Bayerns Fachärzte suchen ihr Heil bei der CSU - und Gesundheitsminister Markus Söder verspricht den Medizinern den Marsch auf Berlin.
Es gibt Momente, in denen muss Markus Söder einfach das Gefühl haben, über einen wirklich guten Draht nach ganz oben zu verfügen. Eben noch hat der Wind dicke Schneeflocken über den Münchner Marienplatz gepeitscht. Jetzt, als er ans Podium tritt, begleitet von Pfiffen und vereinzeltem Applaus, erstrahlt Söder in goldenem Sonnenschein, angekündigt als einer, der sich "vom Saulus zum Paulus gewandelt" habe.
Gesundheitsminister und Ärztefreund: Markus Söder. (© Foto: dpa)
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Der ihn so ankündigt, weiß, warum er zu so viel Pathos greift. Wolf Neher ist Facharzt, vor allem aber ist er Facharzt-Funktionär und Mitorganisator des zweiten bayernweiten Protesttages gegen die neuen Honorare, die die Ärzte als existenzbedrohend empfinden.
"Die CSU braucht uns - und wir brauchen die CSU", sagt Neher. Söder habe in den letzten Wochen bewiesen, dass er auf der richtigen Seite stehe. "Nicht Worte, Taten!", schreit einer, der nicht so ganz überzeugt ist, dass Söder und die CSU auch nach der Wahl im Herbst noch die Interessen der Ärzte durchboxen wollen. Redner Neher dagegen kündigt Söder an wie den Heiland: "Er soll sich in unsere Reihen einscharen und mit uns gegen Berlin marschieren." Am Ende wird Neher dem Minister gar die Ehrenmitgliedschaft im Facharztverband antragen.
Für Söder wird sein Auftritt zu einer rhetorischen Trainingseinheit. Und das geht so: Stichwort sagen ("Ulla Schmidt" funktioniert genauso gut wie "Lauterbach"), die Reform als "stümperhaft" bezeichnen und dann noch eine kleine Laufeinheit zwischen sozialistisch-planwirtschaftlichem Dämon und Kapitalismuskritik an den Gesundheits-konzernen.
Erst als es um die Kassenärztliche Vereinigung geht, ist er ein bisschen verunsichert. Lobt vorsichtig die bayerische KV als die beste Deutschlands, schaut in die Gesichter und sagt dann, im Gesicht ein Fragezeichen: "Oh, der Applaus war jetzt nicht so groß." Am Ende wird Söder gesagt haben, dass er jeglichen Zentralismus ablehnt, dass kein Arzt weniger verdienen darf als vor der Reform und dass die ostdeutschen Ärzte nicht auf Kosten der bayerischen mehr verdienen dürfen. Und dass es ihm um die Sache, nicht aber um Wählerstimmen geht. Hier entsteht eine neue Allianz, die den Marsch auf Berlin probt.
Dass Bayerns Ärzte ihre Praxen geschlossen hatten, war nicht nur auf dem Münchner Marienplatz sichtbar. "Wir sind dann mal weg!", konnten die Patienten des Ingolstädter Praxisnetzes Go In am Dienstag lesen. Sie standen wie viele andere Patienten in Freistaat vor verschlossenen Türen. Ärgerlich für all jene, die von der aktuellen Protestaktion der Fachärzte gegen die Honorarreform nichts mitbekommen hatten: "Bereits vergebene Termine für diese Woche entfallen! Vereinbaren Sie diese bitte neu!", ließen die Go-In-Fachärzte ihre Patienten wissen.
Wer seinen Arzt sehen wolle, der solle in die Fußgängerzone von Ingolstadt kommen. Vor dem Modehaus Xaver Mayr werde über die Einschnitte im Gesundheitswesen informiert. Die Passanten hätten überwiegend Verständnis, sagt Hautarzt Markus Stockmeier, der am Infostand der Kälte trotzte: "Es gibt nur wenige, die mürrisch sind."
Am Montag bereits hatten Stockmeier und seine Mitstreiter gut 500 Unterschriften gesammelt. Letztlich, so erklärt Stockmeier den Passanten, stehe und falle mit der Höhe der Arzthonorare die wohnortnahe Versorgung der Patienten. Tausendfach argumentierten so Fachärzte in München, Regensburg, Rosenheim und Memmingen. "Die Fachärzte ziehen an einem Strang", sagt Thomas Scharmann, der Vorsitzende der Gemeinschaft fachärztlicher Berufsverbände in Bayern. Der landesweite Protesttag werde nicht die letzte Aktion sein. Jeden Monat wollen die Fachärzte nun bis zur Bundestagswahl im Herbst zumindest an einem Tag ihre Praxen schließen. Die Ärzte sollten ihre "Wartezimmer als Wahlkampfzentralen"nutzen.
