Raumnot und Lehrermangel: In Ballungsräumen wie Regensburg müssen Kinder abgewiesen werden.
Die Gymnasien platzen jetzt schon aus allen Nähten. Mammutschulen mit 1700 Schülern, große Klassen und Lehrermangel sind Alltag in den Ballungsräumen. Im neuen Schuljahr wird sich die Lage zuspitzen.
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Der Zustrom aufs Gymnasium fällt in diesem Jahr offenbar so stark aus wie nie zuvor: Die Schulen rechnen vor allem in großen Städten mit einer neuen Rekordübertrittsquote.
"Die ganze Bildungslandschaft ist in eine Richtung verschoben", stöhnt Richard Sparrer, Direktor am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Regensburg. Die Richtung weist weg von der Hauptschule hin zum Gymnasium. Acht Gymnasien gibt es in Regensburg. Noch 2002 lag dort die Übertrittsquote laut Bildungsbericht der Staatsregierung bei 39,9 Prozent. Vergangenes Jahr erreichte sie die 50 Prozent.
Im Herbst rechnet Sparrer mit einer satten "50 plus", obgleich er Fahrschüler aus dem Landkreis schon gar nicht mehr aufgenommen hat. Dennoch sind es auch diesmal wieder 120 Schüler, für die es an seiner Schule keinen Platz gibt. Sie müssen auf andere Schulen verteilt werden. Sparrer sieht sich nicht in der Lage, im Herbst mehr als sechs Eingangsklassen zu bilden. Genauso geht es weiteren fünf Gymnasien in der Stadt. "Der Bedarf für eine neue fünfzügige Schule wäre da."
"Der Trend nach oben wird anhalten"
Raumnot melden auch andere Städte wie München an. Dort hat die Übertrittsquote längst die 50 Prozent erreicht. Allein dieses Jahr steigt sie um drei Prozentpunkte erneut an. Dabei fehlen jetzt schon drei Gymnasien in der Landeshauptstadt. In Boomregionen wie Freising sollen Schulleiter ihre Einrichtung bei interessierten Eltern bewusst schlechtreden, um Bewerberquoten gering zu halten. Doch das hilft nichts.
"Der Trend nach oben wird anhalten", sagt der Deggendorfer Schulleiter und Vorsitzende des deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Entspannung sieht er erst wieder von 2011 an, wenn der neunjährige Schulzug ausläuft und endgültig auf das achtstufige Gymnasium (G8)umgestellt ist. "Dann verlieren wir auf einen Schlag zehn Prozent Schüler, doch bis dahin bleibt es eng."
Sein Kollege Scharrer wagt eine andere Prognose: "Das bleibt auch nach 2011 noch so." Regensburg sei ein großer Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort. "Selbst Eltern aus bildungsferneren Schichten schicken ihre Kinder aufs Gymnasium, weil die Wirtschaft Leute mit bestmöglicher Ausbildung braucht."
Bayernweit stagnierte jahrelang die Übertrittsquote aufs Gymnasium, seit 2002 stieg sie plötzlich um fünf auf 37 Prozent an. 38 bis 39 könnte sie im Herbst erreichen. Noch sind es nur Schätzungen, die das Kultusministerium nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen will. "Man muss das regional sehr differenziert sehen, aber an Standorten wie München und Regensburg brauchen wir auf Dauer sicherlich neue Gymnasien", sagt Kultusstaatssekretär Bernd Sibler.
Das gilt ebenso für Roth, Buchloe, Augsburg, Landshut und Ingolstadt. Neue Gymnasien sind dort in Planung oder werden schon gebaut. "Jedes Kind, das geeignet ist, soll auf das Gymnasium gehen", sagt Kultusminister Siegfried Schneider. Er werde alles tun, dass Anträge der Kommunen schnell genehmigt werden. Für ihn ist die Nachfrage ein Beweis für die Akzeptanz des G8.
Zu wenige Lehrer
In München werden die neuen Gymnasien jedoch zu spät kommen. Das, sagt Schneider, sei ein ziemlich hausgemachtes Problem, da dort Neubauten nicht rechtzeitig beantragt, zugleich jedoch die Klassenhöchststärke an den kommunalen Einrichtungen auf 30 Schüler gedeckelt worden sei. Genau dieses Ziel hat sich jedoch Schneider inzwischen selbst für die nächste Legislaturperiode gesetzt.
