdienst auch dort möglich machten, wo kein Priester war. Warum können nicht die Gläubigen mal zehn, 15 Kilometer zum Gottesdienst fahren, wie in Görlitz auch? Die Leute fahren doch auch zum Baumarkt in die nächste Stadt, lautete sein Argument.

Die Kirche ist aber kein Baumarkt, sagen sie in Schwaben. Sie bedeutet Nähe, Heimat, Identifikation. Die Kirche im Dorf steht quer zu einer Welt, in der die Menschen auf dem Land in die nächste Stadt zum Arbeiten und zum Einkaufen ins Outlet-Center fahren müssen. Die Kirche im Dorf ist auch Protest gegen die Verödung des Landes: Gott ist bei den Menschen, Kultur gibt es auch hier. Das macht den Protest so zornig: Die Gläubigen spüren, was verloren zu gehen droht.

Viele haben Briefe an den Bischof geschrieben und keine oder nur nichtssagende Antworten erhalten. Bereits im März protestierten Tausende Katholiken, indem sie ihre Dorfkirche umarmten. Das Bistum reagierte mit einer 24-seitigen Farbbroschüre, in der Zdarsa seine Pläne begründete. Darin bot er einen "vernünftigen und respektvollen Dialog" an. Aufgebrachte Kirchenmitglieder legten ihm am Samstag die Broschüre bündelweise vor sein Wohnhaus - mit einem Brief: "Hochglanz, PR-Aufmachung und inszenierte Bilder sind nichts anderes als verkaufsstrategische Mittel. Den Dialog fördern sie nicht!"