Polizei sucht den Waldmenschen Niemand hat ihn je gesehen

Nur seine Spuren weisen darauf hin, dass er da ist. Seit Jahren streift ein 61-Jähriger durch die Wälder rund um den Kornberg im Fichtelgebirge. Er lebt von Einbrüchen in Jagd- und Fischerhütten. Die Polizei kann ihn nicht fassen - obwohl sie sogar seinen Namen kennt.

Von Katja Auer, Wunsiedel

Die Polizisten aus Wunsiedel, Selb und Marktredwitz waren in letzter Zeit öfter mal Pilze sammeln. Oder mit den Mountainbikes im Wald unterwegs. Oder mit Walking-Stöcken. Möglichst unauffällig eben. Denn sie suchen einen Mann, der "scheu ist wie ein Reh", wie es Polizeihauptkommissar Robert Roth aus Wunsiedel formuliert. Sie nennen ihn den Waldläufer, weil er in den Wäldern rund um den Kornberg im Fichtelgebirge haust. Unentdeckt.

Nur seine Spuren weisen darauf hin, dass er da ist. Denn wenn der Waldläufer Hunger bekommt, bricht er Jagd- und Fischerhütten auf. Mal nimmt er sich ein paar Flaschen Bier, in einem Freibad-Kiosk hat er sich kürzlich ein paar Tiefkühlschnitzel in der Mikrowelle heiß gemacht. Die Überwachungskamera zeigt einen älteren Herrn in Tarnklamotten, der sich ganz offensichtlich auf die warme Mahlzeit freut.

Die Polizei kennt Namen und Gesicht

Auch seine Garderobe erneuert der Waldläufer in den Hütten. Ein Paar lange Gummistiefel, wie sie Fischer benutzen, hat er gestohlen und auf seine Beinlänge zurecht geschnitten, erzählt Roth. Die fand die Polizei einige Zeit später nach einem weiteren Einbruch, bei dem er die Stiefel durch passenderes Schuhwerk ersetzte. Radios, Ferngläser, Wertgegenstände, die man verkaufen könnte, interessieren ihn offenbar nicht. Um die 70 Einbrüche soll der Mann seit April begangen haben.

Die Polizei kennt seinen Namen und sein Gesicht, denn er hinterließ DNS-Spuren an einer Gabel, als er in einer Hütte speiste. Ein internationaler Abgleich erbrachte, dass der Mann 2010 in Österreich erwischt worden war, nachdem er dort 70 Hütten-Einbrüche begangen haben soll. 2012 war er einige Monate im Bayerischen Wald unterwegs. Im Winter. Er kommt offenbar zurecht in der Wildnis. Der Waldläufer ist ein 61-jähriger Tscheche, der auf einem Bild von 2010 einen langen rötlichen Bart und lange Haare trägt. Auf den unscharfen Bildern der Überwachungskamera im Freibad-Kiosk sieht der Mann schmaler und etwas älter aus. Als ob das Leben im Freien seine Spuren hinterlassen hätte.

"Wie ein Tier im Wald"

"Von Angesicht zu Angesicht hat ihn noch niemand gesehen", sagt Robert Roth. Und weil der Mann auch nicht gesehen werden will, macht das die Suche in dem riesigen Gebiet so schwer. Mit Hunden waren die Beamten schon unterwegs, immer wieder rücken bis zu 20 Polizisten aus zum Waldspaziergang. Bislang erfolglos. "Wir lernen unsere Heimat zurzeit sehr genau kennen", sagt Roth. Er selbst hat einige Umwege gemacht, auf dem Weg von der Polizeiinspektion nach Hause ist er die Feldwege am Kornberg abgefahren. Ohne Erfolg. "Er verhält sich wie ein Tier im Wald", sagt Roth. Und der ist rund um den Kornberg weitläufig und dicht.

Die Hüttenbesitzer, denen die Beute des Waldläufers weit weniger Schaden verursacht als sein rabiates Vorgehen an den Türen, versuchen inzwischen mit dem Mann zu kommunizieren. Und zeigen sogar ein bisschen Verständnis. "Lieber Einbrecher", steht an einer Hüttentür geschrieben, "sie haben nun schon das zweite Mal bei uns eingebrochen." Weil der Schaden an der Tür und der Aufwand, diesen zu reparieren, ungleich höher sei als der Wert der geklauten Isomatte und der fünf Bier, "haben wir ihnen Freigetränke (Bier) hinter das untere Holzhäuschen gestellt, mit der Bitte, sich hier zu bedienen." Im Haus dagegen sei nichts mehr zu trinken, er können sich deshalb die Mühe sparen, das Schloss zu demolieren.

Ein anderer Hüttenbesitzer bietet ihm auf Deutsch und Tschechisch ebenfalls Lebensmittel an. Aber dafür möge er bitteschön die Hasen im Stall am Leben lassen. Zwei Tiere hat ihm der Waldläufer offenbar schon geklaut. Vermutlich nicht, weil er so gerne Haustiere hätte.