Phil Herold und die Stars Eine Überdosis Leben

Der Rapper Snoop Dogg ist ein guter Freund von Phil Herold.

(Foto: dpa)

Er kennt Snoop Dogg, die Rolling Stones, Eric Clapton und viele andere Stars: Phil Herold ist schwer behindert, muss 16 Stunden am Tag beatmet werden. Seine Lebenserwartung lag bei drei Jahren - jetzt ist er 32, hat viele Weltstars als Freunde, entwirft Computerbilder und wird für sie in Amerika gefeiert.

Von Hans Kratzer

Eine Sommernacht in der Konzerthalle Melkweg in Amsterdam. Es gastiert der Rapper Snoop Dogg aus Long Beach, USA, ein Leitwolf im globalen Musikbusiness. Auf einem You-Tube-Video, das diesen Auftritt dokumentiert, wirkt die Halle wie ein Dampfkessel, der von zuckenden Leibern und vom Rhythmus der Hip-Hop-Musik erhitzt wird. Snoop Dogg trägt ein holländisches Oranje-Fußballtrikot. "Has everybody a good time?", fragt der Rapper, "Yeeaahhh" schallt es ihm entgegen.

Snoop aber richtet seinen Blick bereits in eine andere Richtung. Ein guter Freund komme jetzt auf die Bühne, kündigt er dem Publikum an, er heiße Phil. Schon nähert sich von der Seite ein mit allerlei Technik aufgepfropftes Rollstuhlgefährt. Darauf sitzt ein schmächtiger Mensch, sein Gesicht ist hinter einem Hut, einer Sonnenbrille und einem weißen Mundschutz verborgen. Zwei Schläuche führen von einem Beatmungsgerät in die Nase des Überraschungsgastes, der sehr zerbrechlich wirkt.

Wie hat man sich einen Freund von Snoop Dogg vorzustellen, einem Musiker, dessen Karriere auch von dubiosen Geschichten begleitet war? Kenner der Szene würden wohl auf einen mit dicken Ringen und Goldketten behängten Gangsta-Rapper aus irgendeinem amerikanischen Großstadt-Ghetto tippen. Doch der Freund, den Snoop auf die Bühne bittet, stellt das glatte Gegenteil eines solchen Typen dar. Er heißt Philipp Herold, nennt sich selber Phil und stammt mitnichten aus dem Drogen- und Zuhältermilieu der US-Südstaaten, sondern aus dem braven niederbayerischen Dorf Tann. Ein solches Duo sieht selbst das global gefärbte Melkweg nicht jeden Tag: hier der drahtige dunkelhäutige Superstar, dort der dünne blasse Phil, gezeichnet von seiner schweren körperlichen Behinderung - solche Freundschaften existieren sonst nur in Kinofilmen wie "Ziemlich beste Freunde".

Welch ein Schauspiel! Snoop Dogg rappt, fuchtelt mit den Armen, presst seinen Sprechgesang ins Mikro, neben ihm lässt Phil seinen Rollstuhl im Takt der Musik kreisen, er wippt vor und zurück, dreht sich flüssig, die Szenerie wirkt so unschuldig wie ein Marionettenspiel der Augsburger Puppenkiste. Das Publikum kreischt, Phil würde gerne zurückwinken. Er kann aber nur seinen Daumen bewegen. Sein Körper ist steif und gelähmt.

Die Krankheit ist im Säuglingsalter ausgebrochen, jetzt ist Philipp Herold 32 Jahre alt. Doch in seiner schwachen Konstitution steckt eine Überdosis Leben. Er klagt nicht, sondern beteuert bei jeder Gelegenheit: "Behindert bin ich nur nebenbei!" Für einen wie ihn ist das Dasein viel zu kostbar, um darüber zu jammern, mag es noch so mühsam sein. Auf seiner Facebook-Seite hat er vor wenigen Tagen gepostet: "Gib niemals auf. Egal wie oft du stürzt, steh immer wieder auf. Niederlagen werden nicht akzeptiert. Jage den Traum!"

Phils Lebenserwartung lag bei drei Jahren. Jetzt, 30 Jahre später, sprechen die Mediziner von einem Wunder. "Ich wusste schon als Jugendlicher, dass ich mehr leisten muss als andere, um meine Ziele zu erreichen", erzählt der tapfere Kämpfer in Interviews. Mit seinem Willen, niemals aufzugeben, schafft er es immer wieder, Leidensgenossen mitzureißen, aber auch Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen, verwöhnte Stars aus dem Show-, Film- und Musikbusiness. Snoop Dogg ist nicht sein einziger Freund aus diesem Dunstkreis.

Jeder Konzertveranstalter müsste Herold wegen seiner Kontakte beneiden. Die Rolling Stones, Sting, Beyoncé, Cher, Aerosmith, Leonardo di Caprio, Robert de Niro, Franz Beckenbauer - die Liste seiner prominenten Unterstützer ließe sich fast beliebig lange fortsetzen. Wie aber schaffte es Phil Herold, all diese Weltstars für sich zu gewinnen? Die Suche nach einer Antwort führt in seine Heimatstadt.