Phil Herold und die Stars Laune der Natur

München, Türkenstraße, kurz vor Weihnachten. In einer Wohnung im ersten Stock des Altbaus mit der Hausnummer 37 ist Philipp Herold aufgewachsen. Obwohl die Familie schon lange in Tann wohnt, wo sie ein behindertengerechtes Haus gebaut hat, hielt sie an dieser Münchner Wohnung fest. Monika und Gerhard Herold führten 1980, als ihr Sohn geboren wurde, ein Obst- und Gemüsegeschäft, arbeiteten 16 Stunden täglich und waren glücklich. Bis Philipp nach einigen Monaten seinen Kopf nicht mehr heben konnte. Eine Muskelbiopsie im Kinderspital ergab den niederschmetternden Befund: Philipp ist unheilbar krank, er leidet an Spinaler Muskelatrophie. Es ist eine Laune der Natur. Die fortschreitende Zerstörung von Nervenzellen im Rückenmark führt zu Muskelschwund und Körperlähmung. Mittlerweile muss Philipp 16 Stunden am Tag beatmet werden. Seit einigen Jahren kann er nur noch einen Daumen bewegen.

An diesem Dienstag hat ihn sein Vater mit dem eigens für seinen Transport umgebauten Spezialbus von Tann nach München gefahren und ihn zusammen mit einem Betreuer in die Wohnung im ersten Stock hinaufgetragen. Phil wird 24 Stunden am Tag betreut. Sieben Tage die Woche. "Es muss immer jemand bei ihm sein", sagt Gerhard Herold, der Vater, ein ruhiger Mittfünfziger mit Karl-Lagerfeld-Frisur.

Die Pflege des Sohnes hat die Eltern an ihre körperlichen und seelischen Grenzen geführt. "Dafür haben wir es geschafft, dass Phil in seiner vertrauten Umgebung wohnen kann", sagt Gerhard Herold. Dass er ein Leben nach eigenen Vorstellungen führen, dass er am Computer arbeiten und sogar große Reisen unternehmen kann, ist alles andere als selbstverständlich. Die meisten seiner gut 400 Leidensgenossen in Deutschland leben im Heim. Um dies zu vermeiden, ist Phil Herold zu einem Arbeitgeber geworden. "Ich stelle Menschen ein, die mir helfen, meinen Alltag zu bewältigen", erklärt er dieses Modell, dessen Finanzierung mehrere Kostenträger übernehmen. "Das kommt aber immer noch günstiger als ein Heimplatz", sagt sein Vater. Das Problem ist nur: Es ist schwer, geeignete Assistenten zu finden. Mancher Kandidat springt schnell wieder ab.

Der Assistent Christoph, der Philipp gerade in der Münchner Wohnung betreut, arbeitet dagegen schon einige Jahre für ihn. Routiniert regelt er die Abläufe, fast alles funktioniert wortlos, er kann gleichsam die Gedanken seines auf einer Liege ruhenden Chefs lesen. Jetzt dreht er dessen Kopf in Richtung des Gesprächspartners, bewegt dessen Arme und Beine, stellt zur richtigen Zeit einen Becher neben seinen Kopf, damit Philipp über einen Strohhalm Nahrung aufnehmen kann. Er hält ihm das Handy ans Ohr, wenn er telefoniert. Die Wohnung in der Türkenstraße ist zugleich ein Atelier. Großflächige Kunstwerke lehnen an der Wand, Bilder, die Phil Herold mithilfe des Computers geschaffen hat. Er arbeitet nachts und schläft am Tag. "In der Nacht kommen mir die besten Ideen", sagt er. "Einige wurden für die nimmer endende Nacht geboren!", hat er auf seiner Facebook-Seite notiert.

Vor zehn Jahren hat Phil Herold die Prüfung zum Mediendesigner mit Auszeichnung bestanden und anschließend in einer Software-Firma als Grafiker gearbeitet, die Krankheit ließ das damals noch zu. Während seiner Ausbildung entdeckte er die Kunst als neue Energiequelle seines Lebens. Er produziert großflächige Pop-Art-Bilder, farbstrotzend, märchenhaft, fotorealistisch. Mittlerweile hängen seine Werke in Galerien auf der ganzen Welt.