Bereits in diesem Herbst soll keine Klasse mehr als 33 Schüler zählen. Dafür erhalten die 300 staatlichen Gymnasien Geld für weitere 800 Lehrerstellen. Doch die Direktoren haben Zweifel geäußert, sie alle besetzen zu können. So sagt auch der Regensburger Schulleiter Scharrer: "Ich bin froh, wenn ich die 33 schaffe."
Ursache ist der Lehrermangel. In Latein, Chemie, Französisch und Englisch gibt es keine Bewerber auf dem Arbeitsmarkt. Zwar ist Sibler optimistisch, dass die Referendarzahlen schon im nächsten Jahr wieder steigen. "Chemie und Biologie ist dann kein Problem mehr." Doch in Mathematik oder Physik lässt sich der Mangel an Lehrkräften kaum beheben, weil Mathematiker und Physiker in der Wirtschaft besser verdienen.
(SZ vom 5.6.2008)
Die neueste Antwort
Dass an der Lehrerausbildung vieles krankt, ist korrekt. Es gibt Examenskandidaten, die in der Fachdidaktik-Prüfung eingestehen, kein Schulbuch des Faches zu kennen, das sie unterrichten wollen. Andere verwechseln wesentliche Fakten aus der deutschen Geschichte. (alles selber erlebt)
Ich möchte keinen Lateinlehrer haben, der nicht wenigstens rudimentär das Griechische beherrscht. Genauso wie ein Physiklehrer auch Mathematik beherrschen muss. Die Realität ist längst eine andere: an bayerischen Shculen erteilen Studenten Mathematik, Klavierlehrer sind Musiklehrer und Latein darf mittlerweile jeder unterrichten, der ein Latinum hat. (kein Witz) Vom Stundenausfall rede ich gar nicht, oft wird das Fach aus Lehrermangel gleich am Jahresbeginn von vier auf drei WS gekürzt, dann fällt statistisch nichts aus.
Die Schmalspurakademiker, die Sie fordern, werden vom ersten Schüler, der ein bisschen was drauf hat, fachlich in der Luft zerrissen. So ein Lehrer hat keine Chance vor der Klasse.
Natürlich brauchen wir auch Lingusitik und Mediävistik in der Deutschlehrerausbildung. Oder soll das Gymnasium zur Fortsetzung der Grundschule verkommen???
Es ist mir nicht verständlich, wieso sich der alte Mythos immer noch hält, dass Menschen, deren kognitive Leistungen unterdurchschnittlich sind, wie z.B. die der Hauptschüler deshalb praktisch begabt wären und sie deshalb einfach einen Handwerksberuf erlernen sollen. Und in den Gymnasien sitzen auch nicht nur die Hochbegabten, wie sie es nennen, sondern zu einem großen Teil die Kinder deren Eltern das nötige Kleingeld für Nachhilfe in der Tasche haben und die entsprechende Eloquenz besitzen, um in der 4. Klasse entsprechende Übertrittszeugnisse bei den Lehrern durchzusetzen.
Sicher können wir uns freuen, dass Deutschland zu den"reichsten und produktivsten Ländern" zählt, aber man sollte sich auch fragen, wieso in kaum einem Land der Welt Kinder soviel Angst vor der Schule haben, die Diagnose der Schulangst auch woanders gar nicht existiert. Wenn das der Preis für diese Errungenschaft sein sollte, kann ich auch darauf verzichten.
... ich verstehe die Leute nicht die ihre Kinder richtiggehend auf eine Schule zwingen bei der sie nur als Verlierer dastehen können. Ich würde meine Kinder lieber erst mal einen hervorragenden Hauptschulabschluss machen lasse, sie danach die mittlere Reife nachmachen lassen und wenn sich herausstellt kann danach sogar noch das Abi gemacht werden anstatt eines misserablen Realschulabschlusses.
Soso, auf einmal haben wir also akuten Lehrermangel in Bayern. Schon seltsam, woran könnte das nur liegen...?