Privatpatient in der Pampa
Doch mit der Einigkeit der Fachärzte ist es nicht weit her: Der neugegründete bayerische Facharztverband will am heutigen Mittwoch in Bad Gögging "die Fortführung des Erlanger Eskalationsmodells" propagieren, welches darauf zielt, dass die Fachärzte in ganz Bayern kollektiv ihre Kassenzulassung zurückgeben. Die bisherigen Facharzt-Funktionäre halten davon nichts: Sprecher Joachim Stier erklärte, schon vergangenes Jahr seien die Hausärzte mit diesem Modell gescheitert. Dabei sei der Hausärzte-Verband viel homogener.
Die Rückgabe der Kassenzulassung sei insbesondere für die Fachärzte auf dem Land riskant: "Wer das Kassensystem verlässt, ist automatisch Privatarzt, und finden Sie mal in der Pampa Privatpatienten", warnte Stier. Mit der von den kämpferischen Ärzten angedrohten kollektiven Rückgabe der Kassenzulassung lasse sich auch kein Politiker beeindrucken.
(SZ vom 25.03.2009/woja)
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Zu dieser Sozialneiddebatte ein paar Fakten. Die aktuell für Kassenpatienten gültigen Quartalspauschalen inklusive der durchschnittlichen Patientenzahlen (bei deren Überschreiten abgestaffelt wird) ist öffentlich nachzulesen, z.B. auf der Seite kvno.de für Nordrhein. Die Quartalspauschale wurde vom 1. auf das 2. Quartal um ca. 15% gemindert. Insgesamt hat zum Beispiel der Wert einer Kernspintomographie seit 2004 von 290 EUR auf max. 80 EUR UMSATZ! abgenommen. Alle Statistiken über Arzteinkommen (10.000 EUR im Monat etc.) basieren auf Zahlen von 2003, also VOR dieser massiven planwirtschaftlich diktierten Abwertung.
Jedem klar denkenden Menschen wird sofort offensichtlich, daß eine technisch hochstehende Medizin auf dieser Basis nicht mehr möglich ist. Der Weg in die DDR-Pliklinik ist politisch gewünscht und vorgezeichnet. Ob der Service dadurch besser wird?
Obwohl 96% aller Arztkontakte im ambulanten Bereich stattfinden, gehen nur 15% der Gelder dahin (vor 10 Jahren waren es noch 20%, daran ändern auch die sogenannten 3 Mrd nichts, von denen mindestens eine Hälfte an anderer Stelle wieder eingespart wurde).
Vereinbaren Sie mit Ihrer Kasse Direktabrechnung - dann herrscht Transparenz was eine medizinische Leistung kostet und was die Kasse nun wirklich zahlt. Und eine gute Kasse ist dann die die Ihre Rechnung schnell und pünktlich begleicht - und nicht die die Wellnessfirlefanz und Hotelzuschüsse bezahlt.
Lassen Sie sich doch mal eine Bilanz einer Kasse zeigen!
Z.B. wollte ein Arzt für einen simplen Check-Up drei Termine vereinbaren. Die Praxis war rappelvoll und kein Sitzplatz mehr. Wartezeit ca. 1 Stunde. Am ersten Termin, weil ich nach einem Umzug neu bei ihm in der Gemeinschaftspraxis war.
1) Arzthelferin: alte Brille die Werte ermitteln, 2) Arzthelferin: das automatische Gerät mit der sternförmigen Ding in der Mitte 3) beim Arzt: Zahlen vorlesen an der Tafel 4) beim Arzt: neue Terminvorschläge: Tropfen zum Pupillen erweitern und Durchmessen, im Weiteren Termin dann die Behandlung. Am Ende dieser Horrorvorstelltung noch die Vermutung ich würde mit unter 40 Jahren schon an Altersweitsichtigkeit leiden.
Übrigens, die beiden Arzthelferinnen sind die ganze Zeit gerannt! So was habe ich noch nicht gesehen. Unglaublich.
Ich hatte nur noch ein mitleidigen Kommentar über die perfekte und straffe Zeitorganisation für ihn übrig und bin dann wieder gegangen. Der gute Mann pfuscht mir nicht an meinen Augen herum.
Bei einem zweiten Augenarzt drei Wochen später, ging alles sehr entspannt zu. Nur zwei Leute vor mir. Nicht eine der drei Arzthelferinnen ist gerannt. An einem Termin war alles erledigt. Altersweitsichtigkeit keine Spur, sondern einfach auf einem Auge haben sich die Werte verbessert auf dem anderen verschlechtert. Das wars und jetzt sehe ich wieder ordentlich.
