Porträts einer Stadt Augsburgs verborgene Geschichten

Die rote Brecht-Figur markiert das Geburtshaus des in Augsburg geborenen Dichters, gelegen im von Kanälen durchzogenen Lechviertel.

(Foto: Wißner-Verlag)

Wegen ihrer vielen Bäche und Kanäle trägt die Stadt den Beinamen "Klein Venedig". Bald könnte sie sogar auf der Unesco-Welterbeliste stehen.

Von Stefan Mayr, Augsburg

Der Schutzpatron des Augsburger Gaswerks lässt sich stets nur ein paar Tage im Jahr blicken. "Immer im Mai, Juni, morgens um halb zehne rum", sagt Oliver Frühschütz vom Verein "Freunde des Gaswerks". Sankt Gasius haben die Mitarbeiter ihren Heiligen genannt, der Frühling für Frühling auf der Außenhaut des kleinen Gaskessels erscheint.

Nach einer Stunde ist er dann wieder weg. Und nur die Sonne weiß, ob er am nächsten Tag noch einmal kommt oder erst wieder im kommenden Jahr. Dem neuen Bildband "Augsburg - neue Bilder einer Stadt" ist es zu verdanken, dass Sankt Gasius jetzt ganzjährig bestaunt werden kann.

Das Venedig Bayerns

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Das 140-seitige Buch aus dem Wißner-Verlag bietet ungewöhnliche Ansichten aus der schwäbischen Bezirkshauptstadt. Es bietet auch gebürtigen Augsburgern, die ihre Stadt in- und auswendig zu kennen glauben, neue Einblicke und Einsichten. Wie den flüchtigen Sankt Gasius eben. Eine filigrane Gestalt, mit kantigem Kopf und zwei wohlgeformten, halbtransparenten Flügeln.

Halb Freiheitsstatue, halb Friedensengel. Seine Schatten-Silhouette formen eine stählerne Wendeltreppe und ein bauchiger Gaskessel aus dem Hause MAN. "Sankt Gasius gibt es nur einmal auf der Welt", betont Oliver Frühschütz, "und er ist der wichtigste und billigste und zuverlässigste Mitarbeiter, der noch nie krank war."

Er habe das Gaswerk im zweiten Weltkrieg beschützt, es wurde von den Bombenangriffen verschont. Und er habe das Gelände auch nach dessen Stilllegung vor der Abrissbirne bewahrt - ihm sei es zu verdanken, dass das einzigartige Industrie-Ensemble bis heute erhalten geblieben ist.

Augsburgs historische Wasserwirtschaft

"Neue Bilder einer Stadt" können sowohl alteingesessene als auch zugezogene Bürger der Stadt mit Gewinn lesen. Oder auch Besucher, die gerne ausgetrampelte Touristenpfade verlassen und auf der Suche nach neuen Ansichten sind. Die kurzen Beitexte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern werfen lediglich Schlaglichter auf die jeweiligen Szenerien.

Ganz anders kommt das neue Augsburg-Buch aus dem Context-Verlag daher. 432 Seiten dick, großes Format und sehr wohl mit dem Ehrgeiz verfasst, einen speziellen Aspekt der Stadtgeschichte tiefschürfend und allumfassend zu dokumentieren: "Augsburgs historische Wasserwirtschaft - der Weg zum Unesco-Welterbe" ist eine grandiose Fleißarbeit des Augsburger Autors und Verlagschefs Martin Kluger.

Er ist quasi der Vater der Bewerbung der schwäbischen Bezirkshauptstadt für einen Eintrag in die Unesco-Welterbeliste mit dem Thema "Augsburgs historische Wasserwirtschaft". Das Verfahren läuft und die Chancen stehen gar nicht schlecht.

Die Kanäle geben der Altstadt den Kosenamen "Klein Venedig"

Das Buch erzählt all die offen liegenden und vor allem auch verborgenen Geschichten des Augsburger Wassers, ohne das die Stadt nie das geworden wäre, was sie einst war und heute ist. Dass dort einst das Herz der deutschen Textilindustrie pochte, lag an den unzähligen Bächen und Kanälen, die durch ihr starkes Gefälle enorme Wasserkraft in die Stadt trugen. Heute ist die Textilindustrie tot, aber die Kanäle leben noch: Sie geben der Altstadt ihren Flair und den Kosenamen "Klein Venedig".

Die drei Prachtbrunnen zwischen Rathaus und St. Ulrich sind ebenfalls wichtiger Bestandteil der Unesco-Bewerbung: Sie wurden im 16. Jahrhundert von den niederländischen Bildhauern Adriaen de Vries und Hubert Gerhard gestaltet.

Sie symbolisierten den Reichtum der Stadt sowie deren enge Verbindung zum Wasser. Während die Brunnen nicht zu übersehen sind, werden die einstmals höchst innovativen und weltberühmten Anlagen zur Trinkwasser- und Energie-Versorgung kaum wahrgenommen. Dieses Buch entreißt sie ihrem Schattendasein.

Bernd Wißner: Augsburg. Neue Bilder einer Stadt. Wißner-Verlag, Augsburg, 24,80 Euro. Martin Kluger: Augsburgs historische Wasserwirtschaft - der Weg zum Unesco-Welterbe. Context-Verlag, Augsburg, 39,90 Euro.

Ein schönes Erbe, oder?

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