Vielleicht an der Tatsache, dass jemand der 5-6 Jahre Studium hinter sich hat, als angehender Lehrer auch noch einmal 2 Jahre Referendariat ableisten muss?
Dass er dann als Referendar nicht nur mieserabel bezahlt, sondern vor Ort an der Schule oft auch mieserabel - nämlich als eine Art Hilfsarbeiter - behandelt wird?
Oder vielleicht auch daran, dass es bürokratische und völlig veraltete Hürden gibt, die das Anwerben neuer Lehrkräfte unnötig erschweren?
Beispiel Latein:
Wie eben zu lesen, werden hier in Bayern dringend Lateinlehrer gebraucht. Gleichzeitig hält man an alten Bestimmungen fest, die jedem Interessierten unnötig Steine in den Weg legen. Als Lateinlehrer muss man - in Bayern - das Graecum besitzen. Nun haben aber nicht allzu viele in ihrer Schulzeit Griechisch gelernt. Das muss dann im Rahmen des Studiums möglichst schnell nachgeholt werden. Sehr sinnvoll....
Beispiel Deutsch:
Ein angehender Deutschlehrer am Gymnasium muss nicht nur Rechtschreibung beherrschen und sich in der Deutschen Literatur auskennen. Vielmehr werden von ihm Prüfungen in Linguistik (Sprachwissenschaft) und Mediavistik (mittelalterliches Deutsch) verlangt. Dumm nur, dass beide Bereiche im Schulalltag praktisch so gut wie nie benötigt werden. Auf diese Weise wird aber das Studium ganz unnötig erschwert und in die Länge gezogen.
Lieber Herr Schneider, wenn Sie WIRKLICH so dringend neue Lehrer in Bayern brauchen, sollten Sie vielleicht mal gewisse alte Zöpfe abschneiden und über eine Reformierung der Lehrerausbildung nachdenken!
Es könnte so einfach sein:
Ein sinnvoller Schuleingangstest durchgeführt durch die weiterführenden Schulen. Wer auf das Gymnasium will, sollte eine Mischung aus Fleis, Intelligenz und Belastbarkeit beweisen können. Die Mischung sollte für die Realschule anders aussehen und auf die Hauptschule gehen diejenigen, die den Test entweder nicht gemacht oder nicht bestanden haben - ja, letzteres tut weh, vermittelt den Kindern aber, was es bedeutet, wenn die Leistung nicht erbracht wird. Im Zusammenspiel mit einer guten praktischen Ausbildung auf der Hauptschule, und Betreuung und Förderung durch Schulpsychologen sollten auch Hauptschüler dann ihren Platz im Leben finden können - nicht als potentielle Hartz IV - Empfänger sondern als Praktiker, die früh gelernt haben, dass sie sich mit Ordnung, Fleiß und praktischem Talent als Handwerksmeister das verdienen können, was andere im Büro schaffen. Die Realschule sollte wieder die zukünftigen Bankangestellten ausbilden und das Gymnasium auf die akademische Karriere hinzielen.
Es war ein gutes System. Deutschland ist mit Kindern, die dieses System durchlaufen haben, einer der reichsten und produktivsten Staaten der Welt geworden. Warum nur wollen wir es unbedingt ändern anstatt es wieder mit Augenmaß und kleinen Modernisierungen konsequent durchzusetzen?
Im Glauben an das Egalitätsprinzip der 68'er wollten wir Bildung für alle aber leider nur mit der Gießkanne. Im Ergebnis haben wir jetzt Schulen, die nur die kleine Gruppe in der Mitte richtig versorgen aber die hochbegabten Gymnasiasten ebenso im Regen stehen lassen wie den praktisch begabten Hauptschüler. Wann begreift es die Kultusbürokratie endlich, dass zwar alle gleichviel wert als Mensch sein müssen, aber nicht gleich begabt. Anstatt, dass für jeden Schüler gleichviel Geld ausgegeben wird, stopfen wir mehr in den Gymnasiasten und wundern uns, dass keiner sein Kind auf die Hauptschule geben will, in der es auch aus finanzieller Not drunter und drüber geht. Würde man die Kultusbürokratie wie ein Unternehmen führen, mit dem Produktionsziel der jeweils besten Bildung für den einzelnen Schüler, hätten wir das Problem schon längst nicht mehr.
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