Wie können die ominösen "Investoren" Ärzte bezahlen und eine Rendite erzielen, wenn die Ärzte ohne Investoren nicht in der Lage sind, ein Auskommen zu erwirtschaften. Wahrscheinlich kaufen die Investoren keine zu großen Telefonanlagen...!
Wäre auch überraschend gewesen, wenn die Menschen dieses Landes einen Blick über ihren Tellerrand werfen würden. Werte Leser: Keiner zwingt sie zu arbeiten. Warum gehen sie nicht zum BRK oder zu einer sonstigen gemeinnützigen NGO? Stattdessen laufen sie jeden Tag in die Firma um für das Brot, das ihre Kinder essen, zu ackern. Wenn es so ehrenhaft ist, für die Gesundheit anderer auch noch zu zahlen, warum verzichten sie dann nicht auf ihren Job, verschenken ihr Geld an Kranke und widmen 60 Stunden die Woche gemeinnützigen Aufgaben? Aber von Ärzten erwarten sie das, ja?
Na, macht nichts. Es wird ihr Problem sein, nicht meines. Viele Arztpraxen werden die nächsten Jahre schließen. Die Investoren, die hinter Krankenhäusern, Pharmakonzernen und Krankenkassen stehen, und zukünftig auch hinter Ärztehäusern, freuen sich schon auf ihre Rendite. Wenn sie wüßten, was da in der freien Wirtschaft so alles vorbereitet wird, würden sie sich ihr Ärztebashing noch mal überlegen. Aber wie heißt es doch so schön: Jedes Volk wählt sich seine Politiker selbst.
Bei allem Respekt: Ein Arzt ist erst mal eines, nämlich Unternehmer. So wie der Schuster nebendan, der Friseur gegenüber oder der Masseur am Ende der Straße. Wie jeder andere auch. Ein Arzt hat erhebliche Investitionskosten: Den Aufbau seiner Arztpraxis. Er hat Personalkosten: Seine Arzthelferinnen. Er benötigt Kunden: Patienten. Er muß seine Bücher führen wie jeder andere Unternehmer auch. Soweit so gut.
Nun spaziert ein Kassenpatient in seine Praxis. Von Gesetzeswegen ist unser Unternehmer Arzt verpflichtet, ihn zu behandeln. Nein, er kann den Kunden, seinen Patienten, nicht abweisen. Das wäre unterlassene Hilfeleistung. Nun behandelt er ihn also. Wenn unser Arzt Glück hat, dann ist sein Kontingent an Behandlungen für Kassenpatienten noch nicht ausgeschöpft. Wenn er sich beeilt und sich nicht zu viel Zeit nimmt, also nicht qualitativ hochwertig arbeitet, dann kann er am Ende bei der Kasse genug geltendend machen, um mit der erbrachten Leistung wenigstens die umzulegenden laufenden Kosten für die Behandlung zu decken. Wenn er Pech hat - und das ist nicht selten der Fall - ist sein Kontingent ausgeschöpft. Dies bedeutet, er ist von Gesetzeswegen verpflichtet, den Patienten/Kunden zu behandeln - muß aber für sämtliche Kosten dieser Behandlung aufkommen. Überstellt er ihn zum Röntgen - weil erforderlich - oder muß ihn an einen Facharzt überweisen, so trägt er die Kosten für die weitere Behandlung. Da sind recht schnell mehrere hunderte von Euro beisammen. Kosten, auf denen er sitzen bleibt. Kosten, die er tragen muß für eine Dienstleistung, die er oder sein Kollege für den Kunden/Patienten erbringt. Er erhält also nicht etwa Geld für eine Leistung, sondern zahlt diese auch noch. Und darf sich von Gesetzeswegen noch nicht mal dagegen wehren!
Also ich persönlich halte Ärzte für Dummköpfe. Die Elite unseres Landes (1.0er-Abitur) absolviert eines der ausbeuterischsten, härtesten und längsten Studiengänge, die es gibt, um am Ende von jedem Facharbeiter ausgelacht zu werden. Bis auf wenige Ausnahmen rackern sich Ärzte ab wie blöd, leiden unter einer Arbeitsbelastung, die kein Facharbeiter in der Wirtschaft je dulden würde um am Ende kaum Geld, kaum Freizeit zu haben - und das bei verdammt hoher Verantwortung. Also ehrlich: Ich bin froh, daß ich Facharbeiter, aber kein Arzt geworden bin!
Provokant? Ja. Die Wahrheit erfreut eben selten. Täglich bekomme ich es mit: Ich habe seit fast 10 Jahren jede Menge mit Medizinern und angehenden Medizinern zu tun.
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